Kinderschutz

Mehr Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern im Kreis Stendal

Immer mehr Fälle des sexuellen Kindesmissbrauchs sind in der Vergangenheit ans Licht gekommen. Die Zahl der Verfahren steigt – das auch rund um Stendal. Der Verein „Miß-Mut“ und das Jugendamt in Stendal erklären, ob Corona dabei eine Rolle spielt.

Von Leonie Dreier

Stendal. Sexuelle Missbrauchsfälle von Kindern sind in der Region Stendal gestiegen. Das bestätigen Sybille Stegemann, Vorsitzende des Vereins „Miß-Mut“ in Stendal, eine Beratungsstelle für Opfer sexualisierter Gewalt, sowie die Jugendamtsleiterin des Landkreises, Kathrin Müller. Sybille Stegemann stellt diesbezüglich jedoch klar, dass der Verein die Definition der sexualisierten Gewalt weiter fasse. Mitarbeiter würden verbale Angriffe und Grenzüberschreitungen zur sexualisierten Gewalt zählen, die nicht zu einer Anzeige kämen. Außerdem erfasst „Miß-Mut“ nicht die Tatzeit, sondern den Zeitpunkt der Offenbarung der Opfer.

Statistisch untermauert wird der Anstieg des Missbrauchs in der Region durch die Polizeiinspektion Stendal. Sie verzeichnet zwischen 2018 und 2020 eine Erhöhung bei abgeschlossenen Verfahren zum sexuellen Missbrauch von Kindern. Die Statistik führt allerdings nur Straftaten auf, die nach Abschluss der Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft übergeben werden, erklärt Beatrix Mertens, Pressesprecherin der Polizeiinspektion. Einen deutlicheren Anstieg der sexuellen Gewalt gegen Kinder zeigen die Zahlen des Statistischen Landesamts. Von 2017 bis 2019 wuchs die Zahl der Verfahren in Sachsen-Anhalt von 38 auf 67 an. Was sind also die Gründe für den Anstieg des Missbrauchs von Kindern? Spielen Corona und die Auswirkungen der Pandemie eine Rolle?

Die Vorsitzende von „Miß-Mut“ zählt unter anderem das Internet als mögliche Quelle auf. Durch das Lernen im Kinderzimmer und die Distanz zu Freunden wegen Corona „spielen Medien eine wichtige Rolle bei Kindern und Jugendlichen“, sagt Sybille Stegemann. So befinde sich der Tatort der sexualisierten Gewalt bei den unter 18-Jährigen häufig im Digitalen. Das beweist der starke Anstieg der Kinder- und Jugendpornografie in Sachsen-Anhalt. Die Zahl der Ermittlungsverfahren im Bereich der Kinderpornografie ist um 41 Prozent zu 2019 gestiegen. Die Zahl der Verfahren der Jugendpornografie stieg von 2019 bis 2020 um 57 Prozent. Das geht aus der Jahresbilanz 2020 der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg hervor.

Sexueller Missbrauch von Kindern: Täter sprechen Opfer im Netz gezielt an

Junge Menschen nutzen Internet-Plattformen, wie TikTok, Instagram, WhatsApp und Snapchat, um trotz Kontaktbeschränkungen weiterhin mit Freunden vernetzt zu bleiben. „Hier verbergen sich Gefahren für Kinder“, ist Stegemann sicher. Denn im Netz lauert das Risiko des Cyber-Grooming. Das bedeutet, dass Täter ihre minderjährigen Opfer gezielt ansprechen, um sexuelle Kontakte aufzubauen. Täter belästigen und erpressen ihre Opfer und fordern Nacktfotos. Langfristig würden Täter versuchen, die Kinder und Jugendlichen im realen Leben treffen zu können, gibt sie zu. Viele wissen nicht: Schon die gezielte sexuelle Kontaktaufnahme ist strafbar und kann mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.

Kathrin Müller vom Jugendamt führt den Anstieg auf die vermehrte Präsenz des Themas „Kinderschutz“ in der Öffentlichkeit zurück. Zudem habe sich die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen verbessert. Des Weiteren sei die Gesellschaft viel sensibilisierter für die Belange der Kinder „und Missstände werden dem Jugendamt schneller mitgeteilt“, so die Leiterin.

Das Jugendamt sowie der Verein bestätigen, dass mehr Mädchen Opfer der sexualisierten Gewalt sind. In den vergangenen zwei Jahren hätten drei Viertel Mädchen und ein Viertel Jungen den Kontakt zu „Miß-Mut“ gesucht, bestätigt Stegemann. Die Opfer gehören allen Altersklassen an. Wobei die Vorsitzende des Vereins konkretisiert, dass die Mehrzahl der Jugendlichen, die sich beraten lässt, sich in einer Altersklasse ab 14 Jahre befinden würden. Kathrin Müller gibt für 2020 an, dass der größte Anteil aller Kinderschutzverfahren mit 42 Prozent im Alter zwischen sechs und 14 Jahren liegen. Wie hoch der Anteil der sexualisierten Gewalt in dieser Altersklasse ist, schlüsselt das Jugendamt nicht auf.

Sexueller Missbrauch von Kindern: Opfer versuchen, keine Aufmerksamkeit zu erregen

Furcht, Alpträume, Depression, Aggression, Straffälligkeit, häufiges Waschen, nicht erklärbare Verletzungen sowie Schul- und Lernprobleme sind mögliche Symptome, die missbrauchte Kinder und Jugendliche zeigen, zählen Sybille Stegemann und Kathrin Müller auf. Einige Opfer würden hingegen auch „positive“ Tendenzen zeigen und sehr fleißig und strebsam werden, sodass Außenstehende nicht auf die Idee kämen, dass sexualisierte Gewalt der Auslöser sei, erklärt Stegemann „Kinder und Jugendliche versuchen, durch solche Anpassungsleistungen die Aufmerksamkeit von sich zu nehmen“, begründet sie.

Eindeutige Hinweise liefern wiederum Verletzungen im Intimbereich, Aussagen der Betroffenen und Täter sowie Foto- und Filmmaterial. Wenn Bezugspersonen den Verdacht oder eindeutige Beweise des sexuellen Missbrauchs eines Kindes haben, können sie sich auf verschiedenen Wegen Hilfe holen. Das gilt auch für die Betroffenen selbst. Entweder nehmen Opfer oder Bezugspersonen mit der Polizei, mit „Miß-Mut“ oder mit dem Jugendamt Kontakt auf. Sie sind miteinander vernetzt und können Hilfe anbieten. Sybille Stegemann gibt ausdrücklich zu verstehen, dass Betroffene sich zudem anonym beraten lassen können. Das schaffe mentale Sicherheit. Der Verein steht nicht nur beratend zur Seite, sondern bietet auch bei einem möglichen Gerichtsprozess seine Unterstützung an.