Stendal l Kaum erklingt im Zusammenhang mit Musik das Wort Klassik, hören die Ersten schon weg und die Nächsten unterdrücken ein Gähnen. Doch wer klassische Musik mit Langeweile gleichsetzt, könnte was verpassen. Denn so bedauerlich festgefahren die Vorstellungen über klassische Musik oftmals sind, so überraschend facettenreich ist selbige. Derart facettenreich, dass es sogar einem Musikkenner und -liebhaber wie Michael Hentschel schwerfällt, eine genaue Definition zu formulieren: „Ich gebe zu, das ist ein schwammiger Begriff, der dehnbar ist. Auf alle Fälle aber gehören Sinfonie-, Solo- und Chorkonzerte dazu. Und auch Modernes kann klassisch sein.“

Am 4. Januar geht's los

Diese Definitionsfrage nun war nicht ganz unwichtig bei der Zusammenstellung eines Programms, das eben alle Stendaler Konzerte des Jahres, die in die Rubrik klassisch gehören, auf einen Blick präsentiert. Erstmals. Das dazugehörige Faltblatt namens „Stendal klassisch“ wird in diesen Tagen eintausendfach in Stendal verteilt und soll dann auch online abrufbar sein. Bereits am Sonnabend, 4. Januar, ist der erste Termin und es geht Monat für Monat weiter bis schließlich zur „Weihnachtsmusik im Kerzenschein“.

Die Idee zu dieser „Stendaler Klassik auf einen Blick“ ist längst nicht so neu wie das druckfrische Programmblatt. „Uns beschäftigt seit Jahren die Frage, wie wir all diese Termine, die es übers Jahr gibt, besser koordinieren können“, sagt Hentschel und spricht dabei für seine Mitdenker Maike und Johannes Schymalla. Insbesondere die teils sehr unterschiedlichen Planungszeiträume bereiteten Kopfzerbrechen.

Wertschätzung für Akteure

Michael Hentschel erzählt das nicht nur als erfahrener Stadtmusikdirektor, sondern auch als Beiratsmitglied der Jütting-Stiftung, die selbst Organisator klassischer Musik in Stendal ist. Zum Teil fänden die vielen Konzerte verschiedenster Veranstalter zwar auch unterschiedliches Publikum, so dass Überschneidungen hinnehmbar seien, aber doch sei da oftmals das Bedauern vernehmbar: „Ach, Mensch, hätten wir das gewusst...“ Es mangelte also bislang an Überblick, weshalb gemeinsam mit der Stadt und deren Veranstaltungsmanagement nun dieser Flyer entstanden ist. Hentschel versteht ihn auch „als eine Wertschätzung für die Kulturschaffenden in Stendal“.

Das Interesse an klassischer Musik jedenfalls ist da, befindet Hentschel. Er ist zuversichtlich, dass das Publikum für Klassik nicht schwindet, sondern stetig nachwächst. „Für die Jütting-Konzerte kann ich sagen, dass die Zuhörerzahlen sogar gestiegen sind, manch einer hat sogar schon seinen festen Platz.“ Das Besondere an der Stipendiaten-Konzertreihe sei, dass man „Werke hört, die man sonst nie hört“, schwärmt Hentschel, der dabei von einer „Qualität ohnegleichen“ spricht.

Musik am besten live

Überhaupt aber, so findet der auf Orgel spezialisierte Musiker, der von 1994 bis 2008 die Stendaler Musik- und Kunstschule leitete, „sollte niemand ohne Musik leben, gerade in Stendal gibt es so viel davon. Musik ist etwas ganz Wichtiges für alle Menschen, und man muss sie besuchen, muss sie live erleben.“ Egal ob im Dom, in St. Marien, im Musikforum oder anderenorts. Schade findet er nur, dass sich immer mehr Zuhörer vor dem Konzertbesuch offenbar nicht mehr die Zeit nehmen, das Alltagshabit gegen etwas Eleganteres zu tauschen. „Das ist wohl der Hektik unserer Zeit geschuldet“, räsoniert Hentschel. Doch der Kompromiss dieser Zeit lautet anscheinend „Lieber leger gekleidete Konzertbesucher als gar keine“.