Stendal l Pippi Langstrumpf ist ein tolles Mädchen, sie wohnt zusammen mit einem Affen und einem Pferd, das sie manchmal in die Luft hebt, kann sich unendlich viel Brause vom Limonadenbaum holen und heckt die kühnsten Streiche aus. Doch Figuren wie sie oder die ebenfalls von Astrid Lindgren erschaffene Ronja Räubertochter sind selten. Meistens sind Mädchen brav, tragen Rosa und spielen mit Puppen. Keck sind natürlich die in Blau gekleideten Jungs, die nicht von ihren Spielzeugautos oder Robotern lassen können.

Dieses Bild stellt der Medienkoffer Geschlechtervielfalt des Kompetenzzentrums geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt auf den Kopf oder besser: rückt es zurecht. In diesen Tagen wird der Koffer im Land vorgestellt, jüngst wurde er 50 Kitaleiterinnen in Stendal präsentiert. „Der Inhalt ist in drei Themenbereiche aufgeteilt“, erklärte die Geschäftsführerin Kerstin Schumann im Gespräch mit der Volksstimme: Geschlechterrollen, Familienvielfalt und Geschlechtervielfalt. Eine Menge Bücher stecken in dem Koffer. „David und sein rosa Pony“ heißt eines von ihnen. Um die Geschichte noch kindgerechter erzählen zu können, ist auch ein rosafarbenes Stofftier dabei. Und mit dem darf David auch spielen, genauso wie Mädchen in einem anderen Buch auch Rosa hassen dürfen oder „Prinzessin Pfiffigunde“ nicht auf der Suche nach ihrem Märchenprinz ist.

Nachholbedarf auf dem Büchermarkt

Die Titel der beiden Bücher „Mommy, Mama and me“ und „Daddy, Papa and me“ aus dem Bereich Familienvielfalt zeigen, dass dort Bücher aus dem englischen oder amerikanischen Bereich die Bibliothek bereichern. Auf dem deutschen Büchermarkt herrscht dort noch Nachholbedarf. „Das hat sicherlich damit zu tun, dass es in Deutschland eine sehr starke Angst vor Begriffen wie Frühsexualisierung gibt“, meint Schumann. Allerdings werde dieser Begriff von Rechts instrumentalisiert. Dabei geht es überhaupt nicht um Sexualkunde. In den Büchern werden Kinder, die bei zwei Männern oder zwei Frauen aufwachsen, gezeigt: „Es geht nicht um Homosexualität“, betont sie. Vielmehr soll gezeigt werden, dass es mehr als die Vater-Mutter-Kind-Familie, die etwas sachlich als „tradiert“ bezeichnet wird, gibt, sondern auch Regenbogen- oder Ein-Eltern-Familien. „Es gibt ja eben auch Kinder, die mit nur einem Elternteil oder einem homosexuellen Paar großwerden, und sie sollen nicht das Gefühl haben, dass bei ihnen etwas verkehrt läuft“, erläuterte Schumann.

Sicherlich auch für so manchen Erwachsenen nicht ganz einfach zu durchschauen sind die Geschlechterformen neben männlich und weiblich mit den Bezeichnungen Transgender (Menschen, die ihr biologischess Geschlecht als falsch empfinden), Transsexuelle (Menschen, die eine geschlechtsangleichende Maßnahme wünschen) und Intergeschlechtliche (Menschen, die keinem Geschlecht eindeutig zugeordnet werden können). Doch auch in diesem Bereich sollen die Kinder nicht „aufgeklärt“, sondern die Vielzahl der Möglichkeiten aufgezeigt werden. Im polnischen Kinderbuch „Wer ist die Schnecke Sam?“ wird beispielsweise der erste Schultag der Schnecke Sam beschrieben, die nicht weiß, ob sie sich beim Spielen in die Jungen- oder die Mädchengruppe einordnen soll. Die Schulpädagogin hilft ihr zu verstehen, dass es vielfältige Geschlechter-, Familien- und Lebensformen geben kann, die alle gleichberechtigt nebeneinander stehen.

„Berufe-Memory“

Besonderer Clou an dem Buch: Es endet mit einer Erklärung zur Biologie der Hauptdarsteller. In der Tierwelt ist es eben nichts Besonderes, dass der Lippfisch im Laufe seines Lebens sein Geschlecht wechselt und dass es bei dem schwarzen Schwan, Wappentier von Westaustralien, einen sehr großen Anteil homosexueller Paare gibt. Die von zwei Schwanenmännchen großgezogenen Jungvögel werden sogar älter als die heterosexueller Paare. Auch zu dieser Geschichte gibt es ein Stofftier.

Kinder müssten nicht alles verstehen, meint Schumann, aber sie würden beobachten, dass es so etwas gibt. Sie nehmen die Lebenswirklichkeit wahr, sehen vieles auch im Fernsehen, stellen dann unheimlich viele Fragen, was sie ja auch sollen. Und das Kompetenzzentrum will Eltern und Erziehern bei der Beantwortung dieser Fragen behilflich sein.

Spiele zum Kennenlernen

Insgesamt 19 Kinderbücher sind in dem Koffer untergebracht, doch das und die zwei Stofftiere ist noch nicht alles. Es gibt auch verschiedene Spiele, mit denen die Kinder die Thematik entdecken können. So ist eine Art Memory enthalten, in dem verschiedene Berufe jeweils von einem Mann und einer Frau ausgeübt werden. Lehrer und Lehrerin, Feuerwehrmann und Feuerwehrfrau, Balletttänzer und Balletttänzerin sind bunt durcheinandergemischt. „Berufsorientierung hängt auch immer mit Klischees zusammen“, erklärt Schumann. Würden die schon im frühen Alter zerstreut, gäbe es auch bei der Berufswahl eine größere Vielfalt.

In einem anderen Kartenspiel sind viele verschiedene Tiere enthalten. Die Kinder können dann auswählen, mit welchem Tier sie sich oder auch andere vergleichen. Da muss der Junge das Mädchen nicht immer als Ziege, das Mädchen den Jungen nicht unbedingt als Affen sehen. Erlaubt ist es aber.

Der Medienkoffer ist Teil des 2015 vom Landtag beschlossenen Aktionsprogramms für die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Transsexuellen und intergeschlechtlichen Menschen. Das Programm soll zum Thema geschlechtliche Vielfalt sensibilisieren und gegen Gewalt und Diskriminierung dieser Personengruppen eintreten.

Ziel: Ein Koffer pro Kreis

Derzeit gibt es in Sachsen-Anhalt zwei Koffer für den Bereich frühkindliche Bildung im Alter von drei bis sieben Jahren und für den Bereich Grundschule für die Sieben- bis Zehnjährigen. „Wir streben an, dass es pro Landkreis einen Koffer für jede der beiden Altersgruppen gibt“, sagte Schumann. Rund 400 Euro kostet das das Land pro Koffer. Zunächst einmal wird in den kommenden Wochen der Bedarf erschlossen.

Das Ziel fasst Kerstin Schumann in einem Satz zusammen: „Jedes Kind soll so aufwachsen, dass es sich wohlfühlt.“