Zur Initiative „NichtSemester“

Wissenschaftler haben am 28. März 2020 in einem offenen Brief das „NichtSemester“ gefordert. Das Sommersemester solle zum Ausnahmesemester werden. Auf erwerbstätige Studierende, Studierende und Lehrende mit Familie, ausländische Studierende und befristet Beschäftigte in Hochschulen solle damit Rücksicht genommen werden.Rund 11 000 Unterschriften hat der Brief bereits (Stand: 2. April).

Unter anderem sollen Verträge und Fristen verlängert, BaföG-Regelungen angepasst werden und Studierende mehr Flexibilität im Studium erhalten.

Mehr Infos gibt es unter www.nichtsemester.de.

Stendal l Der Campus der Hochschule Magdeburg-Stendal wirkt wie leergefegt, dabei hat am Mittwoch, 1. April, das Sommersemester 2020 begonnen. Man sollte Studierende sehen, die zwischen den ehemaligen Kasernengebäuden in Stendal hin- und herlaufen, um zur nächsten Vorlesung zu gelangen, kurz für ein Gespräch anhalten oder sich in der Mensa Getränke und Essen kaufen. Wegen der Corona-Krise hat sich die Lehranstalt für ein E-Learning-Konzept entschieden. Ab 6. April läuft ein „Online-Probelehrbetrieb“, heißt es auf der Webseite der Hochschule.

„Es ist umsetzbar“, sagt Volker Wiedemer. Der Prorektor der Hochschule Magdeburg-Stendal macht sich wenige Sorgen über die Umsetzbarkeit des digitalen Lernens. „Wir setzen da bewusst auf Kreativität, hier passende Formate zu finden.“

Ein einheitliches Konzept gibt es nicht. Die Lehrenden sollen in Zusammenarbeit mit den Studierenden ein passendes Format finden. Basis ist die digitale Plattform „Moodle“, die seit Jahren ein fester Bestandteil des Lehrbetriebes ist. Dort wurden schon vorher Materialien ausgetauscht. Nun kommt es darauf an, wie die sonst übliche Präsenzzeit digital gestaltet wird. Ein Mittel sind Videokonferenzen.

Videos

Lehrende nutzen bisher kostenlose Programme

„Der Goldstandard“ in dem Bereich ist „Adobe Connect“, sagt Michael Herzog. Der Prodekan für Forschung und Technologietransfer beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit E-Learning Projekten und ist in dem Bereich seit 2005 in der Forschung tätig. Das Programm „Adobe Connect“ wäre seiner Ansicht nach die beste Variante für Online-Vorlesungen. So könnte in dem Programm mit Whiteboards gearbeitet oder Studierende unkompliziert für Gruppenarbeiten aufgeteilt werden. Doch der Anbieter verlangt viel Geld.

50 Euro kostet eine Lizenz pro Monat. Pro Version könne eine Veranstaltung online stattfinden. Laufen zehn Seminare parallel, sind das aber bereits 6000 Euro im Jahr. Bisher helfen sich Lehrende noch mit kostenlosen Programmen wie „Zoom“ oder „Skype“. „Adobe Connect“ wäre zumindest aus datenschutzrechtlichen Gründen eine gute Wahl. „Wenn ein Dienst kostenlos ist, zahlst du in der Regel mit deinen Daten“, sagt der Professor.

Doch bestehen bei den Studierenden die technischen Voraussetzungen für Online-Vorlesungen mit Videoschaltung? „Ich finde es schwierig, dass man davon ausgeht, dass jeder einen funktionierenden Laptop hat“, sagt Hannah Kawalek. Die Studentin für Rehabilitationspsychologie macht sich auch Sorgen über ihren „inneren Schweinehund“. Sie bleibt bei ihrer Familie in Berlin, statt nach Stendal zu kommen und das Haus ist voll. Privatsphäre gebe es nur wenig.

E-Learning lieber in Stendal

Damit ihr die eigene Familie keine Probleme macht, ist Annabelle Müller trotzdem von Köln zurück nach Stendal gekommen. Sie hätte sich in ihrer Heimatstadt sogar ein Zimmer mit ihrem Bruder teilen müssen, der gerade Abitur macht. Die Mutter, die eigentlich in einem Museum arbeitet, ist auch Zuhause. In ihrer WG in Stendal hat die 21-Jährige eine angenehmere Lernatmosphäre.

Annabelle Müller wünscht sich ein gemeinsames System für das E-Learning: „Ich glaube, es funktioniert, wenn es einheitlich gemacht wird. Im Moment ist es noch so ein Chaos“.

Bei Sorgen um technische Voraussetzungen hält Michael Herzog dagegen und sagt: „Ein Smartphone hat doch eigentlich jeder.“ Und bereits eine Internet-Geschwindigkeit von 2 Mbit pro Sekunde solle für den digitalen Austausch genügen. „Über 90 Prozent unserer Studierenden haben das. Für die anderen müssen wir natürlich Lösungen finden. Das kann nur sehr individuell gelingen.“

Lehrkräfte schulen sich im E-Learning

Natürlich muss das technische Wissen bei den Lehrkräften vorhanden sein. Neben anderen schult auch Michael Herzog derzeit Kollegen. „Unter anderem auch mich“, sagt Volker Wiedemer. Dem Prorektor komme eine „positive Grundstimmung“ von den Kollegen entgegen. Er selbst plane, Vorlesungen digital zu halten und Vertiefungsaufgaben nach Hause zu geben, um sie dann später in einer Videokonferenz mit den Studierenden zu besprechen.

Der Präsident der Bundesrektorenkonferenz, Peter-André Alt, brachte derweil den Vorstoß, den Sommersemester-Start wegen der Corona-Pandemie sogar gänzlich zu verschieben. Wie die Volksstimme berichtet hat, erklärte Anne Lequy, Rektorin der Hochschule Magdeburg-Stendal: „Ich bin gegen eine Verschiebung des Sommersemesters. Wir wollen maximale Verlässligkeit in den Planungen, wozu das pünktliche Ende der Vorlesungszeit im Sommersemester gehört.“

Anne Lequy wendete sich in einer Videobotschaft am Mittwoch, 1. April, an ihre Kollegen sowie Studierenden und machte ihnen für das kommende Semester Mut. „In dieser Zeit sind wir für sie da, digital und persönlich. Wir sind eine Hochschule für angewandte Wissenschaften. Wir können beides“, sagte sie und machte deutlich: „Es wird kein Semester-Light, kein NichtSemester.“ Vereinzelt soll es Anne Lequy zufolge unter den Lehrkräften Stimmen gegeben haben, das Sommersemester nicht offiziell gelten zu lassen.

Der „Online-Probelehrbetrieb“ ist vorerst bis zum 19. April angesetzt. Werden die Corona-Maßnahmen verlängert, folgt ab dem 20. April ein spezieller Stundenplan für die Studierenden und ein „Regelbetrieb unter besonderen Bedingungen“, gibt die Hochschule auf ihrer Webseite bekannt.