Tangermünde l Es ist Sonnabendmorgen. Ein kalter Wintertag. Elsa (5) und Leopold (7) sitzen in ihre dicken Wintersachen gehüllt in ihren kleinen Rollstühlen am Garagentor. Ihr Papa Sascha Schmidt (36) steigt in das wenige Meter entfernte große graue Mobil und fährt es vor, damit er demonstrieren kann, wie einfach es jetzt ist, mit den Kindern auf Reisen zu gehen.

„Leopold freut sich immer riesig. Elsa ist da noch etwas zurückhaltender“, berichtet Mama Franziska Weise (34). Dann geht es los. Sascha Schmidt öffnet die beiden hinteren Autotüren. Per Knopfdruck fährt eine Rangierrampe herunter. Er fährt mit Leopold darauf und per Knopfdruck geht es für beide nach oben. Nun muss er den Jungen mit seinem Rollstuhl nur noch bis in die dafür eingebauten Vorrichtungen schieben, fixieren und startklar ist er für die Fahrt. Schnell und einfach.

Alles kam Schlag auf Schlag

Wenige Minuten später sitzt die kleine Familie wieder in ihrem Wohnzimmer. Die Wintersachen liegen an der Seite. Ruhe kehrt ein. Dann sagt Franziska Weise: „Es ist eine große Last von uns gefallen.“ Wussten sie Anfang 2020 nicht, wie es weitergehen sollte, sei für sie ab Sommer 2020 „alles Schlag auf Schlag“ gegangen, sagt ihr Lebensgefährte Sascha Schmidt.

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Seit 17 Jahren sind die beiden ein Paar. Sie lieben ihre Kinder Leopold und Elsa über alles, auch wenn die beiden Kleinen sie tagtäglich vor kleine oder auch große Herausforderungen stellen, wie zuletzt vor die, zunächst keine Lösung für das künftige Transportproblem zu haben.

Alles wäre vorbei gewesen

Mit dem Wachstum der Kinder werden auch die Rollstühle größer, die Kinder schwerer. In wenigen Wochen wird Elsa ihren neuen Rollstuhl bekommen. Ab diesem Zeitpunkt wäre es vorbei gewesen, als Familie zu verreisen, Bekannte und Familie in nah und fern zu besuchen oder auch die Arzttermine wahrzunehmen. Denn zwei große Rollstühle hätten nicht mehr in das Auto gepasst, das das Paar bisher von Franziskas Opa nutzen durfte. Staatliche Unterstützung für ein größeres Fahrzeug gab es nicht. Mehrarbeit, die der Familienvater leistete, um Geld anzusparen, wurde ihm wieder von der staatlichen monatlichen Unterstützung abgezogen.

Heute sieht die Welt anders aus. Eine unerwartete Spendenbereitschaft hat es möglich gemacht, dass Leopold und Elsa weiter mobil bleiben dürfen, dass kein gebrauchtes, sondern nagelneues Fahrzeug gekauft und für deren Bedürfnisse umgebaut werden konnte. „Fast 50.000 Euro kamen letztendlich zusammen“, berichtet Sascha Schmidt beeindruckt. Und all das Geld sei in den großen Ford-Bus geflossen.

700 Kilometer bis zum Kleinbus

„Schon Tage, bevor wir ihn abholen durften, war ich nervös wie ein kleines Kind“, erzählt der zweifache Vater. Da es sich bei diesem Kleinbus um einen Re-Import handelt, holte sich das Paar diesen von einem deutschen Autohändler nahe der belgischen Grenze ab. Nachts ging es mit dem Zug hin. „700 Kilometer fuhren wir wieder zurück. Wir haben uns abgewechselt“, sagt er. In Berlin wurde der Kleinbus noch für die Bedürfnisse der Kinder umgerüstet. „Als das Auto da war, haben wir uns mit unserer Familie auf Abstand getroffen, darauf angestoßen und es allen, die Interesse hatten, vorgeführt“, erzählt Franziska Weise.

Jetzt steht der Kleinbus hinter dem Haus, jederzeit einsatzbereit mit viel Platz für die täglichen Fahrten, aber auch für einen großen Urlaub, Reisen und Ausflüge. Erste Pläne gibt es bereits. „Wir haben in diesem Jahr zwei Hochzeiten in unseren Familien“, sagt sie. „Und wir würden gern einen Urlaub in Schweden machen. Alles rein ins Auto und einfach los“, sagt er. „Ein Ferienhaus in Schweden für zwei, drei Wochen – das wäre schon toll“, schwärmt sie. Sie freuen sich auf alles, was kommen wird, wissen aber auch, dass es erst dann losgehen kann, wenn es wieder gestattet ist.

An die Öffentlichkeit gewandt

Zurück in das Jahr 2020: „Wir standen vor der scheinbar unlösbaren Frage: Wie lange noch können wir mit unseren beiden Sonnenscheinen mobil und damit Teil der Gesellschaft bleiben?“, erinnert sich Franziska Weise zurück. Da sie selbst bis dahin alles ihnen Mögliche versucht hatten, ihnen aber auch Steine in den Weg gelegt wurden, „gingen wir an die Öffentlichkeit. Das hat uns sehr viel Überwindung gekostet.“

Mitte Juli 2020 berichtete Volksstimme von den Sorgen das jungen Paars. Das löste eine riesige Spendenbereitschaft aus. Die katholische Pfarrgemeinde in Tangermünde, der die beiden angehören, richtete ein Spendenkonto ein. „Niemals hätten wir damit gerechnet, dass uns und unseren Kindern eine so große Anteilnahme entgegengebracht wird. Wir waren überwältigt, teilweise überfordert mit dieser enormen Spendenbereitschaft“, fasst die 34-Jährige zusammen. „Ein Event folgte dem anderen. Wir wurden plötzlich erkannt. Einige haben sich getraut, uns anzusprechen, wollten mehr wissen. Es war überwältigend.“

Mitarbeiter und Firma spenden Geld

Sascha Schmidt arbeitet im großen Tangermünder Lebensmittelunternehmen. Seit einem Jahr ist er wieder dort, wo er vor sieben Jahren gelernt hatte. „Einige Kollegen kannten meine Situation. Durch den Beitrag in der Volksstimme haben sie dann begonnen, für uns zu sammeln. Und auch meine Firma selbst hat gespendet. Das war so toll“, sagt er.

Freunde, Bekannte, Familie, der Kindergarten, viele, viele Unbekannte, aber auch der Organisator von „Stark fürs Leben“, Oliver Beck, oder die Fußballer von „Saxonia“ hatten ein Herz für Leopold und Elsa. Mit Spendenaktion beziehungsweise Benefiz-Turnier trugen sie dazu bei, dass noch mehr Menschen auf die Lage der kleinen Familie aufmerksam wurden. „Es gab so viele Gänsehautmomente, einfach unglaublich“, erinnert sich Franziska Weise. Und sie erwähnt die „einzelne Frau aus Sandau, die nur für uns Marmelade gekocht und in unserer Gemeinde verkauft hat. Selbst dabei sind fast 1000 Euro zusammengekommen.“

Kleinbus sichert Zukunft ab

„Niemals hätten wir mit dieser Summe gerechnet“, betont die 34-Jährige. Umso schöner sei es, jetzt mit einem neuen Kleinbus für viele Jahre ruhig und gesichert in die Zukunft blicken zu können.

„Sehr gern würden wir uns bei jedem, der uns unterstützt hat, persönlich bedanken. Doch das schaffen wir leider nicht“, macht die junge Mutter deutlich. Das Paar ist überglücklich, nach einem guten halben, sehr turbulenten Jahr und so viel ungeahnter Menschenliebe jetzt ein Fahrzeug zu haben, das sie mobil bleiben lässt. „Dass trotz Corona, wo man denkt, jeder sei nur mit seinen Sorgen beschäftigt, so große Anteilnahme zu spüren war, ist einfach toll“, sagt Sascha Schmidt. Und Franziska Weise ergänzt ihren Lebenspartner: „Die vielen kleinen und großen Gänsehautmomente haben uns eines gezeigt: Wir sind nicht allein.“