Stendal l Um sich Mitte der 80er Jahre in der Stendaler Innenstadt eine Wohnung zu suchen, musste man hart gesotten sein. Die Toiletten befanden sich auf der berühmten halben Treppe, geheizt wurde mit dem Ofen, warmes Wasser kam oft nur sporadisch aus den alten Leitungen. Ein gewisses handwerkliches Talent schadete ebenfalls nicht. In den alten Buden Reparaturen vorzunehmen, stand bei den Fachleuten nicht unbedingt ganz oben auf der Prioritätenliste.

Wären Handwerker verfügbar gewesen, hätte es dann sowieso an Material gemangelt. Ein gewisser Sinn fürs Morbide und die Vergänglichkeit waren für die Einwohner des Stendaler Stadtzentrums ebenso unerlässlich. Der Verfall starrte ihnen ja buchstäblich ins Gesicht. Die Substanz insbesondere der kleinen Fachwerkhäuser hatte in den vergangenen Jahrzehnten in einem Maße gelitten, das nicht mehr gutzumachen war.

Ein oppositioneller Akt

Petra Drescher ließ sich davon nicht abhalten. Als sie 1986 nach Stendal zog, nahm sie bewusst eine Wohnung in der Innenstadt. Die Widrigkeiten ignorierte sie. Eine Bleibe in den Neubauvierteln kam für sie nicht in Frage, erzählte sie am vergangenen Dienstag in der Kleinen Markthalle in der Hallstraße. Zusammen mit Ingrid Fröhlich-Groddeck war sie eingeladen, um in der Veranstaltungsreihe „Aufruhr – Aufbruch – Alltag: Stendal 1989 und heute“ über den Kampf für den Erhalt der Altstadt zu berichten.

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Im Gespräch mit Moderatorin Edda Gehrmann wurde schnell klar, dass ihr Engagement über ästhetische Vorlieben weit hinausging. Der Städtebau war ein hoch politisches Thema. Wer sich für den Erhalt der alten Bausubstanz einsetzte, kritisierte damit die städtebaulichen Vorstellungen der SED. Es war gleichsam ein oppositioneller Akt.

Die beiden Frauen waren im Neuen Forum Mitglieder der Arbeitsgruppe Altstadt. Die Sanierung statt des Abrisses hatten sie sich auf die Fahnen geschrieben. Ingrid Fröhlich-Groddeck, von Beruf Bauingenieurin, spürte den Unmut der Kreisleitung deutlich, nachdem sie beim Rat des Kreises eine Zustandsanalyse der Gebäude eingereicht hatte und dabei die Vorteile des Erhaltes herausgearbeitet hatte. Dass die kleineren Strukturen zum Beispiel den sozialen Zusammenhalt fördern würden. „Ich wurde daraufhin als Klassenfeindin tituliert“, beschreibt sie die Reaktion der Parteifunktionäre.

Denn die SED-Kader hatten für die historischen Innenstädte wenig übrig. Da machte Stendal keine Ausnahme. Die Abrisspläne lagen nicht nur in den Schubläden, mit ihrer Realisierung wurde 1989 im Uppstall bereits begonnen, als dort zahlreiche kleine Fachwerkhäuser dem Boden gleichgemacht worden, um Platz zu schaffen für Plattenbauten des Typs „WBS 70“. Wären sie in Gänze umgesetzt worden, wäre außer der Kirche wenig übrig geblieben.

Eigentumsfrage musste geklärt werden

Fast in letzter Minute bewahrte die Wende die Stendaler Altstadt vor diesem gruseligen Schicksal. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran hatten sicherlich auch all jene, die in der Zeit des Umbruchs darauf hinwiesen, welchen Wert eine sanierte Altstadt haben kann. Und sich persönlich dafür einsetzten, so viel wie möglich zu erhalten. Nach der jahrzehntelangen systematischen Verwahrlosung blieb dennoch nicht viel Zeit. „Wir sind dann rein in die Häuser und haben geschaut, was erhaltenswert ist. Das war mitunter lebensgefährlich“, berichtet Petra Drescher.

Den engagierten Bürgern um Petra Drescher und Ingrid Fröhlich-Groddeck war bewusst, dass die Stadt allein die Sanierung nicht zu übernehmen in der Lage war. Die Immobilien sollten in private Hände abgegeben werden. Die Eigentumsfrage zu klären, blieb nicht selten eine große Herausforderung.

Für viele Häuser kam die Wende zu spät

Große Hilfe kam bei der Sanierung außerdem aus den alten Bundesländern. Die Partnerstadt Lemgo stellte nicht nur stadtplanerisches Know-How zur Verfügung, sondern steuerte eine Finanzhilfe von 1,5 Millionen Euro bei.

Auf Grund ihres miserablen Zustandes waren dennoch viele Häuser nicht mehr vermittelbar. Kein Wunder also, dass sie trotz der Wiedervereinigung aus dem Stadtbild verschwanden. Der Karnipp, die Rohrstraße oder der Bierspündergasse verloren große Teile ihrer althergebrachten Bebauung. In der gesamten Innenstadt erinnerten jahrelang Baulücken an den Abriss maroder Häuser.