Stendal l Abkürzungen wie BHV-1 oder BVD sagen dem Laien wenig. Bei Rinderhaltern läuten allerdings die Alarmglocken, wenn sie diese Begriffe hören. Hinter dem Bovinen Herpesvirus Typ 1 (BHV-1) und hinter der Bovinen Virus- diarrhoe (BVD) verstecken sich nämlich gefährliche Rinderseuchen, die wirtschaftlich erhebliche Schäden verursachen können.

Noch vor etwas mehr als 20 Jahren war über die Hälfte der Rinderbestände durch BHV1, ein Herpesvirus, der Atemwegs- aber auch Geschlechtsteilentzündungen hervorruft, verseucht. Bei der Bekämpfung dieser Krankheit hatte unter anderem Sachsen-Anhalt eine Vorreiterrolle. Um diese Erfahrungen weiterzugeben, lud die hiesige Tierärzteschaft 1997 erstmals nach Stendal, dem Sitz des Fachbereiches Veterinärmedizin des Landesamtes für Verbraucherschutz, zu einer eintägigen Weiterbildungsveranstaltung ein.

Diese Tagung, die sich in Folge zu einem alle zwei Jahre stattfindenen Rindersymposium entwickelte und mittlerweile auch von der Tierärztekammer Sachsen-Anhalt mitgetragen wird, trug Früchte. Seit 2017 gilt Deutschland als „BHV1-freie Region“, Sachsen-Anhalt erhielt diesen Status bereits zwei Jahre zuvor. Den hiesigen Landwirten bleiben dadurch nicht nur erhebliche Verluste in den eigenen Beständen erspart, sie haben auch erhebliche Handelsvorteile.

Gleiches gilt für die BVD, die laut Fachbereichsleiter Dr. Wolfgang Gaede zu den verlustreichsten Rinderseuchen zählt und für mehrere Krankheitsbilder verantwortlich sein kann. Auch hier war Sachsen-Anhalt das erste Bundesland, das 2004 ein verpflichtendes Programm zur Bekämpfung einführte, sechs Jahre später zog die Bundesrepublik nach.

Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis

Laut Dr. Miriam Lindner, Dezernentin für Tierseuchenbekämpfung am Landesamt, gebe es in diesem Falle zwar keinen offiziellen Freiheitsstatus, Sachsen-Anhalt „ist aber ganz schön weit.“ Auch diesbezüglich war und ist das Stendaler Symposium der Marktplatz, auf dem die Erfahrungen zur Seuchentilgung europaweit gehandelt werden. Andere Länder stünden bei der Bekämpfung erst am Anfang.

In Sicherheit können sich die Milchbauern und Mutterkuhhalter zwischen Arendsee und Zeitz in Sachen BHV-1 und BVD allerdings nicht wiegen. Die „lästigen“ Programme zur Bestandsüberwachung bleiben ein Thema, machte der stellvertretende Fachbereichsleiter Dr. Benno Ewert klar. Schließlich sei die Gefahr der Reinfektion in Sachsen-Anhalt, „dem Transitland im Herzen Europas“ sehr groß. „Ein infiziertes Tier reicht und der Bestand geht hoch“, warnt Ewert.

Er betitelt dieses Symposium als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. In diesem Zusammenhang rät Lindner zu Schutzmaßnahmen vor Ort. Beispielsweise sollten die Landwirte den Fahrzeugverkehr auf ihre Höfe unter Kontrolle haben und betriebsfremden Personen wie Tierärzten, Besamungstechnikern, Viehhändlern oder Klauenpflegern betriebseigene Kleidung anbieten. Schließlich kämen auch diese als potenzielle Virusträger in Frage.

Die Schmalenberg-Krankheit, durch Gnitzen übertragen, war 2008 erstmals großes Thema in Deutschland. Der Virus, der Verkalbungen und Missbildungen hervorruft, rücke aktuell wieder über Frankreich ein. „Derzeit gibt es aber noch keine Erkrankungen“, nannte Gaede die postive Nachricht.

Kälbersterblichkeit und Klauenkrankheiten

Die negative: Der Frühling hat erst begonnen. Die Zeit der Gnitzen beginnt also erst noch. Er riet deshalb den Landwirten zu Impfprogrammen. Denn breche die Schmalenberg-Krankheit erst einmal aus, drohen in den Sperrgebieten Handelsbeschränkungen.

Dr. Klaus Kutschmann, Präsident der Tierärztekammen Sachsen-Anhalt, machte in diesem Zusammenhang klar, dass auch Schafe und Ziegen von diesem Virus befallen werden können. Somit könnten auch Hobbyhalter, die infizierte Tiere aus betroffenen Regionen einführen, für eine Ausbreitung der Krankheit verantwortlich werden. Totgeborene missgebildete Lämmer oder Kälber sollten die Tierhalter auf jeden Fall untersuchen lassen.

Das immer größer werdende Bewusstsein der Verbraucher für das Tierwohl ist nach der Geflügel- und Schweinehaltung nun auch in der Rinderhaltung angekommen und wurde im Rahmen des Symposiums zum zweiten Mal thematisiert.

Auf der Suche nach fundierten Lösungen

Lindner räumte ein, dass es diesbezüglich, wie in jeder Branche, auch unter den Bauern „schwarze Schafe“ gibt. Sie warnte aber vor einer pauschalen Verurteilung der Landwirtschaft. Ewert wünschte sich, dass die aktuell emotionale Diskussion versachlicht wird und die Wissenschaft mehr Gehör findet.

Diese in der Gesellschaft heiß diskutierte Problematik betrifft nicht nur die Schweine- und Geflügelhalter, sondern auch die Rinderhalter, sagt Dr. Benno Ewert, Leiter des Dezernates Tierseuchenbekämpfung. Er erinnerte daran, dass noch immer 1,3 Millionen Rinder deutschlandweit in Anbindeställen untergebracht sind. Weitere Sorgen bereiten ihm außerdem die hohe Kälbersterblichkeit oder Klauenkrankheiten.

Während es für viele Probleme bereits Lösungen gibt, sind einige Fragen aber noch ungeklärt. Ewert nannte als Beispiel das betäubungslose Enthornen der Kälber, Lindner die in einigen Fällen notwendige Schlachtung hochtragender Kühe. „Die Wissenschaft forscht“, versicherte Ewert. Allerdings ließen sich viele Forderungen des emotionalen Tierschutzes nicht sofort umsetzen. Es müssten erst fundierte Lösungen gefunden werden.