Stendal l Auch wenn die montäglichen Spaziergänge durch Stendals Innenstadt eher stumm und ruhig über die Bühne gehen, sind sie doch ein Hilferuf – in den viele einstimmen. Schon zur ersten Veranstaltung waren statt der 50 erwarteten Teilnehmer rund 90 gekommen, in den Folgewochen bis zu 150. Mittlerweile kommen Berufskollegen und Sympathisanten mit Kleinbussen aus Salzwedel. Mit den Gastronomen, Künstlern, Fitnessstudio-Betreibern, Veranstaltern und Hoteliers gehen Kunden und Unterstützer gemeinsam auf die Straße.

An die Mitarbeiter denken

„Wir sind keine Corona-Leugner, keine Aluhut-Träger, sondern Unternehmer aus der Mitte, die nichts anderes wollen, als für ihre Kunden zu arbeiten“, sagt Christian Schulz, Inhaber von Schulzens Brauerei in Tangermünde. Die Aktion sei „wirtschaftlich motiviert, wir wollen nicht zu den Querdenkern“, stellt er klar. „Was uns stört, ist der Umgang der Politik mit einigen Branchen. Wir sind von Woche zu Woche mehr entsetzt, wie die Politik mit uns umgeht“, so Schulz.

Alle hätten nach dem ersten Lockdown „tolle Konzepte entwickelt“, um dann beim zweiten Lockdown „innerhalb einer Woche wieder in den Tiefschlaf geschickt zu werden“, so der Unternehmer. Um das Geschäft wieder öffnen zu können, wäre der Gastronom „auch bereit, nachzuschärfen“. Denn nicht nur er als Unternehmer sei betroffen, „es hängen auch Mitarbeiter und deren Familien dran“. Seine Kritik: Dass der Sommer nicht genutzt worden ist, „um sich ein Szenario auszudenken“, denn die zweite Welle sei zu erwarten gewesen.

Perspektive fehlt

Was ihm und seinen Mitstreitern fehlt, ist die Perspektive, wann es wieder losgehen kann. „Mit jedem neuen Tag steuern wir weiter in die Dunkelheit“, sagt Schulz. Es sind nicht nur die fehlenden Einnahmen, die er dabei im Blick hat. „Wir möchten den Mitarbeitern gern eine Aussicht geben“, so der Tangermünder. Von seinen 30 Mitarbeitern in Gastronomie, Übernachtung und Brauerei sei der Großteil in Kurzarbeit, nur die vier Mitarbeiter der Brauerei nicht. Zwei Helferinnen, die im Eventgeschäft tätig waren, seien dieses Jahr noch gar nicht eingesetzt worden, zeigt er die angespannte Situation auf.

Stichwort Personal: „Je länger die aktuelle Situation dauert, kann man eine Branchenflucht beobachten“, sagt Annegret Spillner, Inhaberin des Kavaliershauses Krumke und Initiatorin des Montagsspaziergang. „Es wird nicht einfacher, Mitarbeiter zu finden“, befürchtet sie. Denn wenn vor allem Saison- und Pauschalkräfte nicht in der Gastronomie, an der Kino-Kasse oder bei Veranstaltungen arbeiten können, würden sie sich andere Jobs suchen – in denen sie dann nach der Corona-Krise vielleicht bleiben.

Es sind diese vielen Einzelaspekte, die die Situation für die betroffenen Unternehmer schwierig machen. „Und es gibt keine Aussicht, es wird immer enger“, so Annegret Spillner. Sie befürchtet, dass einige Firmen im Frühjahr in Insolvenz gehen müssen. Auch wenn sich Programme wie November- und Dezember-Hilfe gut anhören, in der Realität sehe es anders aus. „Die 75 Prozent November-Hilfe hat noch keiner von uns“, sagt sie. Und Christian Schulz fügt hinzu: „Die Entschädigung ist kein Geld, dass wir auf die hohe Kante legen. Damit stopfen wir die Löcher, denn auch im Sommer haben wir nicht so viel verdient, um Polster anzulegen.“

Vermutlich erst am Januar werde die November-Hilfe gezahlt, der Abschlag von bis zu 10.000 Euro ist bisher auch nur teilweise geflossen. Und nicht jeder bekommt die 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats. Christian Schulz rechnet mit 55 bis 60 Prozent, weil einiges gegengerechnet wird. Für November und Dezember sind die Hilfen beschlossen. Aber wie geht es weiter?

Für Geld lieber arbeiten

„Wir möchten eigentlich keine Hilfen bekommen, sondern möchten für unser Geld arbeiten“, versichert Annegret Spillner. Ihre Aufgabe seien Gastronomie und Veranstaltungen „und nicht, jeden Monat Anträge auszufüllen“. Täglich müsse sie Leute am Telefon vertrösten, die reservieren möchten, „aber mit Gesprächen verdiene ich kein Geld“.

Ein Allheilmittel sind die Hilfszahlungen für die Unternehmen nicht. „Bei einigen wirken sie gut, bei anderen nicht“, weiß Steuerberater Stephan Klakow, der Büros in Stendal und Osterburg hat. Bei Unternehmen mit hohen Fixkosten würden die Hilfen oft nicht ausreichen. „Einige Branchen haben schon seit März zu kämpfen“, sagt der Steuerberater, der zahlreiche Gastronomen betreut.

Viele hätten investieren müssen, um die Hygienevorschriften erfüllen zu können – nun fehlen aber die Einnahmen. Seine Einschätzung: „Die laufende Liquidität hat ganz schön Schaden genommen.“ Er teilt mit seinen Klienten die Befürchtung, „dass im Weihnachtsgeschäft das Vorjahresergebnis nicht erreicht wird“.

Soziale Kontakte fehlen

Vom Lockdown betroffen ist auch Thomas Kühn, Betreiber des Gesundheitsstudios Galaxy in Stendal. „Irgendwann ist die Geduld am Ende. Wir müssen irgendwann wieder Umsätze machen“, sagt er. Auf der einen Seite habe er vier Monate lang schließen müssen und keine Neumitglieder gewinnen können, auf der anderen Seite steht seine Sorge, „dass manche Kunden nicht wiederkommen“. Er selbst spreche am Telefon oft lange mit Kunden. Denn viele würden das Galaxy nicht nur wegen der Fitness besuchen, sondern auch wegen der sozialen Kontakte.

Weil „dauerhaftes Zusperren nicht die Dauerlösung“ sein dürfe, so Annegret Spillner, organisiere sie die Spaziergänge. Es ist die Ungewissheit, wann sie wieder arbeiten können, die die Teilnehmer antreibt, mit anderen auf die Stendaler Straßen zu gehen. Ihre Forderung: ernsthaft mit der Branche ins Gespräch kommen. Annegret Spillner: „Wir brauchen eine mittel- und langfristige Perspektive.“