Premiere für Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" am Theater der Altmark

Gefühle, Intrigen und niedere Beweggründe

Von Birgit Tyllack

Der neue Intendant des Theaters der Altmark hat am Sonnabend die neue Spielzeit eröffnet. Seine stark umjubelte Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" öffnete auch die altmärkischen Herzen.

Stendal l Dieses bürgerliche Trauerspiel hat alles, was den Menschen berührt: Liebe und Intrigen, edle Gefühle und niedere Beweggründe. Eingebettet freilich in einem altmodischen Zusammenhang, der uns heutzutage befremdlich scheint.

Intendant und Regisseur Alexander Netschajew umschifft diese Klippe und liefert ein spannendes und temporeiches Stück, das die Spieldauer von gut drei Stunden kurzweilig erscheinen lässt.

Ferdinand von Walter liebt die einfache Bürgerstochter Luise Miller. Diese Verbindung ist ihm ernst. Sein machtbesessener Vater, Präsident von Walter, will indes seinen Sohn mit Lady Milford, der Mätresse des Herzogs, verheiraten.

Um die Liebenden zu trennen, sinnt er mit Hilfe seines Sekretärs auf eine Intrige. Ein vermeintlicher Liebesbrief Luises an Hofmarschall von Kalb entfacht Ferdinands rasende Eifersucht, Luise muss aus Angst um die Eltern schweigen.

Das Trauerspiel endet wahrlich dramatisch: Die Liebenden sind tot, der Präsident und Sekretär Wurm ruiniert, und Luises Eltern des einzigen Kindes, ihres ganzen Stolzes beraubt. Einzig Lady Milford entkommt: zwar mittellos, aber mit wiedergefundener Selbstachtung.

Netschajew lässt die Schauspieler zur Höchstform auflaufen. Jeder einzelne überzeugt und begeistert. Oft setzte das Publikum bei der Premiere zum verdienten Szenenapplaus an, hielt jedoch regelrecht ergriffen inne.

Allen voran sind natürlich Jan Kittmann und Michaela Maxi Schulz zu nennen. Schulz rührt durch ihre Mädchenhaftigkeit, der jedoch immer auch ein wacher und aufrichtiger Geist anzumerken ist.

Kittmann ist die Rolle des Major von Walter wie auf den Leib geschrieben: leidenschaftlich, fordernd und hitzig. Besonders schön sind die Momente, in denen Kittmann seinen Ferdinand auch verletzlich erscheinen lässt. Wenn er eben noch rasend vor Eifersucht tobt und im nächsten Moment seine Luise heilsuchend anschaut.Im Stück hat Lady Milford den Herzog in ihrer Hand, im Theater Annett Siegmund das Publikum.

Ebenso überzeugend: Peter Donath als ehrgeiziger, skrupelloser Präsident und Vater. Sein Sekretär Wurm wird von Andreas Müller gespielt, der es schafft, dieser intriganten Figur echte Tiefe zu geben. Dieser Wurm ist nicht nur schwarz, sondern zeigt auch Graustufen.

Angelika Hofstetter und Mathias Kusche stehen als Luises Eltern auf der Bühne. Kusche spielt den Vater unauffdringlich eindringlich, Hofstetters Mutter ist beinah schon als die zweite komische Figur des Stücks zu sehen. Diese Mutter ist lächerlich und ordinär, und das passt so auch.

Der eigentlich komische Charakter ist Hofmarschall von Kalb. Martin Olbertz (zurechtgemacht wie Karl Lagerfeld) beschert den Zuschauern inmitten dieser ergreifenden Momente erfrischende Heiterkeit, Zeit zum Durchatmen.

Das Bühnenbild von Mark Späth ist genial einfach und macht doch viel her. Die Kostüme der Zeit des 18. Jahrhunderts angelehnt. Eine tolle Mischung.

Netschajews fulminanter Start am Theater der Altmark hat hohe Maßstäbe gesetzt.