Stendal l Sie hätte ja gedacht, das ist nur was für junge Leute. Aber dann erfuhr sie im Jobcenter, dass sich auch Ältere für den Bundesfreiwilligendienst bewerben können - und das tat Elke Tilgner dann prompt. Die 56-jährige gelernte Brillenoptikerin war da schon länger ohne Arbeit, aber nicht ohne Hoffnung, dass sie irgendwo irgendwie doch gebraucht werden könnte.

Bei der Stendaler Bahnhofsmission schließlich lief Elke Tilgner geradezu in offene Arme. "Ich bin da einfach mal hingegangen", schildert sie ihre wahrlich unkomplizierte Kontaktaufnahme, nachdem ihr ihre Vermittlerin das Angebot herausgesucht hatte. Als Praktikantin ging sie das Ganze zunächst pragmatisch-vorsichtig an, wärmte sich in diesem ihr fremden Tätigkeitsfeld erst einmal auf. Um festzustellen: "Ja, das ist was für mich." Gut aufgehoben und angenommen fühlt sie sich noch dazu.

Verlässlich sein ist wichtig

Am Ende war es für alle ein Glückstreffer, seit 1. Januar ist Elke Tilgner offiziell "Bufdi" bei der Stendaler Bahnhofsmission. Deren Leiterin Annette Seher und ihren Kollegen ist sie sehr willkommen, eine große Unterstützung im Alltag der Ehrenamtlichen. Zu diesem Alltag gehörten im vorigen Jahr sage und schreibe 22.120 Gespräche und kleine Hilfen oder Auskünfte, über 8200 Hilfen im Reiseverkehr, 22 Obdachlose und 13 seelsorgerische Gespräche.

Diese Statistik zu führen, ist nun auch Elke Tilgners Aufgabe. Sie ist 21 Stunden pro Woche im Dienst, bekommt dafür 210 Euro monatliches Taschengeld. Als Einzige ist sie jeden Tag da, aber nie allein. Es sind immer zwei Kollegen pro Schicht.

Als Bundesfreiwillige, insbesondere in der Bahnhofsmission, hat man viel mit Menschen zu tun. Und das bringt Verantwortung mit sich. "Verlässlichkeit ist hier ganz wichtig", sagt die Leiterin, die auch schon Bewerber mit falschen Vorstellungen abgelehnt hat. "Und man muss eine Grundfreundlichkeit den Menschen gegenüber mitbringen."

Eingespieltes Team

Das alles ist selbstverständlich für Elke Tilgner, die von eher zurückgenommenem Wesen ist, einem dennoch offen und zugewandt begegnet. Die Begebenheiten, die sie bisher in der Bahnhofsmission erlebt hat, bringen sie nicht aus der Ruhe. Aber ins Staunen gerät sie darob schon: Kinder, die auf dem Gleis spielen, während die Eltern daneben sich gar nicht darum kümmern. Ein Obdachloser, der im Winter ohne Schuhe daherkommt. Oder der ältere Herr, dem seine Frau "abhanden" kommt, weil sie nicht rechtzeitig aus dem Zug ausgestiegen ist. Allen konnte geholfen werden, alles ging gut aus. Wohl auch, weil es "ein eingespieltes Team ist, man bekommt alles gut erklärt", sagt Tilgner, die sich von den anderen auch die ein oder andere Vorgehensweise abschaut.

Direkte Resonanz

Die blaue Weste und die blaue Jacke mit dem Emblem der Bahnhofsmission sind dabei mehr als nur Dienstkleidung. "Es vermittelt Vertrauen", sagt Seher, vielen Leuten sei das Blau inzwischen bekannt, es signalisiert: Hier bekommt man Hilfe, Orientierung, Aufmerksamkeit. Und trotzdem: "In der Allgemeinheit wissen viele gar nicht, was Bahnhofsmission ist", stellt Annette Seher immer wieder fest. Vielleicht auch, weil, wer keine Hilfe benötigt, nicht danach sucht. Gut zu wissen ist gleichwohl: "Egal, was passiert, die Bahnhofsmission ist da."

Das Schöne an alldem, findet Elke Tilgner jetzt schon, ist die direkte Resonanz, die sie erfahren. Sei es das Lächeln und der dankbare Händedruck bei vermeintlichen Kleinigkeiten, sei es die Gewissheit, jemandem in einer Notsituation geholfen zu haben, ihn ein Stückchen auf einen guten Weg geleitet zu haben. Wohin die Reise jedes Einzelnen letztlich führt, bleibt diffus.

Elke Tilgners Reise führte sie nun vorerst für ein Jahr in die Stendaler Bahnhofsmission. Sollte sie zwischendurch trotzdem einen Job finden, dann lege ihr keiner Steine in den Weg, versichert ihre Chefin. Aber froh, wenn sie bis zum Schluss bliebe, wäre man schon. Ein leises Lächeln huscht über beider Gesichter.