Stendal l In den frühen 1990er Jahren war Ulrich Paulsen am Johanniter-Klinikum in Stendal im Bereich der Seelsorge tätig. Nach nur fünf Jahren in seiner Funktion bemerkte der Pfarrer, dass es sich nicht richtig anfühlte, junge, todkranke Patienten zum Sterben ins Pflegeheim zu schicken. In Halle gab es zu diesem Zeitpunkt schon seit 1985 ein Hospiz, es war eines der ersten in Ostdeutschland. Und genau nach diesem Vorbild wollte auch Ulrich Paulsen in Stendal einen Ort schaffen, an dem Menschen ihren letzten Frieden finden können – mit ständiger Begleitung und in Würde. „Niemand hätte sich vorstellen können, was daraus mal entstehen würde“, so der 59-jährige Pastor.

Häusliche Betreuung stand im Vordergrund

Das größte Problem war und ist die Finanzierung. Ulrich Paulsen und Schwester Charlotte Schroeter (damals in leitender Funktion) konnten die Mutterhausstiftung für ihr Projekt begeistern, die evangelische Einrichtung war geboren. Der gesetzliche Rahmen musste jedoch erst geklärt werden, denn zu diesem Zeitpunkt gab es keine rechtlichen Grundlagen. „Wir wussten nicht, wie hoch der Bedarf sein würde“, sagt Paulsen. Sie hätten sich gefragt, wie viele Menschen solch eine Einrichtung überhaupt in Anspruch nehmen würden. Doch auch diese Unklarheiten ließen sich nach gründlichen Recherchen beseitigen, und kurze Zeit später erwarb die Stiftung mit Krediten ein Haus.

Zu Beginn der Hospizarbeit stand die häusliche Betreuung im Vordergrund. Eine der ersten Engagierten, die dabei mit anpackte war Dorothea Dahlwelt. Sie gehörte zu den Diakonissen, die zur damaligen Zeit im Schwesternhaus nebenan lebten. Auch Peter Schmidt, ein Blaudrucker und Mann des demokratischen Aufbruchs in Stendal, setzte sich ehrenamtlich von Anfang an für das Hospiz ein und sensibilisierte die Bevölkerung für das wichtige Thema, das damals kaum in der Gesellschaft angekommen war.

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Pastor weiß Mut zu schätzen

Heute weiß Pastor Paulsen den heroischen Mut der Beteiligten zu schätzen: „Die Mitarbeiter haben sich auf ein großes Risiko eingelassen, da wir keine Wirtschaftlichkeit garantieren konnten. Ich wusste nicht immer, welche Mittel dem Hospiz zur Verfügung standen.“ Für die Wegbereiter bedeutete das konkret: keine Absicherung im Job.

Einige der Diakonissen der Anfangszeit wurden später selbst pflegebedürftig und fanden im Hospiz einen Platz. In gewohnter Umgebung wurden sie bis zu ihrem Tod umsorgt. Und sobald sich die Betten nach und nach leerten, konnten dort auch andere hilfsbedürftige Gäste ihre letzten Lebenstage verbringen. Damals waren es sechs Betten, die zur Verfügung standen, heute sind es insgesamt acht, die sich auf sieben Zimmer verteilen. Tagsüber sowie auch nachts sind Palliativmediziner auf Anfrage verfügbar. Es sind nicht immer Alleinstehende, die in die Einrichtung einziehen. Oftmals sind Angehörige und Familie mit der Situation überfordert. „Wir sind da, um zu entlasten. Jeder braucht auch mal einen ruhigen Moment für sich“, gibt sich der Pfarrer verständnisvoll.

Zuwendung der Bewohner stellt zufrieden

Obwohl das Hospiz zuweilen schon eine ökonomische Organisation ist, ist das Team um Pastor Paulsen immer noch auf Spendengelder angewiesen, zehn Prozent müssen so finanziert werden. Die restlichen 90 Prozent werden durch Gelder der Mutterhaus-Stiftung sowie Zuzahlungen der Krankenkassen gestemmt. Für das Trauer-Café und die Ausbildungskurse der Ehrenamtlichen werden weitere Mittel benötigt. „Deshalb bin ich den ausdauernden Mitarbeitern auch so dankbar. Sie müssen stets flexibel bleiben. Ich weiß, dass das nicht immer einfach ist.“ Zudem kommt der Lernaufwand, den die Ehrenamtlichen regelmäßig auf sich nehmen: „Alle Angestellten müssen dafür gewappnet sein, auch schwierige Situationen durchstehen zu können. Das wird in Kursen gemeinsam erlernt, doch nicht jeder ist für die Arbeit im Hospiz gemacht“, erklärt Paulsen. Auch der Pfarrer selbst weiß, sich zu motivieren: „Für mich ist jeder Tag anders. Situationen der Dankbarkeit und des Ernstgenommen werden erleichtern mir die Arbeit enorm.“

 

 

Schwester Marion Wabbel ist ebenfalls seit über zwanzig Jahren mit an Bord. „Es hat sich schon viel verändert“, sagte sie rückblickend „vor allem die Bürokratie.“ An einen Moment erinnert sie sich noch ganz genau: „Wir hatten eine Dame, die ein letztes Mal mit ihrer Schwester telefonieren wollte. Beide waren bereits sehr alt, ein Besuch wurde durch die große Distanz zusätzlich erschwert. Ich hielt ihr den Hörer an das Ohr und konnte ein sehr emotionales Gespräch mithören. Es war wirklich ergreifend.“ Die Dankbarkeit der Bewohner und der Angehörigen stellt Marion Wabbel zufrieden. „Das ist es, was mich Tag für Tag motiviert. Hier ist das Sterben kein plötzliches Gehen, sondern eine Erlösung.“

 

Am 26. April veranstaltet das Hospiz ein Benefiz-Essen im Hotel „Schwarzer Adler“ in Stendal. Los geht es um 19.30 Uhr. Die Karten, die 35 Euro kosten, sind in der Touristen-Info im Rathaus zu erwerben.