Stendal l Was für viele junge Menschen das Normalste der Welt ist, ist für einen Rollstuhlfahrer mit mehr Mehraufwand verbunden. Sich spontan mal in Stendal in einen Zug zu setzen, um seinen Kumpel zu besuchen, das geht nicht so einfach.

Hilfe anmelden

In der Hansestadt Stendal wird zwar derzeit auf dem Bahnhof für rund 20 Millionen Euro an der Barrierefreiheit tüchtig gebaut, doch dauert die Nutzung der Fahrstühle laut Plan der Deutschen Bahn (DB) noch bis 2021. Somit muss ein Rollstuhlfahrer rechtzeitig Vorkehrungen treffen, um beim Ein- und Aussteigen Hilfe Dritter in Anspruch nehmen zu können.

Das geschieht in der Regel beim Mobilitätsservice der Deutschen Bahn, bei dem sich ein 29-jährigen Altmärker (Name liegt der Redaktion vor) nach Aussagen seiner Angehörigen „überpünktlich“ gemeldet hatte. Doch selbst die beste Vorbereitung und rechtzeitige Absprache garantiert noch lange nicht, dass die Inanspruchnahme der Mobilitätshilfe wie gewünscht gelingt.

Hilfe nicht vor 8 Uhr

Der junge Mann, der wegen einer Muskelerkrankung seit seinem 15. Lebensjahr an einen Rollstuhl gefesselt ist, meldete seine Fahrt von Stendal nach Offenburg und wieder zurück rechtzeitig bei der DB-Mobilitätsservicezentrale an. Er wollte sicher gehen, dass ihm beim Ein- und Aussteigen geholfen wird. Das sollte in seinem Fall mit einem Hublift geschehen. Aus Rücksicht, die Hilfe nicht übermäßig in Anspruch zu nehmen, suchte er sich eine Zugverbindung heraus, bei der er nur einmal – in Wolfsburg – umsteigen musste.

Im guten Glauben, alles richtig gemacht zu haben, folgte die erste herbe Enttäuschung: Sein geplanter Zug fuhr 7.30 Uhr in Stendal ab. Das sei eine halbe Stunde zu früh, teilte die Mobilitätsservicezentrale ihm mit und begründete: Auf dem Bahnhof in Stendal könne er nur zwischen 8 und 18 Uhr die Hilfe der 3-S-Zentrale in Anspruch nehmen.

Hilfe gekürzt

Die drei „S“ stehen für „Service“, „Sauberkeit“ und „Sicherheit“. Am Willen der in dieser Zentrale in Stendal Beschäftigten liege es nicht, Hilfe zu leisten, wie sie gegenüber der Volksstimme versicherten. Laut Recherche wurde der Dienst auf dem Bahnhof in Stendal von der DB-Geschäftsführung erneut gekürzt. Von einst 6 bis 22 Uhr auf 6 bis 20 Uhr und nun auf 8 bis 18 Uhr.

Die Anregung der Mobilitätsservicezentrale, einen Zug zu nehmen, der nach 8 Uhr morgens abfährt, schlug unser Rollstuhlfahrer aus. Er hätte vier Mal umsteigen müssen und wäre weit mehr als sechs Stunden unterwegs gewesen. Er beließ es bei seinen angemeldeten Hilfeleistungen samt geplanten Zugverbindungen und half sich am Abreisetag zunächst selbst.

Um Mitfahrt gebettelt

Da es für Stendal keine Ausnahme gab, ihm vor 8 Uhr morgens in den Zug zu helfen, sprang sein Vater ein. Er nahm sich einen Tag Urlaub und fuhr den Sohn zum Bahnhof nach Wolfsburg. Und wieder gab es ein Problem: Im Zug war die Behindertentoilette defekt, dem Rollifahrer wurde der Zustieg verwehrt. Er sollte umbuchen. Doch der junge Mann blieb hartnäckig und bat eindringlich, ihm die Mitreise zu erlauben. Mit dem Versprechen, dass er nichts trinke, um so nicht auf die Toilette zu müssen, wurde er in den ICE gehoben und konnte nun endlich seine Reise in den Schwarzwald antreten.

In Offenburg angekommen, lief alles wie gewünscht. Nach schönen erlebnisreichen Tagen bei seinem Schulfreund und dessen Familie trat er die Rückfahrt an. Und wieder ein Hindernis.

Ein Rolli zuviel

Bei der Abreise wurde ihm mitgeteilt, dass er nicht bis Stendal reisen kann, weil bereits ein Rollstuhlfahrer im Zug sei, der in der Hansestadt die Hilfe des Hublifts in Anspruch nehmen muss. Zwei Hilfeleistungen auf dem Bahnhof in der Hansestadt würden nicht möglich sein, um den Fahrplan des Zuges nicht zu gefährden, so die Begründung der Bahn.

Also musste der Stendaler in Wolfsburg aussteigen, beziehungsweise sich aus dem ICE hieven lassen, und zwei Stunden auf den nächsten Zug warten, um dann endlich wieder wohlbehalten zu Hause anzukommen. Auch wenn ihn letztendlich der Besuch bei seinem Freund, den er schon Jahre nicht mehr gesehen hatte, entschädigte, werde er so schnell nicht wieder mit der Bahn reisen, so sein Fazit.

Kein Einzelfall

Leider ist das kein Einzelfall, sagt Marcus Graubner gegenüber der Volksstimme. Der Tangerhütter ist Bundesvorsitzender des allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland und kenne genügend Schilderungen von Bahnreisen mit solchen und ähnlichen Hindernissen. „Deshalb ist es wichtig, dass wir nicht resignieren, sondern unsere Rechte einfordern.“

Graubner selbst beobachte mit Spannung die Bauarbeiten auf dem Stendaler Bahnhof und hoffe, dass die Bahn ihr Versprechen von einer uneingeschränkten Barrierefreiheit einhält. Doch bis es so weit ist, sei die DB AG verpflichtet, die im Grundgesetz verankerten Rechte von behinderten Menschen umzusetzen. Dazu gehöre ein Mobilitätsservice, der nicht nur gepriesen, sondern im Interesse der Reisenden mit Handicap realisiert werde.