Stendal l Glaube versus Wissenschaft – das ist ein gerade zur Weihnachtszeit immer wieder gern bemühter Gegensatz. Aber vielleicht sind ja auch wissenschaftliche Theorien, zumindest anfangs, vom Glauben getragen: eben so lange, bis sie bewiesen sind. Was zu der Frage führt, ob der göttliche Glaube obsolet wäre, wenn es den Beweis für die Existenz Gottes gäbe? Doch das sind nicht die Fragen, mit denen sich Helvi Witek beruflich beschäftigt. Sie ist jedoch der Auffassung, dass „Religion und Wissenschaft gut zu trennen sind und man sie auch vonein­ander trennen sollte. Das eine gehört zum Privatleben, das andere ist die alltägliche Arbeit.“ Sie selbst ist nicht religiös, sehe aber, „dass die meisten religiös aufgewachsenen Kollegen aus verschiedensten Kulturkreisen das gut differenzieren können“.

Warum fragen und erzählen wir das hier überhaupt, und: Wer ist Helvi Witek? Einige ihrer ehemaligen Lehrer kennen sie auf jeden Fall und dürften ihren Werdegang vielleicht mit leise-stolzer Freude verfolgen. 2002 hat Helvi Witek am Rudolf-Hildebrand-Gymnasium in Stendal Abitur gemacht, ist längst Doktor der Physik mit Spezialisierung auf Gravitationsphysik und gehört zu einem Wissenschaftlerkreis, den man wohl ohne Übertreibung exklusiv nennen kann – exklusiv im ehrfürchtigen Sinne.

Mit Hawking per Du

Denn Helvi Witek beschäftigt sich mit nichts weniger als der Erforschung Schwarzer Löcher und der Gravitationswellen und nicht zuletzt, es mag abstrus klingen, mit offenen Fragen über das Universum, der „Theory of everything“ – wie also alles mit allem zusammenhängt. „Die Wellen zu messen, erzählt uns etwas darüber, woher die Wellen und woher die Schwarzen Löcher kommen“, beginnt die 36-Jährige eine Erklärung dessen, was sie umtreibt, dabei immer nach den richtigen Worten tastend, damit das Gegenüber auch ja folgen kann. Es ist eben eine ziemlich komplizierte Materie.

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Wer sich mit ihr unterhält, begegnet unweigerlich Begriffen wie Raumzeit, Dunkle Materie und Dunkle Energie, Neutronensterne, Numerische und Allgemeine Relativitätstheorie und wundert sich am Ende auch nicht, dass sie, ganz unkompliziert und in Forscherkreisen so üblich, Stephen Hawking duzte, dem sie in Cambridge begegnete.

Dem Urknall auf der Spur

Dieser Text hier kann nicht mal ein Versuch sein zu verstehen, was es mit Schwarzen Löchern und den von ihnen ausgesandten Gravitationswellen, die 2015 erstmals gemessen wurden, auf sich hat. Denn dafür reichen zwei Stunden Gespräch kaum, wenngleich Helvi Witek eine wirklich sehr anschauliche, analogiereiche Art des Erklärens hat, wenn sie einer Laiin gegenübersitzt. Da hüpfen die Schwarzen Löcher auf dem unendlichen Trampolin, verursachen dabei Bewegungen, die sich ins Unendliche fortsetzen, irgendwann rotieren die beiden so schnell aufeinander zu, dass sie miteinander verschmelzen und massiver als jemals zuvor sind. „Ich bin jetzt mit dabei, einen Detektor zu entwickeln, um die Gravitationswellen von supermassiven Schwarzen Löchern, die zirka 1-Million-mal so schwer wie unsere Sonne sind, zu messen. Dann könnte man etwas über die Entwicklung unserer Galaxie, unseres Universums erzählen. Wir wissen ja nicht, ob die Urknall-Theorie überhaupt stimmt.“ Dieser neue Detektor soll im Weltall schwebend der Bahn der Erde folgen. Zurzeit gehe es für Helvi Witek in dieser weltweiten Zusammenarbeit darum, die theoretischen Vorhersagen genauer zu modellieren.

Als Kind in die Sterne geschaut

Dass Stendal oder welche Provinzstadt auch immer ein Sprungbrett sein kann, und dass man auch ohne finanzielle Privilegierung vorankommen kann, das zeigt der Weg von Helvi Witek aufs Beste. Und sie möchte jedem Jugendlichen, insbesondere aber Mädchen, Mut machen, sich vom eigenen Weg nicht abbringen zu lassen: „Wenn ihr gefragt werdet: Kannst du das überhaupt?, dann sagt Ja! Und schaut nicht, was man mit welchem Fach werden oder wieviel Geld man damit verdienen kann, sondern schaut, was ihr könnt und was ihr wollt. Man kann alles erreichen, wenn man sich ransetzt.“

Sie selbst hat in der Schule gute Unterstützung erfahren, hat Anstöße und Anregungen bekommen. Aber auch ihrer Mutter, alleinerziehend, ist sie dankbar, dass die ihre Ambitionen nie in Frage gestellt hat. „Mit ihr hatte ich ganz viel Glück, sie ist mein Vorbild.“ Und irgendwie ist sie wohl nicht ganz unschuldig an der Berufswahl der Tochter: „Ich war ungefähr drei Jahre alt und wollte nicht schlafen“, erinnert sich Helvi Witek, „und da ist meine Mutti mit mir abends spazieren gegangen und hat mir die Sterne gezeigt.“

Demnächst in den USA

Nun, jedenfalls war sie dann später in der Schule in Physik ziemlich gut und ihr war ziemlich schnell klar, „dass ich in die Richtung gehen will“. Nachdem sie in Magdeburg und Jena studiert, in Lissabon promoviert und in Cambridge, Nottingham, Barcelona und jetzt London geforscht hat, fühlt sich Helvi Witek „überall zu Hause, das Internationale gefällt mir, das möchte ich nicht mehr missen“.

Ihr Heimat-Zuhause Stendal sieht sie nur ein-, zweimal im Jahr. Nach ihrem kurzen Weihnachtsbesuch jetzt muss Helvi Witek gleich zurück nach London und den Umzug in die USA bewältigen: Am 1. Januar fängt sie an der Universität von Illinois als Assistenzprofessorin für Gravitationsphysik an.

Die Erde komprimieren

Wenn Helvi Witek von ihrem Beruf, ihrer Forschung erzählt, dann macht es irgendwie nichts, wenn man sich am Ende doch wieder nur ein Quantum des Erklärten gemerkt hat. Denn sie strahlt dabei so eine Begeisterung aus und einen Ehrgeiz, ihr Thema wirklich begreiflich zu machen, dass es einfach eine Freude ist zuzuhören. So sehr schwierig scheint es mit einem Mal auch gar nicht zu sein: „Wenn man die Erde auf Daumennagelgröße komprimieren würde, dann hätten wir ein Schwarzes Loch.“

Wer es genauer wissen will, müsste aber wohl doch die Bücher von und über Stephen Hawking lesen. Sein populärstes Werk ist „Eine kurze Gechichte der Zeit“. Wobei – das hat noch nicht mal Helvi Witek zu Ende gelesen, die dafür in der Schulzeit einen Büchergutschein eingelöst hatte. „Vielleicht ist es doch zu kompliziert“, sagt sie lachend.