Stendal/Salzwedel l Nicht, dass Christel Stoldt langweilig wäre. Auch wenn sie Rentnerin ist, sind ihre Tage gut ausgefüllt. Nein, sie ist für den „Weißen Ring“ aktiv, weil sie gespürt hat: „Anderen zu helfen, das ist genau mein Ding.“ Dieser Impuls ist jetzt acht Jahre her, seither leitet die ehemalige Gymnasiallehrerin die Stendaler Außenstelle des bundesweiten Opferhilfe-Vereins, hat dafür neun ehrenamtliche Mitarbeiter zur Seite, auch zwei Studenten sind dabei.

Und nun hofft sie, dass sich auch für die Westaltmark wieder jemand findet, der ebenjene Regung in sich spürt und meint: Das ist genau mein Ding. Seit Dezember nämlich ist die Salzwedeler Außenstelle des Weißen Rings unbesetzt, wird die Region von den Stendaler Ehrenamtlichen mitbetreut. „Aber das sind teilweise Fahrtzeiten von drei Stunden, das kann man keinem lange zumuten“, sagt Stoldt, die in einem Dorf bei Stendal wohnt und von dort aus agiert.

Etwa zwei Fälle im Monat

Die Aufgabe an sich ist recht pragmatischer Natur. Christel Stoldt nennt es „Lotsenfunktion“. Es geht darum, jemanden, der Opfer einer kriminellen Tat geworden ist, wieder auf den Weg zu bringen. Auf den Weg zu den Stellen, wo man Hilfe bekommt: Polizei, Rechtsanwalt, soziale und psychologische Beratung. „An erster Stelle steht natürlich der menschliche Beistand und dann gibt es Möglichkeiten der finanziellen Soforthilfe, wenn zum Beispiel ein neuer Schlüssel hermuss, weil der alte gestohlen wurde.“

Die Leiterin der Außenstelle koordiniert die Einsätze der Mitarbeiter, die wiederum Termine mit den Opfern machen, um sich dann möglichst an einem neutralen Ort zu treffen. „Es sind etwa zwei Fälle pro Monat“, schätzt sie, „man kann das durchaus neben dem Beruf machen.“ Es ist ein unbezahltes Ehrenamt, man braucht ein Auto, bekommt aber Kilometergeld. Ein Büro gibt es aus Kostengründen nicht, aber für den Leiter ein Diensthandy und die Mail-Adresse. Die Mitarbeiter treffen sich, so handhabt es die Stendaler Gruppe, einmal im Monat, um sich auszutauschen. Regelmäßige kostenlose Schulungen gehören dazu. Stoldt selbst ist vier- bis sechsmal im Monat zu Präventionsveranstaltungen unterwegs, an Schulen, bei Senioren, bei den Landfrauen, an der Hochschule.

Große Dankbarkeit

Der ohnehin vor Energie und Freundlichkeit sprühenden Frau hilft wohl ihr unerschütterlicher Optimismus und ihre positive Grundeinstellung dem Leben und den Menschen gegenüber, all die Geschichten und Geschehnisse, die sie als Weiße-Ring-Helferin miterlebt, zu verdauen und für sich dann abzuschließen. Außerdem macht sie viel Sport und widmet sich hingebungsvoll ihrem Garten.

Wenn sich einige der von ihnen betreuten Opfer irgendwann mal wieder melden, rührt sie das. So wie die ältere Dame, die überfallen und beraubt wurde. „Mit der treffe ich mich seit acht Jahren sporadisch, sie ist so dankbar, dass wir ihr geholfen haben. Sie sagte damals zu mir: Sie sind ein Engel!“

Keine psychologische Beratung

Es bedarf gar nicht viel, um als solch ein Engel wahrgenommen zu werden. „Zuhören können, einfühlsam und verständnisvoll sein, und vorurteilsfrei. Ich denke, das sind die wichtigsten Voraussetzungen“, sagt Stoldt. Eine besondere soziale oder gar psychologische Ausbildung ist nicht nötig, denn „wir machen keine psychologische Beratung oder Traumaaufarbeitung“.

Eine Altersgrenze nach oben gibt es übrigens nicht – die Stendaler Gruppe fängt bei 22 Jahren an und hört bei fast 68 auf, diese Spitze setzt Christel Stoldt selbst. Und sie ist nach wie vor aus vollem Herzen dabei. „Wir bekommen so viel Dankbarkeit. Und ich habe das Gefühl, dass wir noch immer jedem geholfen haben, die Kurve zu kriegen.“

Interessenten für dieses Ehrenamt im Altmarkkreis Salzwedel melden sich bei Christel Stoldt, Sie ist erreichbar unter Tel. 0151/55164650 oder per Mail: weisser-ring-aussenstelle-stendal@web.de

Weitere Informationen findet man auf http://stendal-sachsen-anhalt.weisser-ring.de

Das kostenfreie Opfer-Telefon ist bundesweit die Nummer 116006 (Montag-Sonntag 7-22 Uhr).