Stendal l Julian Lobban Brandt macht keinen Hehl aus der Begeisterung für ihr Heimatland. Ihre Ohrringe tragen die schwarz-grün-gelben Nationalfarben, auch am Kragen ihrer Jacke blitzen sie auf. Ein Stück Jamaika ist fast immer dabei, wenn sie durch die Stendaler Straßen läuft. In ihren Gedanken schweift sie dann manchmal ab in die quirligen, lebhaften Straßen von Kingston.

 In die jamaikanischen Hauptstadt zog sie im Alter von neun Jahren, um dort auf eine weiterführende Schule zu gehen. Für sie stets ein besonderer Ort, genauso wie ihr Geburtsort Linstead, eine Kleinstadt im hügeligen, fast immer grünen Hinterland. An diese Orte hat sie ihr Herz verloren, wie so viele ihrer Landsleute. Dass sie ihr Land lieben, sei dabei ganz normal für die Jamaikaner. „Wir mögen Jamaika und sind stolz auf unsere Kultur “, erzählt die 42-Jährige.

Stolz auf die Sportler

Auf die Leichtathleten zum Beispiel. Natürlich falle ihr Usain Bolt ein, der Weltrekordhalter über die Strecken von 100 Meter und 200 Meter. „Die schnellsten Menschen der Welt stammen von unserer Insel. Das bedeutet uns viel“, schwärmt sie.

Fast noch wichtiger sei aber ein anderes Kulturgut: Die Musik. Insbesondere der Reggae. Die Musikrichtung, entstanden Ende der 1960er Jahre, wurde im vergangenen Jahr sogar ins immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen. Julian Lobban Brandt liebt das Genre selbstredend. „Es geht nicht nur um die Musik an sich. Die Texte sind sehr politisch. Als der Reggae entstand, war er Teil einer Protestbewegung gegen soziale Ungleichheit und Polizeigewalt“, erklärt sie.

Doch warum hat es die junge Frau dann ausgerechnet in die Altmark verschlagen, in einen Landstrich, der unterschiedlicher kaum sein könnte? Das Meer weit weg, die Landschaft platt und die Menschen nicht unbedingt ein Ausbund an Temperament und Lebensfreude. Die Antwort auf diese Frage hat viel mit Zufällen tun. Und mit der Neigung der Jamaikaner, ihre Insel zu verlassen, obwohl sie diese so inständig lieben. „Wir legen viel Wert auf Bildung. Leider gibt es für die meisten gut ausgebildeten jungen Menschen nach der Universität zu wenige passende Jobs“, berichtet Julian Lobban Brandt.

Zu wenige Jobs in der Heimat

Da bliebe für viele nur eine Möglichkeit: Ab ins Ausland, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Seit Jahrzehnten verließen die Menschen schon ihre Heimat. Zwar gibt es keine genauen Zahlen, doch gehen Schätzungen davon aus, dass fast 1,7 Millionen Jamaikaner im Ausland leben.

Die meisten der Auswanderer zieht es in die Vereinigten Staaten, nach Kanada und nach Großbritannien. „Meine Eltern sind diesen Weg ebenfalls gegangen. Sie waren in Kanada und England“, sagt Julian Lobban Brandt. Deshalb wuchs sie bei ihren Großeltern auf. In Jamaika keine ungewöhnliche Situation. Vor allem gut ausgebildete Frauen verlassen das Land sogar nach der Geburt ihrer Kinder.

Nach dem Ende ihres Studiums – Julian Lobban Brandt studierte Englisch – stand sie vor derselben Entscheidung. In Jamaika bleiben oder es in der Fremde versuchen? Der Entschluss war schnell gefasst: „Ich wollte immer im Ausland Englisch unterrichten.“

Zu erst nach Japan

Ihr Drang, die Welt zu entdecken, sollte den weiteren Verlauf ihres Lebens nicht unwesentlich verändern und sie schließlich in die Altmark führen. Über einen etwas längeren Umweg jedoch.

Zunächst landete die Jamaikanerin in einer ganz anderen Ecke der Welt. In Japan nämlich. Als Englisch-Lehrerin lebte sie von 2007 bis 2010 in Osaka. Was sich vielleicht exotisch anhört, ist gar nicht mal so ungewöhnlich. „Nach Osaka verschlägt es relativ viele Jamaikaner“, sagt die Lehrerin. Warum gerade dieser Ort so viele ihrer Landsleute anzieht, könne sie nicht beantworten. Der Austausch zwischen den Ländern sei aber relativ rege und Englisch-Lehrer sehr gefragt. Trotz der enormen Unterschiede zum ihrem Heimatland habe es ihr in Asien sehr gut gefallen.

Das mag auch daran gelegen haben, dass sie fern der Heimat einen Stendaler traf. Ihr zukünftiger Mann war in Sachen Windräder in Fernost unterwegs. Dass die Verständigung am Anfang nicht reibungslos von statten ging, spielte keine Rolle. „Er sprach fast kein Englisch, ich natürlich kein Deutsch. Geklappt hat es trotzdem“, sagt sie und lacht. In Japan dauerhaft zu bleiben, war für das Paar keine Option. Umso mehr, weil Julian Lobban Brandt bald ihr erstes Kind erwartete. In dieser Situation drängte sich für beide auf, es in Deutschland zu versuchen.

2016 ging es nach Stendal

Erst einmal in der Nähe von Köln im Rheinland heimisch geworden, folgte schließlich der Umzug in die Altmark. „Am 26. Juli 2016 sind wir in Stendal angekommen“, erinnert sich Julian Lobban Brandt noch ganz genau. Hatte sie in Nordrhein-Westfalen noch hauptsächlich ehrenamtlich, beispielsweise in der Betreuung von Flüchtlingen gearbeitet, eröffneten sich in der neuen Heimat andere berufliche Perspektiven. Endlich durfte sie in ihre ursprüngliche Profession zurückkehren.

In der bilingualen Grundschule fand sie einen Job als Lehrerin. Englisch unterrichtet sie dort logischerweise, außerdem Computer und Mathe. Ihre Arbeit, das wird im Gespräch deutlich, mag sie sehr. Einerseits wegen der Kinder, andererseits wegen der Kollegen. Ihre Schüler seien wissbegierig und neugierig. An ihrem Kollegium schätze sie den kosmopolitischen Charakter. Menschen aus mehreren Ländern arbeiten dort zusammen.

Im abgelaufenen Schuljahr wurde ihr eine besondere Ehre zu Teil. Erstmals übernahm sie die Leitung einer ersten Klasse. „Ich glaube, wir haben es zusammen ganz gut hingekriegt. Es haben zumindest alle überlebt“, macht sie einen Witz auf eigene Kosten. Eine Eigenschaft, die sie übrigens als typisch jamaikanisch bezeichnen würde: „Wir können sehr gut über uns selbst lachen. Obwohl wir eigentlich sehr große Egos haben. Besonders die Männer.“

Erfahrungen mit Rassismus

Genauso typisch: Die Menschen würden kein Blatt vor den Mund nehmen und sehr direkt ihre Meinung sagen. „Wenn uns etwas nicht gefällt, dann sprechen wird das aus. In Deutschland ist das, glaube ich, so nicht üblich“, beschreibt die Lehrerin diesen Wesenszug. „Hin und wieder sind wir wirklich frech. Das gehört ein bisschen zu uns“, ergänzt sie.

Insgesamt gehe es auf der Karibik-Insel etwas kommunikativer zu als in Mitteleuropa. Etwas das sie in Stendal durchaus vermisst. Einfach mal ausgehen und sich mit Fremden locker unterhalten. In ihrer Heimat Normalität, in Deutschland eher eine Ausnahme.

Trotzdem fühle sie sich hier ganz wohl. Die Arbeit mache ihr Spaß, gerne fahre sie außerdem nach Berlin oder Magdeburg. Doch leider seien rassistische Erlebnisse nicht ausgeblieben. Herabsetzende Sprüche versuche sie nicht zu sehr an sich ran zu lassen, obgleich sie dennoch wehtun: „Ich glaube, dass diese Menschen sehr von ihrem eigenen Leben frustriert sind und es an mir auslassen.“

In diesem Sinne versucht sich Julian Lobban Brandt ihren Optimismus nicht nehmen zu lassen. In der Altmark bleibt sie zumindest bis auf Weiteres. Ihr wichtigstes Projekt in den Sommerferien ist nämlich der Umzug in eine neue, schöne Wohnung.