Stendal l Als Unterweltgröße lebt der Armenier, Besitzer des Varietés „Moka Efti“ und Großkrimineller, nicht ganz ungefährlich. Wenn er im Berlin Ende der Goldenen Zwanziger unterwegs ist oder es in seinem Lokal mal wieder handgreiflich wird, kann sich der Armenier (Mišel Matičević) auf einen Mann besonders verlassen: seinen Leibwächter Jonny. Gespielt wird der von Wolfgang Lindner, im Hauptberuf Stuntman und Stuntkoordinator. Seit mittlerweile Jahrzehnten ist Potsdam seine berufliche Heimat, aufgewachsen ist der heute 63-Jährige aber in Stendal.

„Ich komme ja aus der Stuntschiene, da kennt man sich in der Szene“, beantwortet Wolfgang Lindner die Frage, wie er zu der Rolle gekommen ist. Und er fügt hinzu: „Man wird angerufen.“ Mit Tom Tykwer, einem der drei Regisseure der Serie, hat er schon früher zusammengearbeitet. Und der habe ihn eines Tages gefragt, ob er nicht Lust hätte auf eine Nebenrolle in „Babylon Berlin“. Da musste Lindner nicht lange überlegen. Denn dass Stuntmänner und -frauen nicht nur Darsteller in riskanten Szenen doubeln, von Häusern springen oder über Autodächer rollen, sondern selbst in kleinere Rollen schlüpfen, gehöre heute zum Beruf dazu. „Bei den Amerikanern heißt das Stuntplayer“, erklärt Wolfgang Lindner im Volksstimme-Gespräch.

40 Jahre im Beruf

Das Filmsystem habe sich angepasst, für jüngere Kollegen sei das ganz selbstverständlich. Für sich und seine Stuntman-Generation spricht Wolfgang Lindner von einer „Entwicklungssache“, von einem logischen nächsten Schritt. Er spricht davon, dass er in 40 Berufsjahren Routine gesammelt hat, die Abläufe beim Drehen kennt, auch als Double schon immer in Maske und Kostüm aufgetreten ist. „Die Kamera sieht man gar nicht mehr“, sagt der 63-Jährige und fügt hinzu: „Wir leben von unserer Erfahrung, vom Gefühl für den Film und die Kamera. Wir verstehen unser Handwerk.“ Und so trat er schon als Kneipenwirt Kralle in der Magdeburger Polizeiruffolge „Der verlorene Sohn“ auf, spielte den Bär im Märchenfilm „Schneeweißchen und Rosenrot“, bekam Nebenrollen in den Erfolgsstreifen „Inglourious Basterds“ und „Cloud Atlas“.

Die Verfilmung von Volker Kutschers erstem Roman „Der nasse Fisch“ als Serie „Babylon Berlin“ ist für Wolfgang Lindner „eine Riesennummer“. Er freut sich schon auf die Dreharbeiten für die nächsten Folgen, die im November beginnen. Auch wenn ihn die historische Kulisse der Berliner Straßenzüge, die in Potsdam-Babelsberg steht, „schon sehr beeindruckt“, ist sie für ihn bei der Arbeit nicht entscheidend. „Beim Drehen achtet man eher auf andere Dinge“, sagt er.

Dass Regisseur Tykwer ihm die Rolle des kräftigen Leibwächters Jonny angeboten hat, hat nicht nur mit seinen Erfahrungen mit Film-Prügeleien und waghalsigen Sprüngen zu tun, sondern auch mit seinem Alter und seiner Körpergröße von 1,92 Meter. Heute nennt Wolfgang Lindner das seine „Alleinstellungsmerkmale“, in seiner Jugend war dies aber ein Problem für den sportlichen jungen Mann.

Als Zwölfjähriger war er zur Sportschule in Halberstadt gewechselt, trainierte für eine Sportkarriere im Zehnkampf. Recht bald wurde er aber wegen seiner Körpergröße ausgemustert. Sport treiben, seinen Körper fit halten – daran hielt Wolfgang Lindner danach weiter fest, auch während seiner Ausbildung zum Instandhaltungstechniker und später bei seiner Arbeit auf Bohranlagen. In seiner Freizeit betrieb er Mehrkampf und Motorsport, interessierte sich für Militärsport, lernte Dinge, die er als professioneller Stuntman gut einsetzen kann. Auch heute noch, denn er ist noch immer viel unterwegs. Derzeit dreht Lindner als Double des Hauptdarstellers für die dritte Staffel der US-Serie „Berlin Station“, gefilmt wird in Budapest.

Seine Mutter schaut genau hin

Auch wenn Wolfgang Lindner heute als Stuntman und Stuntkoordinator weltweit gefragt ist und mit den Stars der Branche arbeitet, denkt er immer wieder gern an die Kindheit und Jugend in Stendal, die irgendwie die Berufsanfänge waren. „Das Otto-Krause-Bad war meine Arena, da habe ich mich als Kind ausgetobt“, erinnert er sich und erzählt von Sprüngen im Kostüm vom Zehn-Meter-Turm und davon, Indianerfilm-Szenen von Gojko Mitić nachgemacht zu haben.

Wenn jetzt immer donnerstags im Ersten die zweite Staffel von „Babylon Berlin“ läuft, schaut eine Dame in Stendal ganz besonders genau hin: Mutter Eva-Maria Lindner. „Bei einer Schlägerei habe ich ihn schon erkannt und beim Sprung von einer Brücke“, freut sich die Stendalerin.