Geschichte

Gastwirt gibt Nazi-Gegnern eine Bleibe

Die Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder stirbt aus.Wolfgang Lippert, als „Junge dieser Zeit“, berichtet über das Erlebte in Grieben.

Grieben l 1938 geboren, gehöre ich gerade noch zur „Friedensware“. Ich und all die anderen meines Alters hatten also die Wahl von Adolf Hitler nicht zu verantworten. Meinen Vater konnte ich nicht mehr fragen, denn der wurde von den Nazis noch in den letzten Kriegstagen in Stalingrad „geopfert“, so damals die herzlose Wortwahl von einem Nazi aus Grieben vor 1945 in der Gaststube meines Großvaters und das in Gegenwart meiner Mutter.

Meine Großeltern hatten in der Gaststätte in Grieben auch Gästezimmer, die oft genutzt wurden. So hatte die ältere Lehrerin Anna Köpcke aus Hamburg während des Krieges bei uns Unterschlupf gefunden. Sie war vor dem Bombardement Hamburgs geflüchtet. In einem anderen Zimmer wohnten Fritz Schneider und seine Frau, von denen während des Krieges nur meine Großeltern wussten, warum sie bei uns Unterschlupf gesucht hatten. Erst nach dem 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, hatten meinen Großeltern die ganze Geschichte erzählt:

An einem Abend, Ende 1943 oder Anfang 1944, kam ein Ehepaar in die Gaststube und bat um etwas zu trinken, nur um ein Glas Wasser. Das war zwar ungewöhnlich, aber es war ja Krieg. Als alle Gäste aus der Gaststube weg waren, fragte das Ehepaar meinen Großvater, ob man mit ihm ehrlich und offen reden könne. Mein Großvater, der das Christsein lebte, merkte, dass die beiden in Not waren und antwortete mit einem klaren „ja“.

Sie erzählten nun Großvater, dass sie über die Fähre gekommen wären und nun kein Geld mehr hätten, er, Fritz Schneider, hatte bis wenige Tagen zuvor im KZ Buchenwald gesessen, weil er als Pazifist keine Waffe gegen Menschen in die Hand nehmen wollte, seine Frau saß im KZ Annaburg, war dort interniert.

Sie baten schließlich meinen Großvater und meine Großmutter um ein Zimmer und eine Bleibe, bis der „Spuk“ vorbei sei, denn das Kriegsende war ja abzusehen. Sie wollten mitarbeiten, wollten sich so einbringen und dankbar erweisen. Dieses erste Gespräch war nur zwischen meinen Großeltern und dem Ehepaar Schneider geführt worden. Meine Mutter, meine Tante Irmgard und wir Kinder wussten von nichts, wir sollten vor Unannehmlichkeiten geschützt werden.

Wenn in der Folgezeit von Gästen in der Gaststube gefragt wurde, wer denn „diese Leute“ wären, die da bei uns wohnen, dann wurde nur kurz geantwortet: „Die sind ausgebombt“. Wo: „In Hamburg“ und mehr wollte kaum jemand wissen, weil alle Menschen vor dem bevorstehenden Kriegsende viel mehr mit sich zu tun hatten. So war Ehepaar Schneider in den letzten Kriegsmonaten bei uns „mit am Tisch“, half uns auf dem Acker und bei anderen Arbeiten und gefragt wurde nicht.

Als mir nach dem Krieg mein Großvater beim Heuen auf unserer Wiese die ganze Geschichte erzählte, war ich richtig stolz auf ihn und seinen Mut, diesen Menschen in ihrer Not und Verzweiflung geholfen zu haben. Als ich dazu was sagte, antwortete er nur kurz sinngemäß: Das ist christliche Nächstenliebe, wir Christen sollen allen Menschen in Not Hilfe zu Teil werden lassen.

Er äußerte sich zu jener Zeit außerdem sehr dankbar, dass wir hier an der Elbe alle überlebt hatten, nicht unsere Heimat hatten verlassen müssen, wie so viele andere „aus dem Osten“, die nun als Flüchtlinge bei uns unterkommen mussten.

In der Folgezeit wurden wir Kinder in der Schule mit viel „Rotlicht bestrahlt“, und es wurde viel über mutige Menschen in der kriminellen Nazizeit erzählt. Kinder lassen sich leicht beeinflussen. In diesem Zusammenhang hatte ich später, da war schon die DDR gegründet gewesen, meinen Großvater abermals zur Geschichte über die Schneiders angesprochen und ihm erklären wollen, dass auch er damals ein mutiger Antifaschist gewesen wäre und das würde ich gerne in der Schule erzählen. Darauf antwortete mein Großvater fast etwas ärgerlich in seinem altmärkischen Plattdeutsch: „Junge, dat deiste (tust du) nicht!“

Dann nannte er zehn und mehr ehemalige Nazis mit Namen aus Grieben und Umgebung, die inzwischen alle in der SED eingetreten waren. Ich sehe ihn immer noch vor mir, wie er an den Fingern seiner beiden Hände abzählend, jeden einzelnen ehemaligen Braunen nun rot Umgefärbten nannte. Dann folgte wie ein Donnerschlag auf Plattdeutsch hinterher: „Und mit de alle willig nischt to don hem“ (und mit denen alle will ich alle nichts zu tun haben).

Später hatte ich erfahren, dass man während der Nazizeit dem Ehepaar Schneider die Tochter Elfriede weggenommen und in ein Kinderheim gesteckt hatte. Eine Tante der Familie hatte sie aber noch während des Krieges zu sich genommen und später zu ihren Eltern nach Grieben gebracht. Dort sind sie die Schneiders nach dem Krieg ins Haus zu Anni Köppe in die Gartenstraße gezogen, weil es bei uns für drei Personen zu klein wurde. Anschließend ging diese Familie wieder ins Saarland zurück und wohnte in Schwalbach.

Aber Ehepaar Schneider kam in unregelmäßigen Abständen immer wieder nach Grieben, um ihren „zweiten Geburtstag“ in Dankbarkeit bei meinen Großeltern zu feiern. Von der Reichsbahn der DDR bekamen sie einen Freifahrtschein, um an den Buchenwald-Treffen teilzunehmen. Sie durften sich mit dem Freifahrtschein der Reichsbahn sogar eine „Umweg-Fahrkarte“ zum Bahnhof nach Tangerhütte lösen, was sehr preiswert war, um uns in Grieben zu besuchen. So hatten wir noch bis etwa 1959 zu ihnen Kontakt gehabt.

Später hatten Fritz Schneider und seine im Saarland erfahren, dass nach dem Krieg durch die Sowjets das einstige KZ Buchenwald als Gefangenenlager weiter betrieben worden war, aber nun hätten ehemalige Nazis dort eingesessen, leider auch viele denunzierte Unschuldige. Für Herrn Schneider war damit eine Welt zusammengebrochen, als er begreifen musste, dass auch das kommunistische Gesellschaftssystem nicht viel besser war als das Nazi-Unrechtssystem. Er weigerte sich, weiter an diesen Buchenwald-Treffen teilzunehmen.