Stendal l Im Johanniter-Krankenhaus in Stendal ist ein Siegel vom „Netzwerk Hygiene in Sachsen-Anhalt“ bis zum Jahr 2022 verlängert worden. Nicht, um sich auf den Lorbeeren auszuruhen, „sondern, um diese Zertifizierungsurkunde als Ansporn zu sehen“, wie die Hygiene-Verantwortlichen versichern. Für Krankenhauschef Dr. Thomas Krössin untermauere das Siegel, dass das Haus den Anforderungen des Robert-Koch-Instituts gerecht werde und „wir hohe Maßstäbe zum Schutz der Patienten und Mitarbeiter setzen“.

Kontinuierlicher Rückgang

In dem Klinikkomplex in der Wendstraße gehen täglich Hunderte ein und aus: Mitarbeiter, Patienten und Besucher. „Deshalb hat die Einhaltung der strengen Hygienestandards im Haus oberste Priorität“, versichert Ines Konschake. Sie ist die Hygienebeauftragte am Klinikum und mit verantwortlich für eine, wie sie sagt, „konsequente Infektionsprävention“. Und das insofern mit Erfolg, dass die multiresistenten Erreger (MRE) „kontinuierlich verringert werden konnten“, so die ehemalige leitenden Intensivschwester.

Seit 2014, ein Jahr nach der ersten Netzwerk-Zertifizierung, werde am Johanniter-Krankenhaus in der Hansestadt darüber eine Statistik geführt. Das Vorkommen von multiresistenten Keimen gänzlich auszuschließen, hält Ines Konschake für „eher unwahrscheinlich“. 2018 und auch bislang in diesem Jahr seien ausschließlich aufgrund von MRE im Klinikum keine Todesfälle zu beklagen gewesen.

Robert-Koch-Institut erstellt Standards

Der Kampf gegen Keime wie MRE, die nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr antibiotisch behandelt werden können, werde niemals enden, es gebe nicht den Aus-Knopf, den man drücken kann, so Ines Konschake. Vielmehr komme es darauf an, die Einhaltung der Hygienestandards, die am Robert-Koch-Institut erstellt wurden, konsequent im Fokus zu behalten.

Die Standards im Johanniter-Krankenhaus beginnen bei der Basishygiene wie Hand- desinfektion, Reinigungskontrolle unter einer Schwarzlichtbox, Nasenreinigung über das Tragen von Einmalschadschuhen, Mund- und Nasenschutz sowie Schutzschürzen und Isolierung bin hin zu regelmäßigen Mitarbeiterschulungen einschließlich das jährlichen Aktionstages zum Thema Hygiene und Infektionsprävention. „Beim diesjährigen Aktionstag registrierten wir 170 Beteiligte“, sagt Ines Konschake.

Patienten-Aufklärung

Schwerpunkt sei zudem die Aufklärung von Patienten und Angehörigen, für die in der Regel das Stationsteam und der Stationsarzt verantwortlich sind. Bei der Aufnahme ins Krankenhaus werden sogenannte Risikopatienten auf Erreger untersucht. Zu dieser Gruppe gehören Patienten aus Pflegeheimen, ältere Bürger, die oft im Krankenhaus sein müssen, Beschäftigte aus der Tierhaltung und Menschen mit Migrationshintergrund vor allem aus solchen Herkunftsländern, „wo man Antibiotika auf jedem Basar kaufen kann“. Es sei auch schon vorgekommen, dass Patienten aufgenommen wurden, die sich bei einer Urlaubsreise mit MRE infizierten. „Um so wichtiger ist es, dass die Erkrankten ehrliche Angaben machen und die Bereitschaft für Folgebehandlungen aufbringen“, sagt Ines Konschake.

Wird beispielsweise MRE nachgewiesen, wird der Patient isoliert untergebracht. Teil des Entlassungsmanagement sei es, entsprechende Hausärzte, Rettungsdienste und Pflegeheime über die betroffenen Patienten zu informieren. Außerdem könne der Patient zur Reduktion von Krankenhaus-Infektionen beitragen, indem er beispielsweise nach einer OP umgehend auf Schmerzen oder Rötungen hinweist, „um schnell reagieren zu können“, sagt Ines Konschake und weist darauf hin: „Es muss nicht gleich MRE sein.“ An Besucher richtet die Hygienebeauftragte den Appell, nicht bei Erkrankungen ins Klinikum zu kommen und Patientenbetten nicht als Sitzmöglichkeit zu nutzen.

Spezialisten Fehlanzeige

Alles in allem, so Ines Konschake, sei das Netzwerk Hygiene in Sachsen-Anhalt, das im Oktober 2010 gegründet wurde und zu dem neben Krankenhäusern auch Behörden und Institutionen des Gesundheitswesens gehören, ein guter Fortschritt im gemeinsamen Kampf zur Prävention und Reduktion von Krankenhaus-Infektionen. Dass es besser gehen kann und auch muss, darauf verweisen Experten der Deutschen Gesellschaften für Infektiologie, Innere Medizin und Krankenhaushygiene.

Studien würden zeigen, dass eine Behandlung durch Infektionsspezialisten viele Patienten mit schweren Infektionen retten könnte. Doch diese Spezialisten seien im deutschen Gesundheitssystem nicht regelhaft vorgesehen und in vielen Kliniken nicht verfügbar. Auch eine Facharztausbildung zum Infektiologen wie beispielsweise in den Niederlanden gibt es in Deutschland nicht. Die Experten fordern deshalb die infektiologische Versorgung und Ausbildung in Deutschland schnellstmöglich zu verbessern.

Forderungen an Bund

„Diese Forderung können wir nur unterstützen“, sagt Thomas Krössin, der neben der Leitung in Stendal für alle Johanniter-Kliniken in Deutschland die Geschäftsführung inne hat. „Uns fehlt es nicht an Willen und nicht an Vorauszahlungen, beispielsweise Ärzte zu Experten wie Antibiotic Stewardsship (ABS) fortzubilden. Gefragt ist hierbei die Unterstützung vom Bund.“

Die Förderpolitik für Hygieneprogramme genüge nicht, „hier muss mehr Geld freigestellt werden“. Auch gebe es generell in Deutschland zu wenig Hygiene-Fachkräfte. Umso mehr sei es wichtig, im eigenen Haus konsequent die Standards umzusetzen „und nach eigenen Lösungen zu suchen“, sagt der Klinikchef. So sei gegenwärtig eine Kooperation mit der Uni in Greifswald in Vorbereitung.