Bismark/Bungoma l Den Ärmsten der Armen zu helfen, dieses Anliegen führte Daniela Nicklaus in ihrem Jahresurlaub nach Kenia. Die zahnmedizinische Fachangestellte, die in Berlin lebt, arbeitete für rund vier Wochen in einer Zahnstation der Hilfsorganisation „Dentists for Africa“ (Zahnärzte für Afrika).

Per Flieger ging es von Berlin via Amsterdam und Nairobi nach Kisumu und dann mit dem Auto weiter nach Bungoma. Dort bezog die Bismarkerin ihr Quartier, mit Nonnen als Mitbewohnerinnen. Das kleine Krankenhaus, in dem sie arbeitete, war wenige Kilometer entfernt. Dorthin fuhr sie „meist zu dritt oder sogar zu viert“ auf einem Moped, berichtet Daniela Nicklaus.

„Die Zustände im Krankenhaus waren, na sagen wir mal, kritisch. Es war keine vernünftige Desinfektion vorhanden. Malaria-Patienten lagen neben Hepatitis-Patienten, und neben den Tuberkulosefällen hat gerade eine werdende Mutter schreiend ihr Kind zur Welt gebracht. Und ich mittendrin“, schildert sie ihre Eindrücke.

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Die Mehrzahl der zahnärztlichen Behandlungen beschränkte sich auf die Zahn-entfernung. Auch Abzesse und andere Entzündungen wurden behandelt. Unter nicht einfachen Bedingungen, waren doch eine Reihe von medizinischen Geräten beschädigt oder komplett defekt. Daniela Nicklaus war froh, sich vor der Reise eine Stirnlampe gekauft zu haben, „denn wenn ich die nicht getragen hätte, hätten wir während der OP nicht mal Licht gehabt“.

Zeltpavillon ersetzt Zahnarztpraxis

Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – haben sich bei der Altmärkerin bleibende Erinnerungen an manche Behandlung förmlich eingebrannt. So die eines Mopedfahrers, der sich bei einem Unfall den Unterkiefer doppelt gebrochen hatte. Drei bewegliche Unterkieferteile mussten so versorgt werden, dass sie wieder zusammenwachsen.

„Aber wie, wenn man keine chirurgischen Maßnahmen zur Verfügung hat wie in Deutschland?“, fragte sich die Bismarkerin und glaubte dann nicht so recht, ihren Augen zu trauen. Sie erzählt: „Meine Zahnärztin zog die unterste Schrankschublade auf, holte unsterilen Wickeldraht und einen Seitenschneider heraus und los ging‘s. Wir verdrahteten die einzelnen Unterkieferteile miteinander, indem wir Zahn für Zahn mit diesem Draht umschlangen, zwirbelten ihn fest und fixierten ihn mit einer Art Metallschiene, an der Krampen festgemacht waren. Zu guter Letzt machten wir dieselbe Prozedur im Oberkiefer und verdrahteten nun Unterkiefer und Oberkiefer miteinander. Und alles in lokaler Anästhesie und völlig unsteril. Unglaublich!“ Der Patient bekommt nun für zwei Monate die Zähne nicht mehr auseinander und kann sich nur flüssig ernähren.

Das Können und Fachwissen der zahnmedizinischen Fachangestellten war nicht nur in der kleinen Zahnstation bei Bungoma gefragt. An einem Sonnabend behandelt sie Patienten in einer kleinen Stadt. Unter freiem Himmel. Schutz vor der brennenden Sonne – die Temperatur lag wie immer über 30 Grad – bot ein Pavillonzelt. Die Instrumente lagen in einem Pappkarton auf einem Campingtisch. Und Daniela Nicklaus und Co. zogen einen Zahn nach dem anderen, während „direkt neben mir Ziegen und Kühe herumliefen“.

Klebstoffabhängige Waisenkinder

Sie sei fasziniert, wie unkompliziert die Arbeit läuft und wie gut sie funktioniert, hebt die 28-Jährige hervor und zieht Vergleiche. Die „nicht vorhandenen Formalitäten“ würden im Gegensatz zur Arbeit in Deutschland den Tagesablauf wesentlich erleichtern. „Bei uns in Deutschland muss alles zigmal unterschrieben und genehmigt sein, Fristen müssen eingehalten werden und und und. Alles muss immer gegen alle Eventualitäten abgesichert sein. Es ist ein ganz anderes Arbeiten, wenn man wirklich gleich zur Tat schreiten und sofort helfen kann.“

Ein zweiter „Auswärts“-Einsatz in Kenia führte Daniela Nicklaus für zwei Tage in ein Waisenhaus, wo das Zahnarztteam rund 110 Mädchen und Jungen behandelte. Vom Kleinkind bis zum 16-jährigen Schüler. Ein Ehepaar aus Texas, das vor zwei Jahren nach Afrika ausgewandert ist und zehn eigene Kinder besitzt, hat das Waisenhaus aufgebaut.

Ihre jungen Schützlinge haben schon einiges hinter sich. Bei fast jedem zweiten von ihnen ist Daniela Nicklaus aufgefallen, dass deren Zähne eine ungewöhnlich braune Struktur haben, „die ich vorher noch nie gesehen habe. So bröselig zerstört.“ Die Erklärung dafür war schockierend: Viele der Heimkinder lebten auf der Straße und sind klebstoffabhängig. Die Kinder haben eine Flasche, die mit Klebstoff gefüllt ist und atmen ihn ein, erklärt Daniela Nicklaus. Das schädige neben dem Gehirn eben auch die Zähne. „Ich habe selbst schon vorher diese ,Flaschenkinder‘ auf der Straße gesehen, mir aber nichts weiter dabei gedacht“, so die Frau aus der Altmark.

Nicht nur die tägliche Zahnarztsprechstunden in Ostafrika waren für sie eine Herausforderung. Es sei gewöhnungsbedürftig gewesen, dass es über Stunden keinen Strom gab, wenn es regnete. „Auch das Wasser aus der Leitung war dort keine Selbstverständlichkeit. Regelmäßig blieb der Wasserhahn trocken“, berichtet Daniela Nicklaus.

Mit „recht einseitig“ beschreibt sie das Essen. „Es gab für mich jeden Tag das Gleiche. Vier Wochen lang. Maisbrei mit einer Art gekochtem Gras. Tag für Tag. Der Geschmack war in Ordnung, auch, dass wir mit den Fingern gegessen haben, war kein Problem. Nur dass es jeden Tag mittags und abends dasselbe gab, war eintönig. Aber es war eben das günstigste Essen und gehörte zu meinem Abenteuer dazu“, macht sie deutlich.

Eine Liebeserklärung an Afrika

Für dieses Abenteuer, ihren Hilfseinsatz, hat sie ihren Jahresurlaub spendiert und auch tief ins eigene Portemonnaie gegriffen, wobei sie mit Spenden – auch von Volksstimme-Lesern – unterstützt wurde. Nachdem sie bereits vor zwei Jahren an einer ähnlichen Mission in Benin teilgenommen hatte, ist sie sich sicher, bei ihrem zweiten Afrikaeinsatz einschneidende Erfahrungen gesammelt und vor allem mit ihrer Arbeit vielen Menschen geholfen zu haben.

Deshalb bedankt sie sich bei allen Unterstützern und Spendern, die zur Reise beigetragen haben. „Jeder Cent ist in mein Afrikaprojekt geflossen, und ich konnte damit wirklich vor Ort Gutes tun. Dabei war mir besonders wichtig, dass auch genau dort die Hilfe ankommt, wo sie am dringendsten benötigt wird“, versichert die junge Frau.

Der schwarze Kontinent und seine Einwohner würden sie täglich aufs Neue faszinieren. „Man kann sich so viel abgucken, man erdet sehr schnell und lernt, die Selbstverständlichkeiten unseres Alltags wieder zu schätzen“, sagt Daniela Nicklaus. Und sie gesteht gern ein: „Ich bin weiterhin verliebt in Afrika, und ein dritter Einsatz ist nicht ausgeschlossen.“