Corona stoppt Produktion

TechnoGuss Tangerhütte: Umsatzrückgang und Kurzarbeit trotz voller Auftragsbücher

Von Birgit Schulze
Die Besucher sehen sich Produkte wie diese Schiebergehäuse für den Armaturenbau der Tangerhütter Gießerei "TechnoGuss" an. Europa-Abgeordneter Sven Schulze (von links), Tobias Töpfer als technischer Geschäftsführer,  Geschäftsführer Stefan Maier, Bürgermeisterkandidat Markus Fettback und Landtagskandidat Thomas Staudt machen sich vor Ort ein Bild.
Die Besucher sehen sich Produkte wie diese Schiebergehäuse für den Armaturenbau der Tangerhütter Gießerei "TechnoGuss" an. Europa-Abgeordneter Sven Schulze (von links), Tobias Töpfer als technischer Geschäftsführer, Geschäftsführer Stefan Maier, Bürgermeisterkandidat Markus Fettback und Landtagskandidat Thomas Staudt machen sich vor Ort ein Bild. Foto: Birgit Schulze

Tangerhütte

Die Vögel zwitschern, es ist ungewöhnlich still auf dem Gießereigelände der „TechnoGuss“ in Tangerhütte, wo normalerweise die aktuell 140 Mitarbeiter auch hörbar gut zu tun haben. Geschäftsführer Stefan Maier spricht von fast körperlichen Schmerzen, die die Ruhe bei ihm erzeugt.

Wenn drei Mitarbeiter an Corona erkrankt und 20 Kollegen in Quarantäne sind, müssen mehr als 100 in die Kurzarbeit gehen, einfach weil die Produktionskette nicht mehr aufrecht zu halten ist. Und das trotz brechend voller Auftragsbücher.

Gießereistandort ist fast 180 Jahre alt

Die „Hütte“, wie die Tangerstadtbewohner den fast 180 Jahre alten Gießereistandort im Herzen der Stadt nennen, hat kein Eisen mehr im Ofen, als Europaabgeordneter und Landes-Vorsitzender Sven Schulze (CDU) gemeinsam mit Thomas Staudt, CDU-Landtagskandiat und Markus Fettback, CDU-unterstützter Bürgermeisterkandidat für Tangerhütte, zu Gast sind. Sie wollen in der Praxis hören, wie es läuft, sagt Schulze und nimmt einen Eindruck von dem mit, was in der Coronapandemie eines der größten Unternehmen vor Ort beschäftigt.

Die „Hütte“ in der jüngsten Stadt der Altmark muss sich mit ihrer langen Geschichte und ihrem vor Ort selten wahrgenommenen großen Absatzmarkt nicht verstecken. In Tangerhütte gegossene Teile mit Stückgewichten von bis zu 24 Tonnen (zweiteilig) gehen in die ganze Welt.

Tangerhütter Guss im Drei-Schluchten-Staudamm in China

Absperrventile aus Tangerhütte sind im weltgrößten Kraftwerk der Drei-Schluchten-Talsperre in China verbaut oder im Burj Kalifa – dem höchsten Gebäude der Welt. Am Standort Tangerhütte, den Geschäftsführer Stefan Maier seit gut fünf Jahren parallel zur Gießerei Heidenreich & Harbeck in Mölln verantwortet, werden Gussstücke von 60 Kilo bis etwa 12 Tonnen produziert.

Im arabischen Raum forderten die Kunden immer öfter ganz gezielt Produkte aus Tangerhütte an, erklärt Maier. Die Coronakrise wird an der Tangerhütter Präzisionsgießerei, die für den Maschinenbau, Armaturenhersteller, Antriebstechnik sowie Spezialgüsse im Kundenauftrag produziert, nicht spurlos vorbeigehen.

Schon jetzt spricht Stefan Maier von 30 Prozent Umsatzrückgang im vergangen Jahr. Nach der Insolvenz des Vorgängerunternehmens und der Übernahme 2015 konnte der Betrieb 2018 erstmals wieder ein „schönes“ Jahresergebnis vorlegen. Ein gutes Jahr später ging es mit Corona los.

Corona brachte für TechnoGuss viele Probleme mit sich

Seitdem sind für den Gießereibetrieb in Tangerhütte Lieferantenketten eingebrochen, Personalprobleme hinzu gekommen und die Materialverfügbarkeit schwieriger geworden, fasst Maier zusammen. Man habe viele Aufträge – gerade im Maschinenbau verloren, weil es für Zulieferer und Hersteller schwierig geworden ist, in diesen Zeiten zu investieren.

Dank der Unterstützung einer Gesellschafter-Familie im Hintergrund stehe das Unternehmen stabil da, „ohne sie hätten wird den Sturm der vergangenen 12 Monate kaum überleben können“, sagt Maier. Inzwischen sind die Auftragsbücher wieder voll, die Kunden warten auf Guss aus Tangerhütte, doch dort steht aktuell die Produktion still. Stefan Maier setzt jetzt alle Hoffnung auf zügige Impfangebote für alle.

Schwerpunkt des Austauschs mit den Politikern der CDU war aber auch die Bildung. Schon seit Jahren hat TechnoGuss Probleme, Auszubildende mit einem halbwegs akzeptablen Schulabschluss zu finden. Aktuell gibt es keinen einzigen Auszubildenden mehr im Betrieb, fasst der technische Geschäftsführer Tobias Töpfer zusammen. Noch vor einigen Jahren waren es 15 oder drei bis fünf pro Jahrgang.

Leistungsbereitschaft und Bildungsniveau verbessern

Manch einer der Interessenten würde aber aktuell eine persönliche Rundum-Betreuung brauchen, so Töpfer. Doch es geht auch anders: Noch 2019 konnte der Betrieb mit Sebastian Pabst einen der beiden bundesbesten Auszubildenden des Jahrgangs vorweisen, der im Betrieb geblieben sei und nun die Meisterausbildung absolviere.

Dass der wiederkehrende Corona-Lockdown und der fehlende Direktunterricht auch künftigen Auszubildenden keine Pluspunkte bringe, darin waren sich alle Anwesenden einig. Markus Fettback etwa forderte, dass es nach einem Jahr in der Pandemie bei der Umsetzung digitaler Bildung schneller vorangehen müsste. Er sprach aber auch von Schulen als Identitätspunkten und Haltefaktoren und davon, dass es statt langer Busfahrten ein „kleines Gymnasium in Tangerhütte“ geben sollte. Thomas Staudt schlug vor, den Austausch zwischen Politik und Wirtschaft fortzusetzen.

Stefan Maier verwies auf einen generellen Trend in der Gesellschaft, den er „Leistungsfeindlichkeit“ nannte und er gab Sven Schulze als EU-Abgeordnetem mit auf den Weg: „Machen sie was für die Lehrer! Motivieren Sie die, meinetwegen über Boni für Ferienverzicht und Nachhilfe! Nutzen Sie Stellschrauben bei den Steuern, damit sich Leistung wieder lohnt – auch für den Facharbeiter!“