Stendal l Vor einiger Zeit bekam Joachim Kraatz, der sich in seiner Freizeit sehr intensiv mit der Geschichte seiner Heimatstadt beschäftigt, die Lebenserinnerungen eines ehemaligen Stendalers in die Hände, eines 1936 geborenen Nachfahren der Familie Theune, die eingangs der Marienkirchstraße ein Geschäft hatte. In den Aufzeichnungen las er folgende Passage über die Tage im April 1945:

„Die Amerikaner kamen näher an Stendal heran, umzingelten die Stadt und verhandelten mit Oberbürgermeister Dr. Wernecke. Die restlichen Parteibonzen wollten Verteidigung bis zum letzten Blutstropfen. Dr. Wernecke wurde ein Ultimatum gestellt, entweder Aufgabe der Stadt oder der bereits im Anflug befindliche Bomberverband zerstört Stendal. Dr. Wernecke kapitulierte zum Entsetzen der Parteibonzen. Stendal war gerettet.“

Und dann folgen die Zeilen, die Joachim Kraatz zu seinem Vorschlag einer Ehrenbürgerschaft bewegt haben:

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„Einem Winckelmann, einem Nachtigal hat man Denkmale gesetzt, aber diese würden nicht mehr da sein, wenn nicht dieser aufrechte Mann, der für seine Entscheidung sein Leben eingesetzt hat, die Stadt Stendal vor Ausbombung gerettet hätte.“

Den Bomben entkommen

So sieht es auch Joachim Kraatz und denkt dabei unter anderem an die verheerenden Bombenangriffe in den letzten Kriegsmonaten, die in Stendal hunderte Todesopfer gefordert und Zerstörung gebracht hatten. Unter anderem waren ein Teil des Domes beschädigt und Wohnhäuser zerstört worden. „Wer weiß, ob die historischen Stadttore noch stehen würden, wenn Wernecke die Stadt nicht übergeben hätte“, sagt der Hobbyhistoriker und setzt den Gedanken fort: Wie viele Einwohner mit Stendaler Wurzeln würde es heute nicht geben, wenn ihre Vorfahren einem großen Angriff zum Opfer gefallen wären? Seine Vermutung: „Ein weiterer Bombenangriff hätte Stendal kaputtgemacht.“

Dazu kam es zum Glück nicht, denn am 12. April 1945 gab Wernecke die Anweisung, überall in der Stadt weiße Fahnen zu hissen. Einen Tag später übergab er die Stadt kampflos an die US-Streitkräfte. Die Reaktion aus Berlin kam prompt: Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, erklärte Stendal „wegen feiger Übergabe“ als „ehrlos“.

Karl Wernecke blieb im Amt, bis er am 1. Juli 1945 verhaftet wurde. Er wurde nach Tangermünde und von dort mit einem Sammeltransport ins Konzen­trationslager Sachsenhausen gebracht, das die sowjetische Militäradminis­tration als Speziallager Nr. 7 genutzt hat, um NS-Funktionäre der unteren und mittleren Ebene, Angehörige der Wehrmacht, Gegner der neuen politischen Ordnung, zum Teil völlig willkürlich Verhaftete und andere zu internieren. In diesem Lager starb Stendals ehemaliger Oberbürgermeister Wernecke im November 1945.

Ehrenbürger muss leben

Dass er den Mut aufgebracht hat, sich gegen das Nazi-Regime zu stellen und so die Stadt vor Schlimmerem zu bewahren, müsste nach Ansicht von Joachim Kraatz noch mehr gewürdigt werden. Eine Möglichkeit wäre seiner Ansicht nach die posthume Ernennung zum Ehrenbürger. Die ist aber nicht möglich, bestätigt auf Nachfrage Stadtsprecher Philipp Krüger. Denn gemäß Paragraf 22 des Kommunalverfassungsgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt könne eine Kommune nur lebenden Personen, die sich besonders verdient gemacht haben, das Ehrenbürgerrecht verleihen. „Das Ehrenbürgerrecht und die Ehrenbezeichnung erlöschen sogar mit dem Tod des Geehrten“, erklärt Krüger, warum auf diesem Wege leider keine Würdigung möglich ist.

Joachim Kraatz könnte sich aber auch eine Gedenk- oder Erinnerungstafel am Rathaus vorstellen. Dass Kritiker auf Werneckes Mitgliedschaft in der NSDAP hinweisen könnten, weiß der Stendaler. „Er ist aber erst 1941 und damit recht spät Parteimitglied geworden. Und vielleicht konnte er dadurch sogar noch mehr für die Bürger Stendals erreichen“, sagt Kraatz. Was für ihn aber wichtiger ist: „Er hat unter Einsatz seines Lebens die Stadt gerettet.“

Eine Straße gibt es bereits, die den Namen „Karl Wernecke“ trägt. Sie liegt in der Nähe des Krankenhauses zwischen Wend- und Brauhausstraße. Im Beisein von zwei Kindern Karl Werneckes, Tochter Rosemarie Braun und Sohn Dr. Leberecht Wernecke, und einigen Enkelkindern fand die Namensgebung am 4. August 1997 (dem 112. Geburtstag) statt. Der damalige OB Volker Stephan würdigte Wernecke als „einen Mann, der sich in besonderer Weise für Stendal verdient gemacht hat“. Er erinnerte daran, dass sich Wernecke auch für den sozialen Wohnungsbau engagiert hat, dass er zu den Gründern der Winckelmann-Gesellschaft zählt und dass es ein altmärkisches Theater ohne ihn nicht geben würde.