Stendal l Wer beim Stichwort „Dachreiter“ nach einem berittenen Pferd auf dem First Ausschau hält, wird nicht fündig werden. Und doch ist der Blick nach oben richtig, denn dort sitzen die Türmchen, um die es hier geht, weithin sichtbar – einst in der Funktion als kleiner Glockenstuhl, mittlerweile oft nur noch zur Zierde, jedenfalls aber als prägender Teil der Silhouette. Entwickelt wurde die Form der Dachreiter von den Zisterziensern und Bettelorden seit dem 13. Jahrhun- dert. Die darin befindlichen Glocken wurden vor allem bei Gottesdiensten und Gebeten geläutet.

Schulen mit Dachreiter

Auch profane Bauten haben zuweilen solche meist aus Holz konstruierten Türmchen (ohne Glocke), so wie in Stendal zum Beispiel das Hildebrand-Gymnasium. Am Winckelmann-Gymnasium sitzt das Türmchen von Haus B nicht auf dem First, sondern ragt gaubenartig aus der Dachschräge.

Doch zurück zu den Stendaler Kirchendachreitern. Der der Annenkirche war nach dem Dachstuhlbrand im Februar 1973 nur noch ein verkohltes Gerippe, er wurde nicht wieder aufgebaut. Im wahrsten Wortsinne hervorragend und somit stadtbildprägend sind also noch diese vier Türmchen:

Bilder

St. Jacobi

Was Aufzeichnungen angeht, muss Pfarrer Thomas Krüger passen. Die Errichtung des schlanken Türmchens auf St. Jacobi geht wohl aufs Jahr 1706 zurück, dieses Datum jedenfalls steht auf der Wetterfahne. „Es ist, soweit mir bekannt, der originale Dachreiter“, sagt Krüger. Einst befand sich darin auch eine Glocke, die es aber nicht mehr gibt. Was es hingegen gibt, ist eine Menge Taubendreck. „Im Prinzip ist der Dachreiter durch eine Klappe im Boden begehbar“, sagt der Pfarrer und erklärt unverblümt: „Die geht nur nicht mehr auf, wegen der Kacke.“ Also könne man zu Recherchezwecken auch nicht nachsehen, ob eventuell Zimmerleute beim Bau des Dachreiters im Holz irgendwelche Zeichen hinterlassen haben, die Aufschluss über Namen und Daten geben könnten.

St. Petri

Die Historie von St. Petris Dachreiter ist nicht wesentlich besser dokumentiert. Die Fachliteratur ist nach Auskunft von Pfarrer i.R. Reinhard Creutzburg „recht überschaubar, eine gezielte Beschäftigung mit dem Dachreiter hat es bisher nicht gegeben“. Klar ist zumindest, dass die Eichen für das Dachwerk von St. Petri 1415 gefällt wurden. Eine Quelle erwähnt, dass auf dem steilen Satteldach „nahe am Übergang zum Chor ein kupferbehelmter Dachreiter (sitzt), der nicht zugänglich ist“. 1868 wurde sowohl die kupferne Eindeckung des Turmhelmes erneuert als auch der Dachreiter repariert. Ob sich darin jemals eine Glocke befand, konnte Creutzburg aufgrund fehlender Quellen nicht eruieren: „Es erscheint mir eher unwahrscheinlich. Bliebe als Zweck des Dachreiters lediglich eine Zierfunktion.“

St. Marien

Die Frage der Dachreiter-Funktion ist für St. Marien ohne Zweifel: Hier hing einst eine Glocke, und zwar nach Auskunft von Bärbel Hornemann vom Glockenförderverein „eine Signier- und/oder Betglocke aus dem Jahr 1522 mit einem Gewicht von 117,5 Kilogramm“. Sie wurde zu liturgischen Handlungen im Gottesdienst per Seil geläutet. Diese Glocke wurde im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen.

Der Dachreiter selbst wurde wahrscheinlich beim Bau der Kirche Mitte des 15. Jahrhunderts mit errichtet. Sein Lärchen- und Eichenholz war einige Jahrhunderte später derart zerfressen und verwittert, dass er 2011 abgenommen wurde. Mit Spenden- und Fördergeld wird der Turmhelm nun saniert, für die Montage wurde gerade rund um den Turmstumpf eine Arbeitsbühne gebaut. Ob nach der Sanierung auch wieder eine Glocke im Dachreiter hängen wird? Dazu kann die Fördervereinsvorsitzende im Moment noch nichts sagen – aber eine Idee, wie das Türmchen künftig erfüllt werden könnte, gibt es.

Musikforum Katharinenkirche

Zwar ist das einstige Nonnenkloster kein sakrales Gebäude mehr, sondern dient seit 1994 als Veranstaltungs- und Konzertsaal, aber eine Glocke beherbergt der Dachreiter dennoch. Die 1759 gegossene Gebetsglocke hing dort bis 1952, als sie wegen großer Schäden am Dach vorsichtshalber heruntergenommen wurde – und im Magazin des Altmärkischen Museums in Vergessenheit geriet. Bis sie wiederentdeckt und dank einer Spendenaktion restauriert wurde. Seit 2012 hängt sie wieder im schmalen Glockenstübchen und fügt sich ins Geläut der Stadt Stendal ein. Werktags erklingt sie um 12 und um 18 Uhr, außerdem laut Läuteordnung zu bestimmten Anlässen mit Andacht und Gebet sowie unter anderem zum Jahreswechsel, Ostersonntag und zum Pogromgedenken am 9. November.

Über den Dachreiter selbst sagt das natürlich nicht viel. Wenn er gleichzeitig mit dem Kloster gebaut wurde, dann saß er womöglich bereits 1468 auf dem Dachfirst der ansonsten turmlosen Kirche.