Stendal/Tangermünde l Mehrere Faustschläge ins Gesicht, ausgerissene Haare und ein Tritt gegen den Kopf – diese Angriffe soll ein Stendaler laut Anklage am 1. März 2019 gegen eine Tangermünderin verübt haben. Die Folge: eine Mittelgesichtsfraktur. Die Frau lag deshalb mehrere Tage im Krankenhaus. Am ersten Verhandlungstag am Landgericht Stendal erklärte der Angeklagte aus seiner Sicht, wie es zur Prügelattacke gekommen war.

Wenige Tage vor der Tat befand sich der 32-jährige Stendaler für eine Entgiftungstherapie in Uchtspringe. Nach eigener Aussage hat er viele Drogen genommen, von Crystal Meth bis Alkohol. „Ich habe lange Zeit gebraucht, um Hilfe anzunehmen, weil ich mich nicht für krank gehalten habe“, sagte der Angeklagte vor Gericht.

Seiner damaligen Freundin händigte er für die Dauer der Therapie seine EC-Karte aus, weil er in Uchtspringe keine Bankgeschäfte tätigen könne und er kein Online-Banking habe. Sie sollte ein Auge auf seine Ausgaben haben. Unter anderem muss er monatlich Unterhalt an die Mutter seines heute 13-jährigen Sohns zahlen. Und mit dem Unterhalt begannen auch die Geldsorgen des 32-Jährigen.

Entzugserscheinungen durch abgesetzte Medizin

Er brach seine Therapie und Langzeitmedikation Ende Februar 2019 ab. Seine Freundin sei alleine überfordert gewesen und sie habe mit Beendigung der Beziehung gedroht, wenn er ihr mit dem Haus nicht helfe. Doch das plötzliche Absetzen seiner Medizin hatte Entzugserscheinungen zur Folge: unter anderem Angstzustände, Schlafstörungen sowie Herzrasen. Dazu kam das für ihn unerwartet hohe Minus auf seinem Bankkonto und der Druck der Mutter, dass er den Unterhalt zahlen solle. Er benötigte schnell Geld und eine Geldquelle war das spätere Opfer der dem Angeklagten vorgeworfenen Prügelattacke.

Das Opfer habe sich Geld von der Freundin des 32-Jährigen geliehen, um sich einen Urlaub zu finanzieren. Rund 300 Euro sollen es gewesen sein. Aber die Tangermünderin hätte das Geld so spontan nicht parat, bekam der Angeklagte über Gespräche seiner Freundin mit dem Opfer mit. Doch die Freundin wollte sich nicht abwimmeln lassen, und am Abend des 1. März 2019 stand der Angeklagte vor der Tür der Tangermünderin.

Die Erklärung des Angeklagten zur Prügelattacke hörte sich wie eine Kurzschlussreaktion an. „Was interessiert mich dein Balg?“ soll das Opfer gesagt haben, nachdem der 32-Jährige ihr sein Problem erläutert hat. Dann schlug er „wahllos“ auf sie ein, wie er sagte. Fünf bis sechs Faustschläge ins Gesicht, schätzte er. Dabei zog er ihr an den Haaren und riss Büschel aus. Wegen des glatten Bodens stürzten beide. Der Angeklagte stand auf, ging zum Auto, indem seine Freundin wartet und fuhr davon. Von einem Tritt gegen den Kopf erzählte er nichts.

Angeklagter stellt sich selbst bei der Polize

Kurz nach der Tat stellte sich der 32-Jährige selbst im Polizeirevier Stendal. Ein befreundeter Polizist habe ihm dazu geraten.

In den darauf folgenden Monaten begann der Angeklagte eine weitere Therapie und brach sie erneut wegen seiner Freundin ab. Wenig später beendete er die Beziehung. Er verfiel erneut den Drogen bis sich seine Familie von ihm abwandte. „Was nützt es, mit dir zu reden, wenn du um 7 Uhr morgens eine Fahne hast?“ zitiert der Stendaler ein Familienmitglied aus seinem Gedächtnis.

Neue Therapie

Damit begann scheinbar sein Weg der Läuterung. Der Angeklagte durchlief eine Entgiftung, eine Langzeitentwöhnungstherapie und besucht bis heute Selbsthilfegruppen, sagte er vor Gericht. Der 32-Jährige arbeite mittlerweile im ambulanten Pflegedienst und ist darin auch als Ausbilder tätig. Heute wohnt er in Magdeburg. „Ich möchte sie für das entschädigen, was ich ihr angetan habe“, sagte der Angeklagte zum Ende seiner Ausführungen über das Opfer.

Danach hat die Vorsitzende Richterin Simone Henze-von Staden den ersten Verhandlungstag gegen den 32-Jährigen am Landgericht Stendal beendet. Beim Fortsetzungstermin am 18. Februar sollen die ersten Zeugen gehört werden.