Möringen l Plötzlich wird es ganz heimelig im Möringer Dorfgemeinschaftshaus. Und jeder Gast der kleinen Seniorenweihnachtsfeier fühlt sich zurückversetzt in eine längst vergangene Zeit. Als Jungs noch Matrosenanzüge trugen, als in Berlin noch Pferdefuhrwerke die Menschen von A nach B brachten. Mehr als hundert Jahre ist das her. In etwa so alt ist auch das Gerät, das diese ganz spezielle Atmosphäre entfacht. Margot Mählitz hat ihr Polyphon mal wieder vom Dachboden ihres Möringer Hauses geholt.

13 Titel stehen zur Auswahl

Dieser Vorläufer des Plattenspielers zieht alle Blicke auf sich. Sich dem noch immer glasklaren Klang zu entziehen ist schlechterdings unmöglich. 13 Platten stehen Margot Mählitz noch zur Verfügung. Hergestellt sind sie aber noch nicht aus Vinyl, sondern aus Metallblech. In das Blech sind feine, längliche Löcher gestanzt. Auf der Unterseite bilden sie kleine Haken. Diese drehen ihrerseits an Rädchen, die mit Zähnen versehen sind. Diese reißen wiederum Metalllamellen an und erzeugen so den charakteristischen Ton.

Die Auswahl der Lieder – pro Platte findet sich ein Stück – spiegelt den Geist der Entstehungszeit wieder. Das berühmte „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ in der Marschversion ist darunter. Dazu einige Liebeslieder, die man ruhigen Gewissens als Vorläufer der Schlager bezeichnen kann. Sie tragen Titel wie „Zwei dunkle Augen“ oder „Noch sind die Tage der Rosen“. Etwas militärisch geht es mit dem „Torgauer Marsch“ und dem bekannten „Hohenfriedberger Marsch“ in der Sammlung ebenfalls zu. Wenig verwunderlich, war doch derart Musik im militärisch geprägten Kaiserreich sehr beliebt.

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Im Dorfgemeinschaftshaus geht es dem Anlass entsprechend aber etwas besinnlicher zu. Man ist ja nicht gekommen, um der Musikgeschichte des preußischen Militärs zu frönen. Auf die Weihnachtszeit möchte sich die gut zehn Senioren einstimmen. Drum legt Margot Mählitz gleich mal eine besinnliche Platte auf. Den Klassiker schlechthin: „Stille Nacht“.

Gerät stammt von Berliner Händler

DasPolyphon hat die Möringerin aus dem Nachlass ihrer Großmutter erhalten. Anfang der 60er Jahre war das. „Damals habe ich ihn aus Insel abgeholt“, erinnert sie sich, wie das Gerät in ihren Besitz überging. In welchem Jahr der schwere Protoplattenspieler hergestellt worden ist, kann sie nicht sagen. Auf dem sperrigen Kasten findet sich leider kein Hinweis zum Baujahr. Auf einem Handzettel, auf dem die Liedtitel handschriftlich vermerkt sind, steht zumindest der Name des Geschäftes, in dem es erworben wurde. Aus dem Hause „Musikwerke Max Rettig“ aus Berlin stammt das Polyphon. Der Laden war in der Rosenthaler Straße 37 in Berlin-Mitte nicht sehr weit entfernt vom Alexanderplatz beheimatet. Doch hat der er allem Anschein nach wohl nicht den Lauf der Zeit überdauert. An der oben genannten Adresse sucht man vergeblich nach einem Hinweis. Dort sind mittlerweile verschiedene Händler angesiedelt, die mit Musik nicht das Geringste zu tun haben.

Übrigens wäre Margot Mählitz einmal fast in die Versuchung gekommen, ihr Polyphon zu verlaufen. Zu DDR-Zeiten wurden ihr unglaubliche 1500 D-Mark für die Rarität geboten. Übers Herz hat sie den Verkauf dann trotz der verlockenden Offerte nicht gebracht. Die Tochter will das Gerät behalten

Tochter möchte Polyphon behalten

Hin und wieder kam ihr auch die Idee, das seltene Stück bei der Fernsehsendung „Bares für Rares“ anzubieten. Das hat sich inzwischen im Prinzip erledigt. Mittlerweile steht eigentlich fest, dass der Holzkasten der Familie erhalten bleiben wird.

Ihre Tochter hat bereits Ansprüche angemeldet. Die wohnt lustigerweise in Insel. Der Polyphon würde quasi wieder an seinen Ursprungsort zurückkehren. Um dann in der Weihnachtszeit die Menschen in eine selige Stimmung zu versetzen. Wie vor mehr als 100 Jahren. Als Jungs noch Matrosenanzüge trugen.