Stendal l Langsam fährt Sarah Olitzsch mit offenen Scheiben durch ihr Revier, ein 120 Hektar großes Waldstück bei Genthin. Die Wege sind holprig, am Frontspiegel baumelt eine Hundepfeife hin und her. Draußen reiht sich unterdessen Fichte an Fichte, ein monotoner Ausblick. „Hier müssen wir raus“, sagt Olitzsch plötzlich, „da geht‘s zur Kirrung.“ Nach einigen Metern taucht eine Suhle auf, Maiskörner liegen verstreut auf dem Boden. „Das Wild merkt sich, dass es hier Futter findet und kommt immer wieder“, sagt Olitzsch, während sie eine Dose mit Maiskörnern auskippt. Dann dreht sie sich um und zeigt auf einen Jagdsitz, der nur wenige Meter von der Stelle entfernt ist. „Klar ist das ein bisschen gemein, aber so ist das halt.“ Immerhin ist sie Jäger, kein Förster. Das Töten von Tieren gehört dazu.

„Viele behaupten, dass Jäger Lust am Töten haben und Tiere einfach abballern. Und dass sie psychisch krank sind. Aber wir sind auch nur ganz normale, friedliche Menschen. Ich wünsche mir einfach mehr Akzeptanz“, sagt Olitzsch. Vor allem in den sozialen Netzwerken gebe es regelrechte Anfeindungen, auf Jagdgegnerseiten wird unter anderem dazu aufgefordert, die Leitern von Jägern anzusägen, Jagdgenossen erhalten über Facebook Drohungen. „Wir werden dargestellt, als wären wir irgendwelche Neandertaler.“

Natürlich gebe es Jäger, die ihren Jagdschein eher als Accessoire oder Statussymbol ansähen. „Wir unterscheiden da zwischen Jägern und Jagdscheininhabern“, sagt Olitzsch. Letztere, die nur auf Trophäen aus sind, sind ihrer Meinung nach aber in der Minderheit. Der Großteil fühle sich einfach wohl in der Natur. So wie sie selbst.

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Ihre Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement wird sie zwar fertig machen, das war‘s dann aber auch: „Ich kann nicht im Büro sitzen, ich muss raus in die Natur“, sagt sie und lacht. Die 20-Jährige ist von Kindesbeinen an mit der Jagd aufgewachsen. Zuerst begleitete sie ihren Vater – von ihm hat sie auch den Schweißhund-Mischling Axi übernommen –, mit 16 Jahren erhielt sie dann ihren eigenen Jagdschein. „Am Wochenende bin ich jeden Tag im Revier und unter der Woche jeden zweiten“, berichtet Olitzsch. „Für mich ist einfach dieser Unterschied ausschlaggebend: Man kommt nach dem beruflichen Alltag nach Hause und geht raus in die Natur. Da geht der ganze Stress weg.“

Heimische Arten schützen

Und Jagen sei auch viel mehr als das bloße Töten: „Das beinhaltet eben auch Hege und Pflege. Wir tun im Wald viel für das Wild und die Pflanzen.“ Etwas, das viele Mitmenschen oft vergäßen. Bei den Reviergängen wird das Wild beobachtet und gezählt, zur Biotopanlage werden manchmal Bäume und Sträucher gepflanzt. Olitzsch kommt bei ihrem abendlichen Rundgang an einem Wildacker vorbei, der eigens für das Wild angelegt wurde. „Hier wächst eigentlich alles, was den Tieren schmeckt“, sagt sie. Und die Rehkeule, die irgendwann bei den Konsumenten auf dem Teller landet, sei quasi ein Bio-Produkt. „Es ist reines Fleisch ohne Antibiotika. Außerdem wurden die Tiere nicht ihr ganzes Leben lang eingesperrt.“

Zudem geht es den Jägern auch darum, heimische Arten zu schützen. „Invasive Arten wie Waschbär, Mink und Nutria, die heimische Arten vernichten, werden an ihrer Ausbreitung gehindert.“ Sie zieht ihr Handy aus der Hosentasche und zeigt das Foto eines Marderhundes, dessen Fell fast vollständig ausgefallen ist. „Das Tier hatte die Räude, litt jämmerliche Qualen. In diesem Fall erlösen wir die Tiere von ihrem Leid.“

Am Ende des Rundgangs öffnet Sarah Olitzsch ihren Kofferraum, ihre Begleiter, die Hunde Axi, Aika und Wispel, springen hinein. An der Heckscheibe klebt ein Aufkleber mit dem Spruch „Jägerinnen vereinigt euch“. Die 20-Jährige muss schmunzeln. „Für mich ist die Jagd eben mehr als ein Hobby, es ist eine Lebenseinstellung. Und das will ich auch nach außen zeigen.“