Stendal l Gertrud Schulze hat es sich in ihrem Sessel bequem gemacht, einen Stock an ihrer Seite. „Das mit den Beinen geht nicht mehr so gut“, sagt sie. Auch in ein paar Fingern hat sie kein Gefühl, das komme vom Rücken. Aber ansonsten ist sie zufrieden, immerhin feiert sie auch schon ihren 100. Geburtstag. Und diese Zufriedenheit strahlt sie aus, genauso wie eine gehörige Portion Mutterwitz.

Auf die Frage nach ihrem Geburtsort zeigt sie nach nebenan. In der Tat wohnt sie in der Erdgeschosswohnung ihres Geburtshauses an der Grabenstraße. Wenig später zog die Familie in die obere Etage, „zwei Jahre später ist dann mein Bruder geboren“, erzählt sie. Als sie das Licht der Welt erblickte, tobte in Deutschland noch der Erste Weltkrieg, der 11. November war am 15. April noch in weiter Ferne. „Und dann kam wieder ein Krieg und aus dem ist mein Mann nicht zurückgekehrt“, schildert sie.

Beruflich viel erlebt

Sie sagt „mein Mann“, obwohl sie noch gar nicht verheiratet waren. Aber sie hatten kurz vor der Hochzeit gestanden. Sie wurden im Nachhinein getraut, das war seit 1941 möglich, wenn nachweislich die Absicht bestanden hatte, die Ehe einzugehen. „Das war ein komisches Gefühl so allein“, erinnert sie sich. Letztlich sei es ja nur um die soziale Absicherung gegangen.

Lange Zeit trat nie wieder ein solch bedeutender Mann in ihr Leben. Doch ihre wie sie sagt glücklichsten Jahre sollten noch kommen. Allerdings erst viel später.

Beruflich hatte sie auch ein sehr bewegten Leben. Gelernt hat sie bei einem Rechtsanwalt. „Kurze Zeit später ging der Bürovorsteher weg, und ich stand allein da“, beschreibt sie eine Situation, in der sie wieder ihr Schicksal meistern musste. Sie habe es dann auch hinbekommen. Im Rat der Stadt hat sie auch ein paar Jahre gearbeitet, war für die Registratur und die Kanzlei verantwortlich. „Und dann hatte ich noch eine sehr schöne Zeit bei Tierarzt Kummer“, fügt sie hinzu.

Täglich tausend Meter in Schwimmbad

Wenn sie aber an die glücklichste Zeit in ihrem Leben denkt, dann denkt sie an ihren Otto. Zehn Jahre haben die beiden miteinander verbracht. „Tante Gertrud, du musst auch erzählen, wann das war, wie alt du warst“, sagt ihre Großnichte. In der Tat, das ist eine wichtige Information. „Ich war 85“, sagt das Geburtstagskind und lächelt dabei verschmitzt. Natürlich habe es Menschen gegeben, die das viel zu alt fanden, um sich zu verlieben. Viel verreist sind die zwei. Nein, nicht ins Ausland, aber in Deutschland waren sie sehr viel unterwegs. Vorrangig in südliche Regionen, aber auch in den Harz zog es das Paar. „Ich bin nicht so sehr der Mensch, der gerne am Meer ist“, erklärt sie. Obwohl sie durchaus sehr viel geschwommen ist. Früher. Wenn sie in den Ferien bei der Oma in Thale war, ging sie dort jeden Tag ins Schwimmbad. 1000 Meter hat sie dort täglich absolviert.

Mit ihrer zweiten großen Liebe unternahm sie dann aber lieber Spaziergänge und war auf Wanderungen unterwegs. Dann aber fand das große Glück ein jähes Ende. Wieder einmal wartete sie auf den Mann ihres Herzens. „Er ist zu Hause eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht“, sagt sie und vertreibt schnell die Traurigkeit aus ihrem Blick.

Bewegung ist ihr überhaupt immer wichtig gewesen. So lange sie noch konnte, ist sie täglich eine Runde um den Stadtsee spazierengegangen, immerhin knapp zwei Kilometer. Manchmal waren es auch zwei Runden. Doch seit etwa zwei Jahren geht das nicht mehr.

Akkordeon gespielt und viel getanzt

Gertrud Schulze erfreut sich aber einer sehr regen geistigen Fitness. Möglicherweise haben die vielen Rommeerunden dazu beigetragen. Schließlich ist es immer gut, wenn man bei dem Kartenspiel die abgelegten Karten im Kopf behält. Und sie hat Stenografiewettbewerbe gewonnen. „Die Kurzschrift habe ich schon in der Schule gelernt“, erzählt sie. Bis zu 200 Silben in der Minute, das war ihr Rekord.

Sehr gerne hat sie Akkordeon gespielt, doch da das Gefühl nicht mehr in allen Fingern ist, muss sie das Instrument sein lassen. „Und ihr habt doch immer gerne getanzt“, erinnert sie ihre Großnichte nochmal. „Ja, das stimmt, wir waren die Ersten und die Letzten“, sagt die Hundertjährige ganz beseelt.

Wer dieses Alter erreicht, um den wird es etwas einsamer. Ihr Bruder lebt nicht mehr, „Kinder habe ich ja leider keine“, aber einsam ist sie an ihrem Ehrentag ganz und gar nicht. Aus der Verwandtschaft leben noch ihr Neffe, ihre Großnichte und die Urgroßnichte Olimpia. Eine gemütliche Runde ist für den Nachmittagskaffee geplant, „und dann trinken wir noch ein Glas Sekt“. Und da ist es wieder, das Schelmische, das sich Gertrud Schulze erhalten will, solange es ihr möglich ist.