Stendal l Das da draußen, sagt Henry Ayala und zeigt durchs Fenster auf Zelt und Fuhrpark, das ist die große weite Zirkuswelt, seine berufliche Heimat. „Aber das hier ist das Zuhause, unser Lebensraum.“ Mit dem Kopf deutet er auf die 25 Quadratmeter, die Wohnung für den 38-Jährigen sind, aber auch Garderobe und Schminkraum. Seit ein paar Wochen lebt er nicht mehr allein in seinem Wohnwagen – seine Freundin Tatiana ist eingezogen.

Er stammt aus Venezuela, spricht außer Spanisch auch Italienisch, Französisch, Portugiesisch und Englisch. Mit Tatiana, die in der Ukraine aufgewachsen ist, spricht er Englisch. Für beide ist es nicht nur die erste gemeinsame Tour mit dem Zirkus Charles Knie, für Tatiana Kundyk ist es sogar das erste Engagement bei einem Zirkus überhaupt – und das der Liebe wegen.

Supertalent auf dem Seil

Bisher war die heute 33-Jährige weltweit auf Show- und Varietébühnen zu sehen, wurde mit Teilnahmen an „Supertalent“-Shows in den USA, Italien, Georgien, Frankreich und noch anderen Ländern bekannt. Vor Dieter Bohlen und seinen Jurykollegen präsentierte sich die Ukra­inerin im Jahr 2015. Anders als Henry stammt sie nicht aus einer Zirkusfamilie. „Aber ich war schon als Kind vom Zirkus fasziniert, fand die Bewegungen der Artisten toll, die Biegungen und den Salto“, erzählt sie. Als sie sich dann intensiver damit beschäftigt und mit dem Training begonnen hat, „haben alle aus meiner Schulklasse mitgemacht. Aber viele sind nicht dabei geblieben.“ Tatiana aber hat durchgehalten, hatte ihren Traum immer im Blick: als Artistin auf der Bühne zu stehen. Als 16-Jährige verließ sich die Mittelschule und ging für vier Jahre an ein Zirkus-College. Seither gehört sie zu den angesagtesten Schlappseil-Künstlerinnen weltweit.

Bilder

Als sie vor einigen Jahren mit ihrer Show in einem Hotel auf Ibiza auftrat, saß im Publikum ein junger Mann – der auf den Schlag begeistert war. Von der Darbietung und von der jungen Frau. Zwischen zwei Engagements machte er auf der spanischen Insel Urlaub – doch aus dem zweiten Engagement wurde dann nichts mehr. „Das hat er abgesagt und ist dort geblieben“, erzählt Tatiana und fügt hinzu: „Wegen mir.“ Dabei trifft ihr Blick den von Henry, eben jenem jungen Mann. „Und ich hatte eine großartige Zeit dort“, sagt er. Verliebtheit im Lächeln, aber auch diese Spur Schalk, die den „Prince of Clowns“, wie er sich nennt, auszeichnet.

Beruflich trennten sich zwar ihre Wege nach Ibiza erst einmal, doch seit eineinhalb Jahren sind der Venezolaner und die Ukrainerin ein Paar. Darum haben sie auch geschaut, ob es nicht irgendwo ein gemeinsames Engagement gibt. „Es ist ziemlich schwer, gemeinsam etwas zu finden“, sagt der 38-Jährige. Aber im Zirkus Charles Knie hat es geklappt. Seit gut zwei Wochen sind der Clown und die Artistin mit der Knie-Familie für die aktuelle Tournee unterwegs – und erstmals gemeinsam im Wohnwagen. Neuland für Tatiana, die während ihrer früheren Engagements in Hotels gewohnt hat.

„Wir haben hier drin alles, was es in einer normalen Wohnung gibt. Dusche, Waschmaschine, heißes Wasser“, erklärt Henry, als er aus der Schlafzimmer kommt, die kleine Küche mit der Sitzecke gegenüber passiert und sich neben Tatiana auf den plüschigen Teppich setzt. Auf dem Sofa hat der Besuch Platz genommen.

Und dessen Blick fällt unweigerlich auf die vielen Preise, die im eingebauten Schrank stehen, gewonnen auf Festivals. „Auf den bin ich ganz besonders stolz“, sagt der 38-Jährige und nimmt eine goldglänzende Figur in die Hand – unverkennbar Charlie Chaplin. „Sein Sohn Eugène hat mir den Comedy-Preis persönlich bei einem Zirkusfestival in Moskau überreicht“, freut sich Henry und erinnert sich an einen „der emotionalsten Momente“ in seiner Karriere.

Auch, weil er selbst seit früher Kindheit Fan von Chaplin und dessen Humor ist und er mit seinem Nummern gern in dessen Fußstapfen tritt. „Ich kopiere ihn nicht, aber ich mag seinen Stil“, sagt der Clown, dem auch eine Karriere als Artist in die Wiege gelegt worden war.

Restaurant in der Manege

Denn Henry Ayala stammt aus einer Zirkusfamilie, ist jetzt die fünfte Generation. „Eine Hälfte von uns sind Artisten, die andere Clowns“, erzählt er. Begonnen hat er mit Artistik, aber im Alter von 18, 19 Jahren wechselte er dann ins komische Fach – auch wegen Chaplin. Seither war er im Auftrag des Humors auf allen Kontinenten unterwegs. Er liebt es, für und mit seinem Publikum Spaß zu machen. Im Charles-Knie-Programm hat er fünf Auftritte. Knapp eine halbe Stunde benötigt er für das Make up, das während der ganzen Show bleibt. Aber die Kleidung wechselt er jedes Mal zwischen den Darbietungen, dann geht es vom Zelt schnell in den Wohnwagen und zurück.

In dem haben Tatiana und Henry ihr gemeinsames Leben eingespielt. Dass sie ein Paar sind, zeigen sie nicht mehr nur privat. Mittlerweile haben sie auch eine gemeinsame Clownsnummer. Nur so viel sei verraten: Sie spielt in einem Restaurant.

Apropos Restaurant: Die lokale Küche an den Gastspielorten lernen beide gern kennen, wenn es die Zeit erlaubt. „Ich bin gern wie ein Tourist unterwegs, mache viele Fotos und kaufe Souvenirs“, verrät Henry. Tatiana bummelt gern durch die Geschäfte. Aber auch Gottesdienste werden besucht. Normaler Alltag eben.