Stendal l Ein kleiner Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Großes zu leisten. „Miß-Mut“ in Stendal widmet sich seit gut 25 Jahren all jenen Menschen, denen als Kind oder Erwachsener Gewalt widerfahren ist. Sei es sexualisierte Gewalt – also Nötigung, Missbrauch bis hin zu Vergewaltigung –, oder die sogenannte häusliche Gewalt, also jene zwischen Erwachsenen, die zusammenleben. Allein schon die Wörter zu diesem Thema sind gewichtig, um wieviel mehr ist es die Hilfe, die die zwei Beraterinnen in der gesamten Altmark leisten. Der Verein selbst hat gerade mal sieben Mitglieder.

Diese beiden Aufgaben in einer so großen Fläche zu bewältigen, sei auf Dauer nicht möglich. Eine institutionelle Förderung gibt es nicht, man hangele sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag, müsse für die Förderung der Personal- und Sachkosten durch das Justizministerium einen Eigenanteil von immerhin gut 6000 Euro pro Jahr aufbringen. Allein durch Spenden.

Zu der Beratung vor Ort oder am Telefon komme auch ein Gutteil Präventionsarbeit in Schulen und Kitas. Für Janin Schlieker und Dörthe Löffler ist das kaum mehr zu bewältigen. Im Jahr 2017 gab es knapp 730 Beratungen für Opfer sexualisierter Gewalt, 95 für Opfer häuslicher Gewalt.

Prävention sehr wichtig

Um auf diese Zustände aufmerksam zu machen, luden die Miß-Mut-Mitstreiterinnen die Justiz- und Gleichstellungsministerin von Sachsen-Anhalt, Anne-Marie Keding (CDU), zu einem Besuch in Stendal ein. Aus einer geplanten Viertelstunde wurde am Dienstag dieser Woche mehr als eine Stunde. Keding zeigte sich aufgeschlossen, interessiert, verständnisvoll und durchaus nicht überrascht von den Bedingungen. Sie erfuhr von der Präventionsarbeit in Kitas und Schulen, dem Programm „Mutig werden mit Til Tiger“, von einer engen und gut funktionierenden Zusammenarbeit mit Ämtern, Polizei und Schulsozialarbeitern und auch davon, wie wichtig es ist, nicht nur Kinder und Jugendliche darin zu stärken, nein zu sagen und Grenzen aufzuzeigen beziehungsweise sich Hilfe zu holen, sondern auch die Eltern zu sensibilisieren.

Gewiss, nur weil eine Ministerin zu Besuch war, wird nicht gleich alles besser. Das erwartet auch niemand im Verein. Aber die eigenen Sorgen und Bedenken einfach runterschlucken und immer so weitermachen – das will man eben auch nicht. Und kann es nicht. „Die Beraterinnen geraten an ihre Belastungsgrenzen“, sagt es Sybille Stegemann klipp und klar. Die einstige Stendaler Gleichstellungsbeauftragte ist Mitgründerin des Vereins „Miß-Mut“.

Hilfe wird erst spät gesucht

Die Stendaler Beratungsstelle ist die einzige von vieren in Sachsen-Anhalt, die neben der Beratung von Opfern sexualisierter Gewalt auch solche von häuslicher Gewalt und Stalking berät. Mit zwei Personen. In zwei Landkreisen. „Die Verquickung ist durchaus sinnvoll, denn beide Bereiche greifen ineinander“, sagt Stegemann, stellvertretende Vereinsvorsitzende. „Aber unsere beiden Beraterinnen bräuchten mehr Stunden.“

Menschen, die Gewalt erfahren haben, entschließen sich oft erst spät, überhaupt Hilfe zu suchen. Und: „Eine Frau braucht im Schnitt sieben Anläufe, um sich vom gewalttätigen Partner zu lösen.“ Kaum mehr als dieser Satz von Janin Schlieker ist nötig, um zu begreifen, wie wichtig die Arbeit von Miß-Mut ist.

Anonym und vertraulich

Und noch einmal tiefer begreift man die Tragweite dessen, was Menschen durch Missbrauch angetan wird, als sie sagt: „Jetzt kommen auch vermehrt Ältere zu uns, vor allem auch Männer, die sich erst nach Jahrzehnten trauen, über das zu reden, was ihnen in der Kindheit widerfahren ist.“

Aber es kommen zum Beispiel auch Mütter, denen als Kind Gewalt oder Missbrauch angetan wurde und die jetzt Angst haben, dass sie Anzeichen bei sich oder dem Partner übersehen könnten, dass es beim eigenen Kind wieder passiert. „Auch sie finden bei uns Hilfe“, sagt Schlieker. Was man bei Miß-Mut in jedem Fall findet: Vertraulichkeit, einen Schutzraum, Anonymität. Und bei aller Behutsamkeit immer auch Entschlossenheit.