Stendal l An den Duft erinnert er sich noch. Wenn die Bier-Produktion auf Hochtouren lief, roch es in ganz Stendal-Nord malzig. Gustav Steinecke muss es wissen. Er hat nie woanders gewohnt. Die Hansa-Brauerei immer in Sichtweite seines Elternhauses. Und irgendwie auch stets im Mittelpunkt. Beruflich zumindest.

Fast sein ganzes Arbeitsleben verbrachte Gustav Steinecke in dem imposanten Klinker-Bau am Nordwall, der Ende des 19. Jahrhunderts errichtet worden war. Lernte dort als 16-Jähriger Ende der 50er-Jahre nach dem Schulabschluss den Beruf des Brauers und blieb dem Betrieb bis auf eine kurze Episode in der Ogema-Konservenfabrik treu. War also maßgeblich daran beteiligt, die Bierversorgung in der Stadt sicherzustellen. Allen Engpässen und Widrigkeiten der sozialistischen Mangelwirtschaft zum Trotz. Und erlebte, wie plötzlich fast von einem Tag auf den anderen niemand mehr etwas wissen wollte von seinem Produkt, ehe das alles buchstäblich zu Staub und Schutt wurde.

Der Rat des Kreises beschwerte sich

Doch ist der Rentner weit davon entfernt, die ganze Geschichte zu verklären. Weder in positiver noch negativer Hinsicht. Bier zu brauen sei nicht sein Traumberuf gewesen. Viel lieber hätte er Chemiefaserarbeiter gelernt. Der Plan scheiterte an gesundheitlichen Gründen. Der Zufall wollte es, dass er während der Abschlussfeier an der Diesterwegschule einen Mitarbeiter der Hansa-Brauerei traf, der ihn überzeugte, es als Brauer zu versuchen.

Bilder

Ob er als junger Mann jemals darüber nachgedacht hat, noch einmal etwas anderes zu probieren? „Nicht wirklich. Damals hat man seinen Beruf gelernt und sich nicht viele Gedanken drüber gemacht, vielleicht noch einmal etwas anderes auszuprobieren“, sagt Gustav Steinecke lakonisch. Zumal ihm der Job dann doch immer Freude bereitet habe. Aus den Zutaten Hopfen, Malz, Hefe und Wasser das Produkt herzustellen, habe nie an Faszination verloren. Weil es sich auf den ersten Blick vielleicht einfach anhört, es aber in der Realität so viel komplizierter ist. Auf die Feinheiten komme es da an, für kleine Fehler werde der unaufmerksame Brauer unerbittlich bestraft. Für das neumodische Craft-Beer, da ist Gustav Steinecke ganz Purist, habe er deshalb nicht viel übrig.

Aber darum soll es ja eigentlich gar nicht gehen. Sondern um die Geschichte der Hansa-Brauerei und ihr Schicksal nach der Wende. Dem Auftrag, den Bierdurst in der Stadt zu löschen, wurden die Mitarbeiter gerecht. Meistens jedenfalls. Denn der Appetit der Stendaler war groß, der Vorrat an Rohstoffen leider oft zu knapp. Was der Abteilung Versorgung des Rates des Kreises im Zweifelsfall erstmal vermittelt werden musste. Und natürlich der Bevölkerung. „Es rumorte, wenn wir die Nachfrage nicht bedienen konnten“, berichtet Gustav Steinecke.

Abruptes Ende nach der Wiedervereinigung

Ein anderer Kritikpunkt: Die Haltbarkeit des Bieres. Sie litt oft unter den unzureichenden Kapazitäten der Lagertanks. Abhilfe war eigentlich Ende der 80er-Jahrein Sicht, als die Anlagen im großen Stil modernisiert werden sollten. „Die neuen Teile aus Polen standen bereits auf dem Hof“, erinnert sich der Brauer.

Zum Einsatz kamen sie indes nicht mehr. Mit der Wende endete die Geschichte der Hansa-Brauerei fast abrupt. Zwar übernahm Coca-Cola das Betriebsgelände, um dort eine Vetriebsstelle einzurichten, doch das Hansa-Pils überlebte nicht. Ein Großteil der etwa 70 Beschäftigten fiel der neuen Zeit zum Opfer.

Für Gustav Steinecke verlief die Zeitenwende hingegen recht glimpflich. Coca-Cola übernahm ihn. Über Nacht wurde der Brauer zum Vertriebler. Ein gewisses Maß an Flexibilität als Grundvoraussetzung, um in den neuen Verhältnissen anzukommen. „Während wir zu DDR-Zeiten die Waren im Prinzip verteilt haben, mussten wir nun lernen, sie zu verkaufen. Das musste man sich aneignen, hat aber dann doch gut geklappt“, blickt er auf die Zeit der Umstellung zurück. Weniger gut klappte es dagegen mit dem Standort Stendal. Den gab der Getränkekonzern Mitte der 90er-Jahre komplett auf.

Abriss vor elf Jahren

Die altehrwürdige Brauerei rottete in der Folgezeit vor sich hin. Kein Investor wollte sich der Mammutaufgabe der Sanierung stellen. Ein Besitzerwechsel besiegelte schließlich das Schicksal des eigentlich denkmalgeschützten Gebäudes. Als die Behörden ihr Okay für den Abriss gaben, rollten die Bagger an und machten es dem Erdboden gleich. Auf dem Areal stehen nun ein Fitnessstudio und mehrere Mehrfamilienhäuser.

Das Ende begleitete Gustav Steinecke fotografisch. Ein bisschen wehmütig zwar, aber nicht zu sehr. „Es bringt nicht viel, dem Alten nachzutrauern. Zumal ich weiß, wie es in der Brauerei ausgesehen hat. Von den großen Schäden einmal abgesehen, war sie einfach für eine andere Zeit gebaut worden. Eine Sanierung wäre unmöglich gewesen. Was weg ist, ist weg“ sagt Gustav Steinecke ganz nüchtern.