Lindenberg/Berlin l Mit einem Start up-Unternehmen versucht der Berliner Boris Thiemig in der Altmark den Großstädtern per Internet das Gärtnern näher zu bringen und dies als Geschäftsmodell zu etablieren.

Carla sitzt gemütlich auf ihrer Couch. Vor ihr das iPad. Über den Bildschirm laufen gackernd Hühner. Sie klimpert auf der Tastatur und sendet den Befehl „Ausmisten“. Etwas später – 125 Kilometer Luftlinie entfernt – geht Frau Schmidt im altmärkischen Lindenberg an die Arbeit … und mistet Carlas Parzelle aus. Dass Carla ihre Hühner-Parzelle online bewirtschaftet, ist kein Märchen, sondern fast Realität. Bereits seit drei Jahren bepflanzen Berliner virtuelle Gärten in der Altmark und ernten wöchentlich Gemüse. Bald werden auch die Eier nach Haus geliefert – ein Modell, das immer mehr Form annimmt …

Ihre Online-Gärtnerei ist im dritten Jahr, eine Hühnerparzelle ist in der Testphase. Klingt nach Bilderbuchstart und Zukunft… Sind Sie zufrieden?

Boris Thiemig: Sehr! 2016 war die Unternehmensgründung, 2017 haben wir mit der Testphase und unseren ersten 36 „echten“ Kunden begonnen. Damals noch auf dem Privatgrundstück von Martin Kruszka im Havelland bei Warnau, wo wir alles selbst bewirtschaftet haben. 2018 haben wir Kooperationslandwirte gewonnen, und wir haben den ersten Stall für IP-Hühner testweise in Betrieb genommen.

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Wieviel IP-Gärtner und Angestellte sind bei Ihnen beschäftigt?
Aktuell sind es 101 IP-Gärtner. Vor Ort kooperieren wir mit Bio-Landwirten vom Landhof Lindenberg, die vier Gärtner für 30 Stunden pro Woche angestellt haben. Sie bewirtschaften Parzellen auf einem Hektar, aber wir haben eine Infrastruktur für die Versorgung von 400 individuellen Gärten aufgebaut. In Berlin steuern acht Mitarbeiter das Unternehmen. Sie sorgen für die Öffentlichkeitsarbeit, das Marketing, für Technik und Verwaltung …

Ihre Flächen werden pro Jahr vermietet … warum?
Der Kunde soll den landwirtschaftlichen Kreislauf mitverfolgen. Als würde er einen Schrebergarten in der Stadt bewirtschaften. Dazu gehört nicht nur die Erntezeit sondern auch die Bodenvor- sowie Nachbereitung, also das Pflügen. Dazu kommt die Auswahl des Saatgutes im Frühjahr und Herbst. Aber man kann auch einen Monat probeweise Online-Gärtnern.

Was kostet ein Jahr und kann man jederzeit einsteigen?
Eine Parzelle mit 16 Quadratmetern kostet 395 Euro, zusätzlich kommen etwa 35 bis 40 Euro/pro Jahr für Dienstleistungen hinzu. Etwa bis Mitte des Jahres sind Onlinebepflanzung und die analoge Umsetzung möglich. Ab Juni/Juli wird geerntet. Man kann auch innerhalb einer laufenden Saison Kunde werden und aus bereits vorgepflanzten Parzellen wählen. Außerdem kann man abgeerntete Sektionen nachsäen lassen.

Woher kommen Ihre Kunden?
Vor allem aus der Stadt – konkret aus Berlin. Anfragen haben wir zwar aus ganz Deutschland (teilweise sogar international), aber leider können wir aus logistischen Gründen aktuell nur Berliner Kunden beliefern. Wir hoffen, in der Zukunft deutschlandweit Standorte errichten zu können. Wichtig sind uns vor allem zufriedene Kunden, die dann sehr gerne „Werbung“ für ein tolles Projekt machen.

Verantwortungsvoller und besser leben – bauen deshalb Ihre Kunden ein Pflänzchen im IP-Garten an?
Besser leben ist sicher richtig. Aber es geht auch um besser leben lassen. Es geht um Wissen und Neugier und um Transparenz und Vertrauen. Es gibt sehr verschiedene Beweggründe für unser Engagement. Da ist zum einen der Zugang zu frischen, regionalen, saisonalen und gesunden Lebensmitteln, aber auch der Umwelt- und Naturschutz. Darüber hinaus geht es um Wissenszuwachs über landwirtschaftliche Abläufe. Vor allem soll Kindern spielerisch Wissen vermittelt werden. Nicht zuletzt geht es auch um die Förderung von ökologisch wertvollen Arbeitsplätzen und die Unterstützung der regionalen Landwirtschaft.

Machen die virtuellen Gärten auch Probleme?
Natürlich, aber alle Probleme sind lösbar. Die Software und das Mikromanagement, die digitale Brücke zwischen Stadt und Land, müssen weiterentwickelt werden. Die Kommunikation über die nötigen gärtnerischen Dienstleistungen und deren Ergebnisse sollen für Kunden noch einfacher nachzuvollziehen sein. Wenn er möchte, dass die Kartoffeln angehäufelt werden sollen, kann der Landwirt das zeitnah umsetzen, aber das Feedback zurück könnte schneller gehen. An der Stelle müssen wir verschiedene Kanäle ausbauen, damit wir jeden Kunden so schnell wie möglich und komfortabler erreichen. Momentan arbeiten wir an einer App …

Bei Problemen denke ich auch an die reale Welt, der Sommer war sehr trocken …
Ja, die unglaublich lange Dürre hat uns zu schaffen gemacht. Der IP-Garten profitiert zwar von seinem automatischen Bewässerungssystem, das auch durch die Kunden ferngesteuert werden kann. Aber die Hitze hat das System auf eine harte Probe gestellt und unsere Pumpen wörtlich „in Rauch aufgehen“ lassen. Wir mussten ein regelrechtes Hitzemanagement betreiben und mobile Pumpen sowie Trommelberegner ersatzweise einsetzen. Das Gemüse hat teilweise gelitten, viele Salate sind geschossen. Da kommt man mit der Erntelogistik ins Schwitzen. Aber die Landwirte hatten mit ihren Anbauflächen des eigenen Betriebs größere Sorgen, sie beklagen zwischen 50 bis 100 Prozent Ernteausfälle je nach Anbaukultur. Sie sind froh, dass sie sich auf die garantierten Zahlungen durch den IP-Garten verlassen können. Diese sind unabhängig vom Ernteerfolg – zumindest, wenn es kein eigenes Verschulden ist.

Wie hat sich die Trockenperiode auf die Ernte des Kunden ausgewirkt? Gibt’s virtuellen Dauer-Alarm, wenn die Pflanzen durstig sind?
Wir alarmieren unsere Kunden über E-Mails und Infos im Kundenprofil – es gibt einen Bodensensor, der den Feuchtigkeitswert ermittelt und der am Computer vom Kunden überwacht werden kann. Hier lernt man etwas über Feuchtigkeitswerte oder den elektrischen Leitwert. Zum Stichwort Ernteausfälle: Da wir gemeinwohlökonomisch agieren wollen, erklärt sich jeder Kunde bereit, im Bedarfsfall ein Sechzehntel seiner Ernte der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen – der solidarische Quadratmeter. So können wir landwirtschaftliche Ausfälle eines Kunden oder einer Region mit der Ernte eines anderen Kunden oder einer Region ausgleichen. Momentan bewirtschaften wir mehr Fläche, als wir Kunden haben, das heißt, wir haben eine luxuriöse Situation, so dass die Kunden immer Erntegut bekommen. Aber unsere Kunden müssen auch bereit sein, Risiken mitzugehen. Wir können den Ernteerfolg nicht vorhersehen, da spielt die Natur mit.

Haben Sie auch Ernte-Überschuss?
Ja. Es bleibt immer was übrig, manchmal braucht ein Kunde seine Kiste nicht, weil er im Urlaub ist und verschenkt seine Ernte. Das geht dann an die Berliner Obdachlosenhilfe und an die christliche Hilfe.

Welche Zukunftsvisionen haben Sie?
Das Prinzip des IP-Gartens lässt sich auf viele landwirtschaftliche Bereiche ausweiten. In der Zukunft sehen wir unsere virtuellen Gärten auch in anderen Regionen, also bundesweit, und es gibt Franchise-Anfragen. Aber wir sind noch nicht soweit. Wir haben viele Ideen und müssen aufpassen, dass wir nicht zu viel auf einmal wollen. Erstmal wollen wir die IP-Hühner voran bringen, sie sind nochmal was anderes, lebendiger als Gemüse. Die Kunden können ihnen über zwei Webcams live beim Scharren, Fressen, Gackern, Eierlegen, Schlafen und Kuscheln zusehen. Die Eier bekommen sie mit ihrer Erntekiste geliefert. Da weiß man wirklich, was man bekommt und baut eine Beziehung zum Tier auf! Wir kooperieren auch mit der Wissenschaft. Aktuell werden zwei Masterarbeiten zur umweltpsychologischen Wirkung des IP-Gartens verfasst. Die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und das Institut für Umweltökonomik und Welthandel Hannover möchten mit uns über mehrere Jahre Forschung zur bioökonomischen Wirkung des Projekts betreiben. Das ist sehr spannend. Wir hoffen, dass das Interesse an dieser Form der digitalen Landwirtschaft nicht abnehmen wird. Je mehr Menschen sich für eine sanfte, kleinteilige Landwirtschaft entscheiden, umso besser.

Müssen Sie, um schwarze Zahlen zu erreichen, „Masse“ machen und wäre das nicht ein Widerspruch zur kleinteiligen Kultur der Selbstversorger?
Nein, das ist kein Widerspruch. Wir müssen natürlich „Masse“ machen, um wirtschaftlich zu sein. Aber je mehr IP-Gärten in der Landwirtschaft wachsen können, umso wertvoller wird dieser Lebensraum sein. Die Kunden agieren ja nach wie vor sanft, kleinteilig und können sich gegenseitig „solidarisch“ aushelfen. Das ist ja die Grundidee hinter unserem Projekt. Und die Biobranche leidet noch immer unter der Nischengeschichte. Wir arbeiten zwar mit Biolandwirten zusammen und das Gemüse wird biologisch produziert, aber unser eigener Betrieb ist noch nicht biozertifiziert. Die Anträge liegen vor mir, ich bin nur noch nicht dazu gekommen, sie zu bearbeiten. Unsere GmbH wird von mehreren Investoren finanziert und schreibt noch keine schwarzen Zahlen. Der geschätzte Umsatz in 2018 liegt bei etwa 55 000 Euro. Die bisherigen Investitionen sind ein Vielfaches, der errechnete Break Even liegt bei 2200 Kunden. Bis dahin sind es wohl noch mindestens zwei Jahre. Weitere Investoren sind willkommen.

Wie sind Sie auf die Altmark aufmerksam geworden? Zufall?
Teils, teils. Der erste IP-Garten-Prototyp ist in der Altmark entwickelt worden – auf der anderen Seite der Elbe auf dem Privatgrundstück von Martin Kruszka. Später sind wir auf das Modellvorhaben Land(auf)Schwung zur Förderung der Region aufmerksam geworden. Im letzten Jahr konnten wir hierdurch Mittel akquirieren, um Kooperationsbauern in Sachsen-Anhalt zu finden. Dieses Jahr sind wir gefördert, um die Kundenkommunikation und die logistischen Abläufe bezüglich der Ernte zu verbessern.

Haben Sie als Angestellte eigentlich auch eine Parzelle?
Die meisten, aber nicht jeder von uns findet bei unserer 60-Stunden-Arbeitswoche den Weg zum Herd. Ich mache mit. Seither lasse ich es nicht mehr zu, dass mein Gemüse im Kühlschrank verkommt. Man hat eine Beziehung aufgebaut, in jeder Pflanze steckt Arbeit und Energie drin, deshalb bemühe ich mich, alles zu verarbeiten.

Können Ihre Kunden vor Ort tätig werden und den Gärtner kennenlernen – von der virtuellen zur realen Welt? Denkbar wären auch der Kontakt zu Schulen …
Ein persönlicher Kontakt besteht grundsätzlich nicht. Unsere Kunden können über ihr Online-Profil direkte Fragen an den Landwirt stellen. Und es gibt andere Projekte, wie zum Beispiel „meine Ernte“. Wir schlagen die Brücke für die Menschen, die keine Möglichkeit haben, einen realen Garten mit eigenen Händen selbst zu bewirtschaften. Wir pflegen natürlich den direkten Kundenkontakt an der Ausgabestelle in Berlin oder an der Haustür. Grundsätzlich kann aber jeder beim IP-Garten vorbeischauen. Wir haben im Jahr zum Beispiel einen Tag des offenen Gartens geplant. Der IP-Garten wurde tatsächlich schon im Unterricht integriert. Und denkbar wäre auch, dass Schulkinder im Zuge ihres Unterrichts ein Beet in einem völlig anderen Land bewirtschaften. Das würde die Welt näher zusammen rücken.