Schartau l Ein Pfiff genügt und zwei muntere Pferdekinder galoppieren auf Gerhard Francke zu. Sie holen sich ihre Leckerlis, lassen sich kurz knuddeln und dann geht es zurück zur Mutter, um einen großen Schluck aus der „Milchbar“ zu nehmen. Der 71-jährige Schartauer lächelt angesichts der zwei Fohlen zufrieden. „In beiden Fällen hatten die Schutzengel ganze Arbeit geleistet“, blickt er zurück.

Das Schicksal nahm seinen Lauf, als er am Morgen des 12. Juni auf der Weide hinter seinem Grundstück nach dem Rechten sehen wollte. Dort standen die beiden Warmblüter „Lientje“ und „Lucia“, die ihm von Christiane Kühne aus Biederitz bei Magdeburg zur Pflege anvertraut wurden. Womit Francke nicht rechnen konnte: Erstere Stute hatte drei Wochen zu früh gefohlt und es waren Zwillinge, was bei Pferden äußerst selten vorkommt. Die Chancen, dass beide überleben, tendieren fast gegen null. Meistens schafft es nicht einmal einer.

Kampf ums Leben eines Fohlen

In diesem Fall war es anders, wenigstens ein kleines Wesen hatte noch einen Hauch Leben in sich. „Auf einmal streckte sich mir ein kleines Köpfchen entgegen“, erinnert sich Francke. Sofort wurden Mutter und Sohn in den Stall geholt und der tage- und nächtelange Kampf begann. Der kleine Hengst war unterentwickelt, „ein Häufchen Unglück, das krumm und schief auf den Beinen stand“, beschreibt der Pferdemann die Ausgangssituation. Die Mühen haben sich gelohnt. Innerhalb von 14 Tagen hatte „Graf Moritz“ seinen Rückstand aufgeholt. „Er wollte leben“, freut sich Francke heute über den kräftigen kleinen Burschen.

Am 18. Juni erlebte der Züchter schließlich das nächste Drama. „Lucia“ fohlte, „trotz aller Bemühungen konnten wir aber das Kleine nicht retten“, bedauert der Schartauer. Für die erfahrene Stute, die bisher neun gesunde Fohlen großgezogen hatte, sei dies eine völlig neue Situation gewesen, sie habe ihre tote Frucht nicht hergeben wollen.

Gerhard Francke hatte zufällig kurz zuvor in einer Fachzeitschrift von einem Ammendienst in Schleswig-Holstein gelesen. Seit über 15 Jahren vermittelt Ingrid Wiegmann deutschlandweit, bringt verwaiste Stuten und Fohlen zusammen. Der Altmärker meldete „Lucia“ als potenzielle Amme, die auch bald darauf gebraucht werden sollte.

Pferdemutter stirbt

Im 55 Kilometer entfernten Immekath (Klötze) bahnte sich nämlich fast zeitgleich ebenfalls ein Unglück an. Die hochtragende Stute „Asti Laudatia“ hatte im Stall des erfolgreichen Züchters und Springreiters Jens Kampe mit einer schweren Kolik zu kämpfen. Sie wurde in die Tierklinik nach Hannover gebracht. Dort wurde entschieden, das Fohlen per Kaiserschnitt zu holen. Die kleine „Pina Laudatia“ erblickte am 19. Juni lebend das Licht der Welt, ihre Mutter war nicht mehr zu retten.

Als Pferdeleute kannten sich Francke und Kampe bereits seit längerer Zeit, nun wurden sie mit Hilfe des Ammendienstes zu Schicksalsgefährten. Unter Zeitdruck verluden sie „Lucia“, traten mit ihr die Reise nach Hannover an.

Nimmt die Amme das Fohlen an?

Bringt man in der Regel ein Fohlen zur Amme, musste nun der umgekehrte Weg genommen werden, denn das kleine verwaiste Stütchen konnte wegen einer anstehenden Nabeloperation die Tierklinik noch nicht verlassen. Auch der nächste Akt war voller Dramatik. „Pina Laudatia“ kannte nur die Flasche, und sah deshalb in den Tierpflegern die Mutter. Wird sie nun das natürliche Euter akzeptieren? „Lucia“ ihrerseits war bereits 36 Stunden ohne Fohlen, die Milchbildung ging zurück. Wird sie das fremde Fohlen annehmen?

Was dann geschah, begeistert Gerhard Francke noch heute: „Als die Stute das Fohlen sah, schoss sofort die Milch ein. Sie hatte sich gleich neben die Kleine gestellt, sie angenommen.“ Nun musste nur noch das Fohlen die natürliche Milchquelle finden. „Nach vier Stunden hatten wir auch diesen Kampf gewonnen“, freut sich Gerhard Francke. Mittlerweile tobt „Pina Laudatia“ kerngesund mit ihrem Kumpel „Graf Moritz“ über die Koppel in Schartau. Was als Tragödie in mehreren Teilen begann, fand mit einer Feier zur Fohlentaufe nun vor wenigen Tagen für alle Beteiligte ein Happy End. Francke, seit über 50 Jahren erfolgreicher Züchter, meint aber rückblickend: „So ein dramatisches Jahr hatte ich noch nicht erlebt und ich muss das auch nicht noch einmal haben.“