Stendal/Späningen l Filigranes und Grobes treffen im Beruf des Ofensetzers aufeinander, das eine ist ohne das andere kaum denkbar. Jedenfalls, wenn man sich erzählen lässt, wie Anke Nahrstedt diesen Beruf ausübt. Denn so schwer und klobig manches Bauteil eines Kaminkachelofens auch ist und so massiv und trutzig ein solcher letztlich im Wohnzimmer steht – seinen Ursprung hat er in einer beinahe künstlerischen, locker-lebendigen Perspektivzeichnung. Die fertigt Anke Nahrstedt nach wie vor mit Stiften auf Papier an.

Aber Moment mal, eine Frau als Ofenbauerin? Ja, ja, vor solcherlei Gedankenrutsch ins Klischee ist man auch als noch so moderner und offengeistiger Mensch nicht gefeit. Anke Nahrstedt erlebt das auch tatsächlich immer mal wieder: „Da muss ich schon ab und zu mal schmunzeln“, sagt sie und erzählt davon, dass die Kunden dann entweder ihren männlichen Mitarbeiter für den Chef halten oder in Gesprächen ihren Ehemann mit fachlichem Kauderwelsch behelligen – und der dann amüsiert seine Ahnungslosigkeit in Sachen Ofenbau erkennen lässt.

Einfach reingewachsen

„Tja, Frau, blonde Haare, rote Fingernägel, da wird einem nicht viel zugetraut“, kommentiert Anke Nahrstedt mit ironisch-versöhnlichem Lachen. Sie selbst kenne immerhin auch nur zwei weitere Ofensetzerinnen. Dass eine Frau nicht zwangsläufig am Herd, sondern ebenso gut an einer Schamottstein-Schneidemaschine steht, scheint noch nicht jedem vorstellbar.

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Dabei ist es für die 51-Jährige gar nicht weiter seltsam, in diesem Beruf zu arbeiten. „Ich bin da einfach reingewachsen“, sagt sie. „Schon als Kind habe ich meinem Großvater die Kacheln zugereicht und später meinem Vater geholfen.“ Bei ihm, Ewald Nahrstedt junior, hat sie dann – da war sie längst Diplom-Ingenieurin für Heizung, Lüftung, Sanitär – auch das Zeug zum Ofenbauer erlernt, bevor sie den Betrieb am 1. Mai 2000 übernahm. „Ich hatte einen älteren Bruder, der wäre eigentlich dran gewesen, aber er ist mit 39 Jahren gestorben.“

Körperlich schwere Arbeit

Gegründet hatte die Firma also ihr Großvater, Ewald Nahrstedt senior, 1928 in Späningen, wo sich auch heute noch der Hauptsitz samt Materiallager befindet. Von hier aus werden alle Bauteile, die Anke Nahrstedt wiederum in Deutschland und Österreich bestellt, zur jeweiligen Baustelle gefahren. 40 bis 50 Öfen pro Jahr bauen sie, alle in der Region, nur manchmal kämen Anfragen von weiterher, „das sind Leute, die weggezogen sind und uns noch kennen“.

In Stendal kann man sich im Studio in der Karlstraße ein paar Öfen anschauen und mit der Ofenbauerin die ersten Ideen entwickeln: „Jeder Ofen ist im Grunde ein Unikat, es gibt keine Bausätze, aufgebaut wird er dann jeweils vor Ort.“ Zwei bis drei Wochen hat man die Ofenbauerin und ihren Kollegen Falko Schlecht dann bei sich zu Hause, „es ist sehr viel Handarbeit“. Und es ist auch körperlich schwere Arbeit. „Da hat man als Frau eher seine Grenzen, aber im Großen und Ganzen kriege ich das gut hin“, sagt Anke Nahrstedt, der der menschliche Kontakt und das Ideenentwickeln an ihrem Beruf genauso gefallen wie das Auf-der-Baustelle-Sein und: am Ende das Ergebnis der eigenen Arbeit zu sehen.

Die Frage der Nachfolge

Die Entscheidung zwischen Kamin und Kachelofen ist für Anke Nahrstedt längst gefallen. Nicht nur, weil sie gerade geschäftlich spricht, sondern aus Überzeugung. Die klingt unüberhörbar heraus, wenn sie sagt: „Unser Herzblut steckt im Kachelofenbau. Damit holt man aus einem Stück Holz einfach mehr Energie heraus als nur beim Kamin. Und die Wärme ist eine ganz andere als bei Heizkörpern. Mit einem Kachelofen holt man sich die Sonne ins Heim.“ Unnötig zu erwähnen, dass ein solcher im heimischen Wohnzimmer bei Nahrstedt und ihrem Mann steht – mit gerundeter fester Ofenbank aus großen weißen Kachelrechtecken. Sieht aus wie eine steinerne Ottomane – und das soll bequem sein? „Ich lese da sehr gerne“, sagt sie begeistert, „aber stimmt schon, einen ganzen Abend würde ich es da auch nicht aushalten.“

Ob sie sich, wenn sie da so auf der warmen Ofenbank sitzt, ab und an Sorgen um die Zukunft ihres Betriebes macht? „Gedanken mache ich mir schon“, sagt Anke Nahrstedt, ohne grüblerisch-verzweifelt zu klingen. Kinder hat sie nicht, ein Familienbetrieb würde es also ohnehin nicht bleiben. Aber es finde sich auch kein Lehrling mehr, drei habe sie in den 20 Jahren bisher ausgebildet. „Es ist schwer, junge Leute fürs Handwerk und speziell für diesen Beruf zu begeistern.“