Stendal l Aus dramaturgischen Gründen gehörte der Hoffnungsschimmer eigentlich ans Ende des Textes – doch wir wollen ihn gleich hier platzieren und lassen Superintendent Michael Kleemann auf die Frage: „Ist jetzt die rechte Zeit, einen Apfelbaum zu pflanzen?“ vehement zuversichtlich antworten: „Immer, immer!“ Und nach kurzem Innehalten führt er den Gedanken fort: „Dieses unzerstörbare Gottvertrauen, das Luther hatte, das würde ich mir manchmal noch mehr für mich wünschen.“

Wenigstens Zuversicht ausstrahlen

Dabei wirkt Michael Kleemann doch wie ein Hoffnungsträger par excellence, immer freundlich, immer fröhlich, stets verströmt er so eine Unerschütterlichkeit. Und dieses Nach-außen-Strahlen ist momentan auch fast das Einzige, was ihm bleibt, um anderen Mut zu machen. „Ich bin ja eigentlich ein Umarmer, aber das geht grad nicht. Und da will ich wenigstens Freundlichkeit und Zuversicht ausstrahlen.“

Und so wie Michael Kleemann grad nicht kann, wie er gern wollte, kann auch die Kirche nicht: sich öffnen und den Menschen einen Schutzraum bieten. So wie bei „9/11“, den Anschlägen auf das World-Trade-Center: „Die Welt war in Schockstarre, da haben wir die Kirchen aufgemacht für Friedensgebete, und die Menschen fluteten regelrecht hinein. Es gab ein Bedürfnis, sich zu begegnen, wie auch 1989 oder beim Hochwasser 2013. Jetzt geht das nicht.“

Findige Pfarrer*innen

Auch vieles andere, was die kirchliche Seelsorge und Gemeindearbeit ausmacht, geht gerade nicht: „Zu den Menschen gehen, zuhören, Trost anbieten, Gottes Wort verkündigen.“ Und doch verfallen die Pfarrer*innen auch im Kirchenkreis Stendal nicht in Resignation und Untätigkeit, sondern entwickeln Ideen: von Online-Gottesdiensten über Segensbriefe , die man sich vom Zaun pflückt, bis zu Andachtspodcasts. „Und das Telefon ist eine unglaublich gute Möglichkeit, auch Kontakt mit den Älteren zu halten.“

Was man derzeit erlebe und aushalten müssen, sei ein starker Pendelschlag zwischen Abstandhalten und Einsamkeit. Da sind die Pfarrer*innen gefragt, und wie sonst auch in der Seelsorge gelte derzeit umso mehr: „Warte nicht, bis die Menschen sich bei dir melden, sondern gib ihnen Kontaktangebote.“

Endlich Zeit

Was diese seltsame Situation nun mit sich bringt, ist, bei genauerer und etwas spitzfindiger Betrachtung, ja im Grunde genau das, woran es vielen Pfarrer*innen bislang kräftezehrend mangelte: Zeit. „Ein Großteil der Mitarbeitenden hat sonst tatsächlich bis Oberkante Unterlippe zu tun“, räumt Kleemann ein, „jetzt kommt da von außen eine verordnete Notbremse. Das kann man als Chance sehen, auch mal runterzufahren.“ Er habe den im Kirchenkreis Arbeitenden in einer „Trostmail“ geschrieben, dass es durchaus gestattet sei, „jetzt auch mal durchzuatmen, ohne sich gleich für faul zu halten“. Wie das nach Corona aussieht, ob auch die Kirche aus der ewigen Stellenkürzung ihre Lehren ziehen wird... Man wird sehen.

Ostafrika nicht vergessen

Und wenngleich dem Superintendenten auch Zukunftsfragen im Kopf umherschwirren, geht es derzeit immer noch stark ums Jetzt. Konfirmationen sind abgesagt, Sommerfreizeiten stehen infrage, Geburtstagsbesuche in der Gemeinde können nicht stattfinden, Trauerfeiern nur im ganz kleinen Kreis. „Damit müssen wir umgehen, darauf müssen wir uns einstellen. Aber das sind Dinge, die können wir nachholen, das sind Luxusprobleme“, befindet Kleemann und mahnt: „Vergessen wir nicht die Menschen in Ostafrika, wo Dürre und Heuschreckenplage die Ernten gefährden; vergessen wir nicht die Flüchtlinge, die festsitzen.“

Bei allem Ernst der Lage hierzulande liegt Michael Kleemann eine besonnene Gewichtung am Herzen. „Wir sind nicht im Krieg, sind ein reiches Land und werden die Krise noch am allerbesten meistern. Und: Wir haben eine Zukunft nach Corona. Auch wenn dann manches anders sein wird.“

Glocken läuten allerorten

Und für das Ende dieses Textes hat er doch noch ein weiteres Zeichen der Hoffnung parat: „Am Karsamstag um 22 Uhr werden viele Glocken in der Altmark läuten.“ Außerdem hat der Stendaler Dom am Ostersonntag von 14 bis 16 Uhr geöffnet, hier kann man sich zum stillen Gebet einfinden oder eine Kerze anzünden.