Stendal l Für Alicia Spindler könnte der Tag derzeit gern ein paar Stunden mehr haben. Denn die quirlige junge Frau, die sich selbst als „Mädchen für alles“ beschreibt, hat kurz vor der Premiere der ersten Altmärker Weihnachtshow alle Hände voll zu tun. Sie packt bei der Versorgung ihrer Pferde mit an, begrüßt die ankommenden Kollegen und weist ihnen ihren Platz zu, nimmt Postsendungen entgegen, hilft beim Einrichten und Dekorieren von Vorzelt und dem 900 Plätze umfassenden Hauptzelt, sitzt dann noch im Kassenhäuschen, anschließend geht es zu den Licht- und Durchlaufproben. Und zwischendurch kommen immer wieder Anrufe oder müssen kleine Probleme behoben werden.

Die 21-Jährige will nichts dem Zufall überlassen. Sie will mit ihrer ersten eigenen Zirkusproduktion zeigen: Ja, ich kann’s! Das Rüstzeug hat sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten mitbekommen. „Ich habe unser Zirkushandwerk von der Pike auf gelernt.“ Sie ist nicht nur ein Zirkuskind, sondern das Zirkuskind von Circus Voyage. Denn sie wurde 1998 geboren – dem Jahr, in dem ihre Eltern Diana und Alois Spindler den Circus Voyage gegründet haben. Im Dezember besagten Jahres kauften sie im westaltmärkischen Brunau, heute ein Ortsteil von Kalbe, ein Grundstück und schufen sich dort das erste hauseigene Stammquartier für den neuen Zirkus. Immer in den Wintermonaten war die Familie dort, außer während der Winterzirkus-Wochen in Berlin.

Als Zweijährige schon auf Elefanten

„In den ersten drei Wintern meiner Grundschulzeit bin ich in Brunau zur Schule gegangen. Danach hatten wir dann für alle Kinder im Zirkus einen Privatlehrer, der uns begleitet hat“, erinnert sich Alicia Spindler, die zwar während einer Tournee in Holstein geboren wurde, sich der Altmark aber sehr verbunden fühlt. Darum war sie auch schnell für die Idee zu begeistern, in Stendal eine zirzensische Weihnachtsshow auf die Beine zu stellen. „Fast überall in Deutschland gibt es das mittlerweile, nur zwischen Magdeburg und Schwerin noch nicht. Das ist doch eine Frechheit“, sagt die 21-Jährige schmunzelnd. Und so ging sie das Projekt an – ihre erste eigene Produktion.

Zelt und Bestuhlung bekam sie vom Zirkus Voyage, auch ihre Brüder Nico und Leonardo unterstützen sie bei der Umsetzung. Im Zirkusfreund Hans-Jürgen Fritz aus Stendal und in der Stadtverwaltung fand sie große Unterstützung („Das ist nicht selbstverständlich in anderen Städten“). Seit Wochen bereitet sie das Programm vor, engagiert Künstler, muss bei Absagen umdisponieren. Eine weniger schöne Nachricht erreichte sie am Freitag: Der Tscheche Nyrek Navrátil mit seinen Berberlöwen, der kurzfristig zugesagt hatte, musste noch kurzfristiger wegen einer dringenden Familienangelegenheit absagen. „Aber im kommenden Jahr will er dabei sein“, schaut Alicia Spindler schon einmal auf Ausgabe zwei der Altmärker Weihnachtsshow.

Doch erst einmal beginnt heute die Premierenausgabe, die bis zum 5. Januar läuft. Natürlich wird die Direktorin auch selbst im Zirkusrund zu erleben sein – mit ihren Pferden und als Artistin. Ihren ersten Auftritt in der Manege hatte sie im Alter von zwei Jahren. „Mit meiner Mutter bin ich auf einem Elefanten geritten“, erzählt die 21-Jährige. Als Vierjährige präsentierte sie ihre erste eigene Darbietung mit zehn Gänsen. „Als Artistin bin ich mit zehn Jahren erstmals aufgetreten, am Ringtrapez unter der Kuppel.“ Die Arbeit mit Tieren habe sie von ihren Eltern gelernt, das Artistische von den vielen Kollegen, die im Circus Voyage engagiert waren.

Als Alicia Spindler zwölf Jahre alt war, ging es richtig mit der Arbeit mit Pferden los. „Damals habe ich einen Andalusier bekommen, mit dem ich heute noch auftrete.“ Seitdem hat sie sich mit ihren Pferdedressuren einen Namen als Tiertrainerin gemacht. In jeder Saison präsentiert sie die Vierbeiner in einer anderen Choreografie. Auch wenn es ihr vor allem die Tiere angetan haben, hielt sie sich immer an die klare Ansage ihres Vaters: Jedes seiner Kinder müsse mindestens eine artistische Nummer einstudieren. So folgte nach dem Ringtrapez das Jonglieren mit den Füßen (in Stendal zu sehen), das Schwungseil, Hula Hoop auf dem Pferd und einiges mehr.

Zirkus-Weihnacht ein Tag früher

Die Altmärker Weihnachtsshow ist für Alicia Spindler nicht nur ihr erstes eigenes Zirkusprojekt, sondern auch ein Schritt in einen neuen Lebensabschnitt – und für die Zukunft ein Bindeglied zum Zirkus. Denn den wird sie nun erst einmal verlassen – der Liebe wegen. Ihr Freund und dessen Familie, früher selbst ein kleiner Zirkusbetrieb, sind jetzt in der Ausstellungsbranche unterwegs. Sie wird mit ihnen durchs Land touren und sich um Organisatorisches kümmern. Ihre Pferde bleiben im Circus Voyage. Schon, um sie zu sehen, wird sie, wann immer möglich, heimkehren.

Denn auch zum Weihnachtsfest 2020 möchte sie eine Pferdedressur bei der Altmärker Weihnachtsshow, der noch ganz viele folgen sollen, präsentieren. Heute startet aber erst einmal die erste Ausgabe. Zur Premiere kommt die ganze Familie, der Circus Voyage legt dafür beim Weihnachtszirkus in Berlin einen Pausentag ein. „Nach der Show feiern wir dann im Vorzelt alle gemeinsam unser Weihnachtsfest“, freut sich Alicia Spindler.

Die Premiere beginnt heute um 18 Uhr. Am morgigen Heiligen Abend geht es schon 11 Uhr los. Weitere Vorstellungen: 25. bis 31. Dezember jeweils 15 Uhr und 18.30 Uhr, 1. bis 5. Januar jeweils 16 Uhr.