Tangerhütte

Karussells stehen still: Schausteller aus Cobbel wird wegen des Lockdowns das Geld knapp

Als Schausteller verdienen die Wesemanns aus Cobbel bei Tangerhütte auf Reisen ihren Unterhalt. Das Leben auf Achse bleibt ihnen wegen Corona verwehrt. Das Geld wird knapp.

Von Rudi-Michael Wienecke

Cobbel. Hier noch eine Schraube festziehen, dort noch etwas Öl in das Getriebe gießen, und da noch einige Gebrauchsspuren mit Pinsel und Lack überdecken – Renè Wesemann sucht sich die Arbeit im Winterquartier der Schaustellerfamilie in Cobbel. Er nutzt das Material, was noch im Lager liegt, verstreicht die letzten Farben. Für neue fehlt erst einmal das Geld.

Eigentlich sind die schmucken Karussells aber so weit auf Vordermann gebracht, dass er und seine Familie jederzeit starten könnten, beispielsweise Frühlingsmärkte besuchen. Doch die fallen auch in diesem Jahr coronabedingt aus. Die letzte vernünftige Saison brachten die Wesemanns 2019 hinter sich.

Corona erreicht die westliche Altmark

Damals, von den Weihnachtsmärkten zurückgekehrt, begann die Winterarbeit. Mit Blick auf 2020 wurde repariert und saniert. Das Geld der Vormonate wurde in die Erhaltung der Geschäfte gesteckt. „Das macht man eben so als Schausteller“, sagt Wesemann. Nach der kalten Jahreszeit wurden die Karussells, der Kettenflieger und die Buden zum Schießen, Greifen, Werfen oder Entenangeln in Salzwedel aufgebaut. „Als der Frühlingsmarkt dort am Freitag beginnen sollte, mussten wir wieder abbauen“, erinnert sich der 55-Jährige. Die Pandemie hatte die westliche Altmark erreicht und auch alle weiteren Veranstaltungen fielen aus.

Für die Masse aus der Gilde der Schausteller war bereits dieser erste Lockdown vergleichbar mit einem Arbeitsverbot. Das Team um Ehefrau und Inhaberin Galina Wesemann wollte sich damit aber nicht abfinden, man suchte nach Alternativen. Der Vorteil dieser Familie ist nämlich: Sie reist mit Geschäften, die relativ schnell und einfach auf und abgebaut werden können. „Deshalb besuchen wir auch viele kleine Veranstaltungen“, so Renè Wesemann. Feuerwehr- oder Dorffeste, den Weihnachtsmarkt in Tangerhütte oder auch das Fest der Lebenshilfe nennt er als Beispiele aus der näheren Umgebung. Hauptsächlich im benachbarten Brandenburg, in Niedersachsen und anderen Regionen Sachsen-Anhalts wird sonst Station gemacht. „Oft sind wir im Harz unterwegs, dort, wo die Touristen sind.“

Neustart unter Coronabedingungen im Wildpark Weißewarte

Ein erster Versuch des Neustarts unter Coronabedingungen im Wildpark Weißewarte scheiterte an den behördlichen Auflagen. Kaum aufgebaut, mussten Karussells und Buden unbenutzt wieder abgebaut werden.

Mit dem „Mut der Verzweifelten“, so der Schausteller in dritter Generation, habe er dann an einem Hygienekonzept gearbeitet und um eine Sondergenehmigung gekämpft, diese auch schließlich vom Ordnungsamt des Landkreises Stendal erhalten. Das Winterquartier auf dem ehemaligen Sportplatz in Cobbel wurde so ab dem 6. Juni an jedem Wochenende zum kleinen Freizeitpark für Kinder.

Angesichts des Vorhabens „waren unsere Freunde und Kollegen sehr skeptisch“, erinnert sich Wesemann. „Wer soll schon in das kleine Cobbel kommen“, nennt er das damalige Argument der Zweifler. Aber die Vielfalt der zum Unternehmen gehörenden Fahrgeschäfte lockte selbst Besucher aus Thüringen und Leipzig in das kleine Dörfchen. „Wir hatten viele schöne Erlebnisse. Das hatte uns gutgetan“, freut sich Renè Wesemann noch heute über den Erfolg. „Mit dem Umsatz von einem normalen Fest war das aber nicht vergleichbar“, fügt er gleich hinzu und unterstreicht: „Wir konnten überleben, Essen, Trinken, unsere Rechnungen bezahlen. Für mehr reichte das aber auch nicht.“

Mit ihrem damaligen Angebot, dem „Heide-Park in Kleinformat“, stand diese Schaustellerfamilie mit Hauptsitz in Brandenburg erst einmal allein auf weiter Flur. Schnell aber wurden die Kollegen auf dieses Projekt aufmerksam, im September des Vorjahres eröffnete nach ähnlichem Muster ein größerer Park in Magdeburg. „Da konnten wir hier dann nicht mehr mithalten“, so Wesemann. Der Cobbeler Kinderpark schloss also.

Letztes Gastspiel vor dem zweiten Lockdown

Im Herbst gab die Familie noch je ein Gastspiel in Blankenburg und Wittenberge. Dann kam der zweite Lockdown. „Seit 1. November, seit mittlerweile mehr als fünf Monaten, sind wir nun wieder zu Hause“, wird Renè Wesemann nachdenklich.

Ja, die 9000 Euro Coronahilfen im März 2020, die hätten geholfen. Seitdem habe es aber keine staatliche Unterstützung mehr gegeben, die Rücklagen seien aufgebraucht, „und im Juni steht der TÜV für die Fahrgeschäfte an, das kostet wieder einige tausend Euro.“ Komme nicht schnellstens Geld ins Haus, „müssen wir das erste Karussell verkaufen, aber wer kauft zu solch einer Zeit schon ein Karussell“, nennt der Familienvater die Alternative und verwirft sie gleich wieder. Noch ist er optimistisch, hofft auf Besserung zum Pfingstfest. Viele seiner Kollegen seien mit ihren Prognosen zurückhaltender. Sie würden vor September keine Lockerungen erwarten.

Trotz allem sind die Wesemanns aber froh, vor drei Jahren in dem kleinen Altmarkdorf ein Domizil gefunden zu haben. „Wir wurden hier sehr gut aufgenommen, kommen mit allen super klar. Wenn wir Hilfe brauchen, ist sofort jemand zur Stelle“, so der Neu-Cobbeler dankbar.