Stendal l Es klingt schier unglaublich, was einer zierlich wirkenden 21-Jährigen und einem schlaksig-schlanken 25-Jährigen da am Stendaler Amtsgericht vorgeworfen wird. Laut Anklage sollen sie den Triebwagenführer einer auf dem Bahnhof Eichstedt wegen einer Kollision mit einem Tier liegen gebliebenen und nicht mehr fahrbereiten S-Bahn massiv attackiert haben.

Das Szenario, wie es die Anklage beschreibt: Aus Verärgerung darüber, dass die S-Bahn am Abend des 6. September vorigen Jahres ihre Fahrt in Richtung Wittenberge nicht fortsetzen konnte und die Reisenden in Eichstedt auf einen Ersatzzug warten mussten, schlugen und traten die Angeklagten gemeinschaftlich auf den Zugführer ein. Der ist inzwischen verstorben, aber wohl nicht an den Folgen der Attacke, wie ein damals als Notfallmanager von der Bahn eingesetzter Stendaler als Zeuge im Prozess aussagte.

Handy als Entschädigung

Doch zunächst zu den Angeklagten. Der gebürtige Rathenower in Kluft einer Stendaler Baufirma schweigt zu den Vorwürfen. Die 21-Jährige, die zurzeit in Hamburg lebt, spricht indes frei von der Leber weg und redet sich förmlich um Kopf und Kragen. Sie sei in der S-Bahn auf dem Weg nach Osterburg gewesen und „wütend geworden“, weil der Zug „ausgefallen“ sei. Deshalb sei sie auf den „Mann losgegangen“. Sie hätte ihm das Handy aus einer Jackentasche wegnehmen und zu Geld machen wollen – „als Entschädigung“ für diese „und viele Verspätungen zuvor“. Das mit dem Handy wegnehmen klappte aber nicht.

Dann hätte sie zugeschlagen. „Auch getreten?“, wollten Richter und Staatsanwältin wissen. „Ich glaube schon“, gab die 21-Jährige unumwunden zu. Laut verlesenem Protokoll der Bundespolizei, die von der Zugbegleiterin per Handy gerufen worden war, blutete der Zugführer am Kopf, entweder aus der Nase oder von einer Platzwunde. Reisende verhinderten wohl Schlimmeres. Zu den Verletzungen des Zugführers vermochte der 53-jährige Notfallmanager nichts zu sagen. Er habe aber einen Teil der Attacke mitbekommen, gab der Zeuge an. Demnach habe das Pärchen vom Zugführer das Fahrgeld erstattet haben wollen: „Sofort das Geld zurück!“ Tritte habe er wohl gesehen, aber nicht, ob sie auch trafen. Der Zugführer ist inzwischen an einer schweren Krankheit verstorben. Er kann also nicht gehört werden.

Video-Überwachung

Allerdings gibt es in den S-Bahn-Zügen eine lückenlose Video-Überwachung, wie der Zeuge aussagte. Und diese Aufzeichnungen geben das Geschehen wieder, wenn auch ohne Ton. Mehrfach schauten sich die Prozessbeteiligten die Videosequenzen an.

Die Zugbegleiterin bestätigte die Attacke. Sie habe die Zug-reisenden informieren wollen, dass die Fahrt erst mal nicht weitergehen könne und man auf eine Ersatzbahn warten müsse. Dabei sei sie von den beiden Angeklagten beschimpft worden, sie seien „aggressiv aufgetreten“. Deshalb habe sie auch den Zugführer als Verstärkung dazu geholt. Das Pärchen habe sich weiterhin „uneinsichtig und aggressiv“ gezeigt. Dann hätte es eine Rangelei – „auch ums Handy“ – gegeben, wobei sie sich an Details nicht mehr erinnern könne. Auch nicht daran, wer denn von den beiden geschlagen und getreten habe.

Schöffengericht

Aufgrund der sich im Prozess ergebenden Umstände entschieden Staatsanwältin und Gericht, den Fall nicht weiter zu verhandeln. Der Prozess wurde ausgesetzt, um das Verfahren an das Schöffengericht weiter zu reichen. Möglicherweise könne es sich bei den Taten nicht nur, wie angeklagt, um ein Vergehen, sondern um ein Verbrechen handeln. Und das wird härter geahndet. Der Prozess wird also vom Schöffengericht neu aufgerollt. Dann bekommen die Angeklagten auch in jedem Fall Verteidiger an die Seite gestellt. Ein Termin dafür steht aber noch nicht fest.