Geflüchtete

Welche Probleme die Corona-Pandemie einem Migranten bei der Integration bereitet

Von Leonie Dreier
Jördis Wellmann (links) hilft Khaled Najari aus Afghanistan einmal in der Woche bei den Hausaufgaben. Dafür treffen sie sich in der kleinen Markthalle in Stendal. Foto: Leonie Dreier Foto: Leonie Dreier

Stendal

Freunde hat Khaled Najari in Stendal noch nicht gefunden, gesteht der 28-jährige Mann aus Afghanistan offen im Gespräch mit der Volksstimme. Währenddessen erledigt er in der kleinen Markthalle mit Hilfe seiner langjährigen Begleiterin Jöris Wellmann aus Klietz seine Hausaufgaben. Sie und ihre Familie bewahrten ihn vor der Abschiebung.

Vor fünf Jahren flüchtete Khaled Najari ohne seine Frau und Kinder zu Fuß nach Deutschland. Über die Gründe seiner Flucht möchte er nicht sprechen. „Das ist Vergangenheit“, sagt er. In Deutschland lebte er lange in Klietz, wo er Anschluss fand. Doch als seine Frau mit den drei Kindern im November nach Deutschland kam, mussten die fünfköpfige Familie nach Stendal in eine geeignete Wohnung am Stadtsee ziehen.

In der Corona-Pandemir nach Stendal gezogen

Mitten in der Corona-Pandemie zogen sie um und haben kaum Kontakt zu Einheimischen. Als Grund zählt der Geflüchtete die Kontakt-Beschränkungen auf. Dadurch finden keine Veranstaltungen statt, bei denen Najari neue Leute kennenlernen kann. Seine Kinder sind zu Hause, so dass er auch mit den Eltern in der Schule keinen Kontakt aufbauen kann. Zudem ist der Afghane aktuell arbeitslos, was zur Folge hat, dass er meistens Zeit mit seiner Familie verbringt und isoliert ist. Doch das geht nicht nur ihm so.

„Durch die Pandemie ist das Leben aller auf den Kopf gestellt“, sagt Ines Ranke, Leiterin der Amicus Bildungs- und Begegnungsstätte des Kreisverbands Östliche Altmark des Deutschen Roten Kreuzes in Stendal. Die Einrichtung bietet Angebote in den Bereichen Beratung, Bildung, Kreativität und Sport für jedermann. Zur Zielgruppe gehören alle Bürger zwischen 5 und 83 Jahren. Die Leiterin geht im Gespräch besonders auf die negativen Folgen der Corona-Pandemie für die Integration der Kinder, Jugendlichen und Frauen ein. „Die Mütter sind sehr belastet durch das Corona-Jahr“, betont Ines Ranke. Daher versucht Amicus, Frauen zu stärken, und bietet unter anderem Motivationskurse an.

Auch Khaled Najari bestätigt diese Belastung und Einschränkung für seine Frau. Sie kam erst im November von Afghanistan nach Stendal und spricht kaum ein Wort deutsch. „Die Alphabetisierungskurse finden nicht statt“, erklärt er. So spricht die Familie in der Muttersprache. Darunter leiden auch Khaled Najaris Deutsch-Kenntnisse, schildert Jördis Wellmann, die sich regelmäßig um ihn kümmert. Ines Ranke bestätigt, dass die deutschen Sprachkenntnisse der Migranten durch die Pandemie gelitten haben. Durch den Lockdown haben sie nicht die Möglichkeit, das Gelernte im Alltag anzuwenden.

Vater kan seinem Kind nicht bei den Schulaufgaben helfen

Wegen der Sprachschwierigkeiten kann der 28-Jährige seinem ältesten Kind, das die erste Klasse besucht, nicht bei den Schulaufgaben helfen. „Ich verstehe einige Aufgaben nicht.“ Dieses Problem ist auch Ines Ranke bekannt. Sie weiß, dass Mütter und die Kinder Angst davor haben, dass sie durch den Distanz-Unterricht in der Schule nicht mehr mitkommen. Sie führt als Ursache nicht nur die fehlenden Deutsch-Kenntnisse an, sondern auch das Fehlen einer geeigneten Lernumgebung. Viele Familien leben in einer viel zu kleinen Wohnung.

So haben Ines Ranke und ihre Mitarbeiter die Möglichkeit ins Leben gerufen, dass Kinder ihre Hausaufgaben vor Ort in der Einrichtung am Stadtsee erledigen können, wenn sie zu Hause keinen ruhigen Platz zum Lernen haben. „Das Angebot wird gut angenommen“, so Ines Ranke. Zudem bietet Amicus Lern- und Förderangebote in Einzelbetreuung an.

Damit der Kontakt zu den Kindern- und Jugendlichen während des Lockdowns generell nicht abreißt, haben die Mitarbeiter jede Woche Motivationspakete verteilt. Mit Spielanleitungen, Büchern, kleinen Geschenken und persönlichen Botschaften wollten sie den Kindern eine Freude bereiten. Ines Ranke kann sich auf Nachfrage vorstellen, diese Aktion im aktuellen Lockdown fortzusetzen.

Schule und Corona: Viele Hilfsbedürftige besitzen keinen Laptop

Khaled Najari besucht auch die Schule und möchte im Mai seinen Hauptschulabschluss in der Tasche haben. Seit November geht er zur Johanniter-Akademie. Als diese wegen Corona geschlossen war, bekam er die Aufgaben per Post zu geschickt. Er hat nicht die Möglichkeit, Aufgaben mit einem Laptop zu erledigen, weil er keinen hat. Die Leiterin der Bildungs- und Begegnungsstätte bestätigt aus eigenen Erfahrungen, dass einige Hilfsbedürftige keinen Laptop oder Tablet besitzen. Es fehlt nicht nur das Gerät, sondern auch eine ausreichende Internetverbindung.

Auf die Frage, was sich Ines Ranke für die Kinder und Familien nach der Pandemie wünscht, antwortet sie, dass die Probleme, die durch die Corona-Maßnahmen entstanden sind, von den Verantwortlichen gesehen werden. Sie wünscht sich, dass die Unterstützungs- und Beratungsangebote weiter ausgebaut werden.

Khaled Najari hofft, dass er nach seinem Abschluss einen Ausbildungsplatz als Kfz-Mechatroniker oder Einzelhandelskaufmann bekommt. „Solange es möglich ist, möchte ich in Deutschland bleiben.“ Der Afghane und seine Familie fühlen sich hier wohl. „Es gibt keinen Krieg und die Kinder können zur Schule.“ Wenn alles nach Plan läuft, möchte der 28-Jährige mit seiner Familie aufs Land ziehen.