Stendal l Auf dem Tisch liegt ein amtliches Schreiben. Darin wird der Stendalerin bescheinigt, sie darf ihre Tätigkeit fortsetzen. „Darüber freue ich mich riesig“, sagt Gabriele Eggestein und fügt in ihrer lockeren Art hinzu: „So bin ich noch bis zum 30. September unter.“

Gabi, wie die aufgeschlossene ältere Dame von Freunden und Kollegen genannt wird, ist 71 Jahre alt und zum zweiten Mal ein Bufdi. Das heißt, sie absolviert erneut über den Bundesfreiwilligendienst eine unbezahlte Arbeit, konkret beim Stendaler Leichtathletikverein. Träger dieser Maßnahme, die vom Bundesfamilienministerium finanziert wird, ist die Sportjugend Sachsen-Anhalt. An diesem speziellen Programm können Frauen und Männer teilnehmen, die älter als 27 Jahre sind. Das ist die 71-Jährige nun wahrlich und doch eher eine Ausnahme.

Mindestrente aufbessern

„Klar, könnte ich als Rentnerin die Hände in den Schoß legen und nichts mehr tun“, sagt die gebürtige Stendalerin und wehrt sich im gleichen Atemzug: „Nein, das ist einfach nicht mein Ding.“ Unter Menschen zu sein, gebraucht zu werden, etwas Nützliches tun, was obendrein noch Spaß bereitet, das gefalle ihr. Sicher könne sie das Taschengeld von 200 Euro, dass sie als Bufdi im Monat bekomme, gut gebrauchen. „Ich beziehe nur eine Mindestrente.“

Im Freundeskreis stoße sie mit ihrer Einstellung auf geteilte Meinungen. „Die einen sagen, warum tust du dir das bloß noch an, andere hingegen stimmen mir zu, es so lange weiter zu machen wie es geht, weil sie spüren, es tut mir gut.“

Aus diesem Grund steht für Gabi Eggestein bereits fest, wenn die 18 Monate andauernde Bufdi-Zeit im Herbst vorüber ist – dem Leichtathletikverein bleibe sie treu. Dann sei sie eben nur noch dienstags und donnerstags bis Mittag im Büro, um sich um Post und Schriftverkehr zu kümmern. „Es gibt immer etwas zu tun, sei es bei Vor- und Nachbereitungen von Veranstaltungen oder die Wettkampfkleidung und Inventar in Ordnung zu halten.

Anfangs mit Sport gar nichts am Hut gehabt

Als Bufdi arbeitet sie täglich sechs Stunden und nimmt an Seminaren teil. Nach Schulungen in Magdeburg und Berlin sei sie zuletzt im Harz in Schierke gewesen, wo die Landes-Sportjugend eine Baude betreibt. Die Themen seien sehr vielfältig und interessant. „Die Auswahl bei Praxis und Theorie ist gut, ich lerne immer wieder Neues dazu, ob im sportlichen Bereich oder im gesellschafts-politischen“, sagt die Stendalerin. Dabei habe sie „anfangs mit Sport gar nichts am Hut gehabt“.

Nach Schule und Abitur arbeitete die ausgebildete Industriekauffrau zuletzt bei einem Generalauftragnehmer, der das Kernkraftwerk bei Arneburg errichten sollte. Mit der politischen Wende 1990 wurde das Vorhaben gestoppt, Gabi Eggestein fand keinen Anschluss in ihrem Beruf. Während ihrer Arbeitslosigkeit sorgten lediglich Fortbildungen für Abwechslung, denn wie viele in ihrem Alter damals, „wollte keiner die über 50-Jährigen einstellen“.

Herzklopfen beim Antrittsbesuch

Persönlich entmutigt habe sie das nicht, eine vom Arbeitsamt vermittelte Beschäftigungsmaßnahme sollte 2005 eine glückliche Fügung werden. Die Tätigkeit sollte Gabi Eggestein bei der Gesellschaft für Arbeitsförderung in Uenglingen aufnehmen. Von dort wurde sie zur Geschäftsstelle des Kreissportbundes (KSB) in Stendal delegiert. „Was soll ich beim Sport“, habe sie sich gedacht und erinnere sich noch sehr gut an ihren Antrittsbesuch. „Ich hatte Herzklopfen wie noch nie.“ Die erste Begegnung mit dem damaligen KSB-Geschäftsführer Siegfried Wille habe ihr jedoch jegliche Angst genommen. Schnell habe sie sich in die Büroarbeit eingefuchst und Gefallen am Sport gefunden. Das Engagement, das die Vereinsmitglieder ehrenamtlich leisten, beeindruckte sie.

Verständnis in der Familie für rastlosen Ruhe

Nach Beendigung der Beschäftigung beim KSB blieb die Liebe zum Sport. Auf die Idee, im Verein Bufdi zu werden, habe sie ihre Betreuerin im Job-Center gebracht. „Sie merkte, dass ich nicht zu Hause sitzen will“, sagt die Rentnerin. Der Leichtathletikvereinschef Peter Ludwig stellte einen Antrag, der genehmigt wurde. So absolvierte Gabi Eggestein von März 2012 bis November 2013 ihren ersten Bundesfreiwilligendienst.

Im Ehrenamt mischte sie weiter beim Hanse-Cup und anderen Wettkämpfen mit. Im Vorjahr, nach Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen Wartezeit, nutzte sie die Chance für einen zweiten Freiwilligendienst. „Die Freude an diesem Job ist mit Geld nicht zu bezahlen“, sagt die dreifache Großmutter, die in der Familie und beim langjährigen Freund auf Verständnis für ihren rastlosen Ruhestand stoße.