Tierquälerei

Landkreis Stendal erstattet Strafanzeige

Vor kurzem hat der Landkreis Stendal einen Schlachthof in Hohengöhrener Damm vorläufig geschlossen. Nun schaltet die Behörde die Justiz ein.

Von Bernd-Volker Brahms 16.10.2018, 01:01

Hohengöhren/Stendal l In einem Video ist deutlich zu erkennen, wie eine Kuh mit einem Elektroschocker traktiert wird. Andere Fotos zeigen, wie nicht mehr gehfähige Kühe mit einer Winde aus einem Anhänger gezogen werden. Das Material wurde nach Angaben des Vereins Soko Tierschutz aus München in einem Schlachthof im Elb-Havel-Winkel in Hohengöhrener Damm aufgenommen.

Wie die Volksstimme vor zwei Wochen berichtete, hatte Soko Tierschutz die Behörden eingeschaltet, unter anderem das Umweltministerium in Magdeburg. Der Landkreis Stendal machte zwei Tage nach der Anzeige eine Kontrolle in dem Betrieb und hatte diesen vorläufig geschlossen. Nun erstattete der Landkreis Ende der vergangenen Woche Strafanzeige „wegen schwerwiegender Verstöße gegen den Tierschutz“, wie die Behörde auf ihrer Website mitteilte. Außerdem wurde beim Landesverwaltungsamt die Entziehung der EU-Zulassung zum Schlachten und Verarbeiten beantragt.

„Das sind wichtige Schritte. Es ist gut, dass etwas passiert“, sagt Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz. Er hat sein Bildmaterial nicht nur dem Landkreis Stendal, sondern auch der Staatsanwaltschaft und dem Ministerium zukommen lassen.

Mülln hat seinerseits Anzeige gegen den Amtstierarzt des Landkreises erstattet. „Der hat eine Überwachungspflicht“, sagt Mülln. Diese Überwachung habe total versagt. Es gehe dabei nicht nur um den Schlachter, sondern auch um Transportunternehmen sowie weitere Veterinäre, die unter anderem sogenannte Lebendbeschauungen durchführen müssen.

Nach Angaben des Landkreises seien bei dem Betrieb schon bei Kontrollen im vergangenen Jahr Verstöße gegen Hygienevorschriften und Tierschutz festgestellt und sanktioniert worden.

Möglicherweise hat auch ein öffentlicher Druck den Landkreis zum Handeln veranlasst. Am vergangenen Dienstag war in der ARD-Sendung „Fakt“ über den Fall in Hohengöhrener Damm berichtet worden. Auch dort hatte Friedrich Mülln ein Versagen der Überwachung durch die Behörden moniert.

Immerhin wurde diesmal schnell eingegriffen, anders als im Fall des Milchviehbetriebs in Demker. Mitte Mai hatte die Soko Tierschutz auch dort Missstände aufgedeckt und den Landkreis Stendal darüber informiert. Zunächst gab es nur den Hinweis, dass keine groben Verstöße festgestellt worden seien.

Der Landkreis hatte allerdings bereits zwischen 2014 und 2016 nach Kontrollen insgesamt vier Strafanzeigen gestellt, drei davon wurden eingestellt. Eine weitere Strafanzeige von Juni 2018 läuft noch.

Tierrechtler Friedrich Mülln hätte sich gerade von der Stendaler Staatsanwaltschaft ein energischeres Handeln gewünscht. „Wir haben in Niedersachsen in Bad Iburg einen Fall, da geht die Staatsanwaltschaft ganz anders zur Sache.“ Er sei von der Stendaler Staatsanwaltschaft bisher noch nicht einmal zum Fall Demker vernommen worden, den er vor fünf Monaten angezeigt hatte. In Bad Iburg habe es gleich eine Hausdurchsuchung gegeben. Im Fall des Schlachtbetriebs in Hohengöhrener Damm sei beispielsweise gar nicht klar, wohin die Schlachtabfälle gekommen seien.

Er habe mittlerweile herausgefunden, dass sowohl der Betrieb in Hohengöhrener Damm als auch der in Bad Iburg ihr Fleisch unter anderem an einen Betrieb in Bayern weiterverkauft haben, wo dieses dann unter anderem zur Hamburger-Produktion verwendet wurde.

Nach Recherchen des Münchner Tierschützers Mülln seien in Hohengöhrener Damm viele Tiere aus der unmittelbaren Nachbarschaft – also aus der Altmark – verarbeitet worden. Gesetzliche Vorschriften zur Tierbeseitigung hätten zu „kreativem Handeln“ bei Landwirten geführt, sagt er. Kaputte und verletzte Tiere sowie solche, die keine Nahrung mehr aufnehmen, werden über zwielichtige Schlachter noch veräußert. „Das ist ein Netzwerk“, sagt Mülln.