Mehr als ein Drittel der I-Plätze sind nicht besetzt

Mit Stand 15. 10. 2018 werden im Landkreis Stendal 58 Kindergartenkinder und 24 Hortkinder integrativ betreut – es sind also 82 Integrationsplätze belegt. Laut Angaben des Landkreises gibt es 17 Einrichtungen, die behinderte Kinder betreuen. In diesen Einrichtungen sind 48 Plätze nicht besetzt - das entspricht 37 Prozent.

Für Kindergartenkinder gab es 2018 (bis 15. 10. 18) 34 Anträge auf eine integrative Betreuung, von denen 10 bewilligt wurden (21 bisher abgelehnt). Es wird dabei unterschieden nach geistig-körperlich behinderten Kindern (Sozialhilfe), hier finanziert das Land. Und nach seelisch behinderten Kindern (Jugendhilfe), hier finanziert der Landkreis. 2018 haben acht Kindergartenkinder und 15 Hortkinder nach Bewilligung eines Antrages einen integrativen Betreuungsplatz erhalten.

2018 wurden 20 Anträge nach Sozialhilfe abgelehnt und neun bewilligt. Nach Jugendhilfe wurden von fünf Anträgen einer bewilligt und einer abgelehnt. 2017 wurden nach Sozialhilfe 27 Anträge bewilligt und 19 Anträge abgelehnt. Nach Jugendhilfe wurde ein Antrag bewilligt und einer abgelehnt.

Stendal l Jutta Grabowski* hat zwei angenommene Kinder. Die vierjährige Kira kam vor zwei Jahren zu ihr und ihrem Mann, die siebenjährige Lena wurde vor drei Jahren von ihnen aufgenommen und sehr umsorgt. Beide Kinder kommen aus sehr schwierigen Familienverhältnissen und sind stark entwicklungsverzögert. Die Pflegeeltern fühlen sich weitgehend alleingelassen mit den Problemen des Alltags – und das, obwohl unter den Schlagworten „Teilhabe“, „Integration“ und „Inklusion“ viel an Unterstützung von Politik und Institutionen versprochen wird.

„Kira kann jetzt ihre Zähne alleine putzen, dafür haben wir ein Jahr geübt“, schildert die 40-jährige Stendalerin die mühsam erarbeiteten Fortschritte. Die kleine Kira hat eine Hirnfunktionsstörung, auch Lena ist beeinträchtigt, sie war nahezu vier Jahre lang vernachlässigt worden, bevor sie zu den Grabowskis kam.

Zum Scheitern verurteilt

Obwohl Jutta Grabowski die körperlichen Defizite ihrer Kinder schwarz auf weiß bei den sogenannten U-Untersuchungen von Ärzten bescheinigt bekommen hat, haben die Kinder keinen Status als sogenannte I-Kinder. Das „I“ steht dabei für Integration. Das Sozialgesetzbuch sieht vor, dass es für geistig, körperlich oder seelisch behinderte Kinder eine Förderung gibt – wenn sie anerkannt sind. Doch da liegt das Problem.

Im September teilte der Landkreis Stendal als zuständige Behörde für Kira mit, dass „keine Notwendigkeit für einen integrativen Kindergartenplatz“ besteht. Durch Frühförderung sowie Logopädie und Ergotherapie würde Kira die notwendige Unterstützung haben, um der drohenden Behinderung entgegenzuwirken“, heißt es in dem Ablehnungsbescheid der Behörde.

„Man wird als Eltern völlig alleine gelassen“, sagt Jutta Grabowski. Sie bemühe sich sehr, um Fortschritte bei ihren Kindern. Sie selbst ist Ergotherapeutin und Heilpädagogin, kennt sich gut aus und kann mit einem fachlichen Hintergrund die Kinder fördern. „Eltern, die voll berufstätig sind, könnten das gar nicht leisten“, sagt sie. Bei einer Untersuchung sei ihr unlängst gesagt worden, dass sie doch stolz sein solle, dass die jüngste Tochter sich derart entwickelt habe, sagt Grabowski. Eine offizielle Förderung bleibt aber aus.

Frühförderung, Ergotherapie und Logopädie müssen immer stundenweise neben dem Kindergarten absolviert werden. „Das kann sich kaum einer vorstellen, was das immer für einen Aufwand bedeutet, die Termine mit den Kindern wahrzunehmen“, sagt sie. Das Sozialpädiatische Zentrum (SPZ) in Magdeburg, wo Kira in Behandlung ist, gab die Empfehlung, das Kind in die I-Förderung aufzunehmen. Berücksichtigt wurde es indes nicht.

Im Sommer musste Kira schon den Kindergarten wechseln, da man in der bisherigen Einrichtung mit dem Kind überfordert war, erzählt Jutta Grabowski. Sie ist froh, dass sie einen neuen Kindergarten für ihr Kind gefunden hat.

Die andere Tochter, Lena, geht seit den Sommerferien in die Schule. „Sie ist überfordert“, sagt die Mutter. Die siebenjährige habe nur wenig Zeit gehabt, um bis zum Schulalter heranzureifen. Lena sei oft nach der Schule kaum ansprechbar. In der Kindergartenzeit war sie als I-Kind anerkannt, jetzt besucht sie eine Regelschule – auch weil die Eltern es so wollen.

Falsch verstandene Inklusion

Dadurch, dass es keine Förderschulen mehr gebe und behinderte Kinder in den Regelunterricht aufgenommen werden, seien diese Kinder ohne zusätzliche Förderung „zum Versagen verdammt“, sagt Grabowski. Eine spezielle Unterstützung gibt es nicht, Lehrer sind dafür ohnehin selten ausgebildet. „Ich finde das Inklusionsgesetz gut“, sagt die Stendalerin. Allerdings werde es völlig falsch verstanden. „Ich habe keine Chance auf einen Integrationsplatz für die Kinder“, sagt sie. Dazu müsste sie diese schon psychiatrisch einweisen lassen.

Martin Menzel kennt vergleichbare Fälle wie die der Stendaler Mutter. „Ich habe hier schon Mütter sitzen gehabt, deren Kinder in anderen Kindergärten nicht weiterbetreut wurden“, sagt der Leiter der Kita Kunterbunt in Stendal, die in Trägerschaft der Lebenshilfe ist. In seiner Kita wird unter anderem ein Kind betreut, das ein Down-Syndrom (Trisomie 21) hat – ein Integrationsplatz wird jedoch von der Behörde verweigert. Das Kind sei noch zu jung, lautet die Begründung.

Aus Sicht des Kita-Leiters gibt es recht viele Kinder, die einen Förderbedarf haben, diesen aber nicht anerkannt bekommen. Die Entscheidungen werden entweder durch das Sozialamt bei geistiger und körperlicher Behinderung oder durch das Jugendamt bei seelische Beeinträchtigung getroffen. Es werden ärztliche Gutachten und Stellungnahmen von beteiligten Einrichtungen und Pädagogen eingeholt.

Immer weniger anerkannte Fälle

Die Zahl der anerkannten Fälle habe stark abgenommen, sagt Menzel. Seine Einrichtung habe nach den Ferien im Sommer nur ein einziges Kind mit Integrations-Status hinzubekommen. Derzeit sind lediglich 12 von 25 Intergrationsplätzen der Kita belegt.

Das mehr als ein Drittel aller Plätze in den Kitas nicht belegt sind, bestätigt auch der Landkreis auf Nachfrage. Von 130 Integrationsplätzen waren zum Stand 10. Oktober 2018 48 Plätze in 17 Einrichtungen unbesetzt, das entspricht 37 Prozent. Viele Anträge werden abgelehnt (siehe Info-Kasten).

Bei der Kita Kunterbunt musste Leiter Martin Menzel unlängst zwei Mitarbeiter entlassen, da 13 Integrations-Plätze nicht belegt sind. Die Finanzierung der gesamten Einrichtung gerät damit ins Wanken. Er habe das Problem bereits im Jugendhilfeausschuss des Kreises vorgebracht, sagt er. Gebracht habe es indes nicht viel. Im Bedarfsplan des Landkreises seien die Plätze vorhanden, warum sie dann nicht belegt werden, kann er nicht verstehen.

Insbesondere für seelisch behinderte Kinder oder solche, die davon bedroht sind, ist es offensichtlich äußerst schwer, einen Anspruch geltend zu machen. Es gibt nur Einzelfälle mit Anerkennung (siehe Info-Kasten). Im Übrigen ist für die Finanzierung der Landkreis zuständig, während bei den körperlich und geistig behinderten Kindern das Land eintritt.

Ausgaben des Landes steigen

Vom Land heißt es, dass die Ausgaben für die integrative Betreuung in Einrichtungen gestiegen ist. 2015 waren es noch 25,66 Millionen Euro, für 2018 sind rund 30 Millionen Euro geplant. 2017 seien insgesamt 3336 Kinder in Krippen, Kitas und Horten in Sachsen-Anhalt betreut worden.

Seit 2016 werden Kinder mit Behinderung in Regeleinrichtungen betreut. Für Einrichtungen sind keine besonderen Betriebserlaubnisse mehr erforderlich, wenn behinderte Kinder betreut werden. „Es ist ein hoher Anspruch an die Einrichtungslandschaft in Sachsen-Anhalt, um Inklusion zu leben“, sagt Pressesprecherin Ute Albersmann vom Sozialministerium in Magdeburg.

Kinder werden „mit durchgezogen“

Kita-Leiter Menzel sagt, dass Eltern grundsätzlich einen Anspruch auf eine Betreuung haben. Als Einrichtung stehe man vor dem Dilemma Kinder ohne bescheinigten Förderbedarf „mit durchzuziehen“ oder den Eltern zu sagen, dass eine Betreuung nicht möglich ist. Da werde in einigen Einrichtungen dann schon mal gesagt, dass das Kind „nicht gruppenfähig sei“ – und entledigt sich so des Problems.

Für Jutta Grabowski ist indes klar, dass sie nochmals einen Antrag stellen wird. Darüber, wie Integration derzeit institutionell ausgefüllt wird, kann sie nur den Kopf schütteln. „Inklusion ist nicht, alle gleich zu machen“, sagt sie. Man müsse Andersartigkeit als Abweichung von der Norm begreifen. Man werde den Kindern nicht gerecht, wenn man sie einfach in Regelgruppen steckt und guckt, was passiert.

* Aus Rücksicht insbesondere auf die Kinder wurden die Namen der Familie verändert.