Warum sich die Zahlen unterscheiden

7-Tage-Inzidenz im Kreis Stendal, Stand 22. Dezember, laut:Landkreis – 397

RKI – 236

 

Dem Robert-Koch-Institut zufolge unterscheiden sich die Corona-Zahlen im Vergleich zu denen der Landkreise deshalb, weil es einen „Übermittlungsverzug“ gebe. Heißt: Das Gesundheitsamt hat bereits Fälle an die Landesbehörde übermittelt. Diese Daten wurden aber noch nicht an das RKI weitergeleitet. 

Das RKI weißt auf seiner Webseite darauf hin, dass Behörden im Land- oder Stadtkreis immer über die aktuellsten Zahlen verfügen. 

Auch das ZDF besitzt eine interaktive Karte zur 7-Tage-Inzidenz der verschiedenen Landkreise. Sie berufen sich auf "Risklayer-Explorer". Eine Webseite, die rund um die Uhr aktualisiert wird und ebenfalls die Seiten der Landkreise als Quellen ausweist.

Stendal l Die Corona-Situation im Landkreis Stendal gerät immer weiter außer Kontrolle. Innerhalb von 23 Tagen ist die 7-Tage-Inzidenz von 79 auf fast 400 gestiegen. Im Landesvergleich liegt die Region damit auf dem dritten Platz. Nur im Landkreis Wittenberg sowie in Mansfeld-Südharz sind die Zahlen höher. Waren am 1. Dezember 58 Personen mit dem Corona-Virus infiziert, waren es zwei Tage vor Heiligabend 444. Parallel dazu sind mehr Tote im Zusammenhang mit den Infektionen zu beklagen. Seit Beginn der Woche starben sieben weitere Personen mit oder an Corona. Im Landkreis fielen damit seit März 37 Menschen der Pandemie zum Opfer. Im Spätsommer lag die Zahl noch im niedrigen einstelligen Bereich. Um welche Personengruppen es sich bei den Verstorbenen vor allem handelt, ist nicht bekannt. Nähere Informationen dazu gibt die Kreisverwaltung nicht heraus.

Ohnehin gestaltet sich die Kommunikation der Behörde schwierig. Lud Landrat Patrick Puhlmann (SPD) während der ersten Welle noch regelmäßig zu Pressekonferenzen ins Landratsamt, fand die letzte Veranstaltung dieser Art Anfang November statt, als nach eine Feier in Stendal die Infektionszahlen in die Höhe gesprungen waren. Konkrete Anfragen zur Corona-Lage werden allenfalls spärlich beantwortet.

Infektionsgeschehen immer dezentraler

Immerhin verlautbarte die Pressestelle in der vergangenen Woche, dass sich das Infektionsgeschehen immer dezentraler gestalten würde. Infiziert hätten sich die Menschen vor allem in Pflegeheimen, Schulen und Kitas. Nicht in allen Fällen sei das Gesundheitsamt noch in der Lage, den Ort der Infektionen nachzuverfolgen. Bereits zum Beginn der zweiten Welle hatte Patrick Puhlmann angedeutet, dass das Amt an der Grenze der Belastbarkeit angekommen sei. Dies betraf zu diesem Zeitpunkt in erster Linie die Ermittlung der Kontakte von infizierten Personen.

Da überrascht es umso mehr, dass ein Hilfsangebot einer Kommune vom Landkreis offenbar abgelehnt wurde. Nach Volksstimme-Informationen hatte eine Verbandsgemeinde schon während des leichten Lockdowns im November Mitarbeiter zu eben jener Nachverfolgung der Kontakte an das Gesundheitsamt in Stendal abstellen wollen. Doch die Kreisverwaltung habe abschätzig auf die Offerte reagiert. Ihm sei diese Anfrage jedoch nicht bekannt, sagte der Landrat auf Nachfrage der Volksstimme. Davon abgesehen habe man mit Hilfe von personellen Verschiebungen dafür gesorgt, dass das Gesundheitsamt während der Weihnachtsfeiertage arbeitsfähig bleibe. Insgesamt hoffe er, dass die Maßnahmen im Zuge des Lockdowns greifen und die Zahlen wieder sinken.

Kreisverwaltung lehnt Hilfsangebot ab

Doch auch unabhängig davon, ob das genannte Hilfsangebot bei der Kreisverwaltung eingegangen ist, regt sich in manchen Kommunen Kritik am Krisenmanagement des Landrats. Der Vorwurf: Vorschläge, wie man der Lage wieder Herr werden könnte, bliebe er schuldig. Manch einer hat bereits den Eindruck, dass die Situation ausgesessen werden soll.

Auf Unverständnis stößt in diesem Zusammenhang, dass von einer Verschärfung der Restriktionen abgesehen wird. Eine Ausgangssperre wird es zum Beispiel vorerst nicht geben. Dies teilte die Pressestelle des Landkreises mit. Eine entsprechende Bestimmung wäre im Rahmen der 9. Eindämmungsverordnung möglich, da die 7-Tage-Inzidenz seit mehr als fünf Tagen den Wert von 200 überschreitet.

Von Ausgangssperre gebraucht gemacht

Zuletzt hatten mehrere Kommunen in Deutschland von diesem Instrument Gebrauch gemacht. In der Kreisverwaltung wird ein solcher Schritt jedoch nicht als sinnvoll erachtet. „Anders als in den Metropolen gibt es hier im ländlichen Raum keine großen und beliebten Plätze, auf denen besonders an den Weihnachtsfeiertagen große Menschenansammlungen zu befürchten wären“, heißt es in der Begründung.

Zumal man sich gemäß der 9. Eindämmungsverordnung nur mit maximal fünf Personen in der Öffentlichkeit aufhalten dürfe. Wenn sich alle Bürger an diese Festlegung hielten und die Ordnungsbehörden nach diesem Maßstab kontrollieren und die entsprechenden Verstöße sanktionieren, sei ausreichend dafür Sorge getragen, dass es in der Region im öffentlichen Raum zu keiner Massenansammlung von Menschen kommt.

Kommentar von Mike Kahnert zur Arbeit der Kreisverwaltung:
Die steigenden Corona-Zahlen verunsichern die Menschen im Landkreis Stendal. Das zeigen die zahlreichen Anrufe von Lesern in der Volksstimme-Redaktion, die sich Aufklärung zur Corona-Situation wünschen. Die Kreisverwaltung und speziell der Landrat müssen mehr Transparenz in ihrer Arbeit zeigen.

Klar: Wer genau an oder mit Corona gestorben ist, geht niemanden etwas an. Doch gar keine Informationen zu veröffentlichen – bis auf die Anzahl der Toten –, trägt nur zur Verunsicherung bei. Und wenn diese Informationen nicht gegeben werden können, weil die Mitarbeiter überlastet sind, dann ist das auch in Ordnung. Das muss jedoch kommuniziert werden.

Gleichzeitig wird die Unterstützung einer Verbandsgemeinde für den Landkreis abgelehnt. Die Gründe? Unklar. Wieder Verunsicherung. Niemand kann in die Köpfe der Verwaltung oder des Landrates schauen. Dabei ist Transparenz gerade jetzt wichtig.