Wanzleben l Die Worte „Job“ oder „Arbeit“ mag Dr. Carola Zemlin nicht, ebenso wenig das Wort Ruhestand, so scheint es. „Ich liebe meinen Beruf“, sagt die 75-Jährige, die eine Diabetologische Praxis mit Schwerpunkt Fußambulanz in Wanzleben betreibt, „ich betrachte mich als eine, die immer noch gern tätig ist, die mit aller Leidenschaft, Verrücktheit und Freude weitermacht.“

Dass sie Ärztin werden will, hatte Zemlin schon im Alter von elf Jahren beschlossen. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie wegen einer Gelenktuberkolose im linken Knie bereits seit fünf Jahren in Potsdam und Berlin behandelt. „Damals gehörte Tuberkulose noch zu den Volkskrankheiten ebenso wie Kinderlähmung“, erinnert sich Zemlin. Am linken Bein trug sie über vier Jahre hinweg einen Gipsverband. Laufen war unmöglich, Schulunterricht erhielt sie am Krankenhausbett. Als große mentale Stütze und Vorbild betrachtet die Wanzleberin die damalige Chefärztin an der Oberlin-Klinik in Potsdam, Dr. Sophie Schiele-Faber. Von ihr wurde Zemlin zum Medizin-Studium ermutigt.

Chirurgin war Vorbild

Zemlin wollte ihrem Vorbild nacheifern und Chirurgin werden. Nachdem die damals Elfjährige mit einer sogenannten Defektheilung mit elf Zentimetern Beinverkürzung, Knie- und Fußversteifung sowie orthopädischem Stützapparat aus dem Krankenhaus entlassen wurde, kam langes Stehen am Operationstisch jedoch nicht mehr in Frage. Also entschied sie sich für eine Ausbildung am Bezirkskrankenhaus Magdeburg-Altstadt in Innerer Medizin mit Subspezialisierung Diabetologie am Zentralinstitut für Diabetes in Greifswald.

Durch ihre gesundheitliche Einschränkung ließ sich Zemlin von keiner ihrer Vorhaben abhalten. Mit 14 überredete sie die skeptischen Eltern entgegen deren Unglauben, ihr das Fahrrad der Schwester so umzubauen, dass sie es mit einem Bein fahren konnte. „Das hat 30 Jahre wunderbar funktioniert“, erinnert sich die Diabetologin. Mittlerweile fährt sie begeistert Dreirad für Erwachsene. Darauf könne sie das Gleichgewicht besser halten.

Zemlin gründetete 1992 die erste Diabetes-Fuß-Ambulanz in den neuen Bundesländern im Walter-Friedrich-Krankenhaus in Magdeburg. Nach vier Jahren habe Zemlin dort etwa 300 Patienten pro Quartal behandelt. Die Kassenärztliche Vereinigung habe die Ambulanz aber nach langem Kampf 1996 dennoch wegen mangelnden Bedarfs entgültig geschlossen, so Zemlin. „Zu dieser Zeit habe ich gelernt, wenn du immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommst, kannst du entweder umkehren oder einen neuen Weg suchen“, so die Ärztin.

In Wanzleben geht es weiter

Dieser neue Weg führte sie nach Wanzleben, wo es zufällig einen neuen Kassenarztsitz für eine Internistin gab. Hier wollte Zemlin einerseits die diabetologische Schwerpunktpraxis mit Fußambulanz weiter betreiben und außerdem weiter- und ausbilden, so wie zuvor in Magdeburg.

1997 ließ sich die Diabetologin in Wanzleben nieder und gründete die Unikarat-Wundakademie, über die sie Seminare und Fortbildungen in ihrer Praxis am Darrhof anbietet.

Hier werden hauptsächlich Menschen mit diabetischen Nervenschädigungen an den Füßen behandelt und geschult, aber auch Patienten mit neuropathischen Schädigungen anderer Ursache wie der offene Rücken oder Querschnitzgelähmte, so Zermlin. Es gehe darum, den Menschen zu zeigen, wie es im Leben weitergeht, wenn man an den Füßen nichts mehr merkt. Mit Hilfe von exakter Klassifikation, kompetenter Infektbekämpfung, entsprechender Druckentlastung und Schuhtechnik sowie Patientenschulungen und Wundbehandlung in der poststationären Behandlung sei es oft möglich drohende Amputationen zu verhindern.

Der Bedarf an kompetenten Angeboten in der Diabetologie steige rasant. „Fast in allen westlichen Industrieländern nehme die Anzahl der Erkrankungen an Diabetes Typ 2 aufgrund falscher Ernährung und mangelnder Bewegung zu. Die Patienten würden immer jünger. Einige müssten sich bereits in den 20ern einer Amputation unterziehen. „Das müsste alles nicht sein“, sagt Zemlin.

Deutschlandweit bekannt

Ihren 75. Geburtstag feierte die Ärztin im Februar dieses Jahres, im nächsten ihr 50. Dienstjubiläum. Unter Podologen sei Zemlin deutschlandweit bekannt, auch ihre Patienten würden aus der gesamten Bundesrepublik kommen. „Einige zeigen sich erstaunt, wie schön es hier in der Börde ist“, so Zemlin. Auch junge Menschen aus Österreich, der Schweiz, Indien und Russland hospitieren regelmäßig in der Praxis von Carola Zemlin.

„In Wanzleben haben wir Glück mit der medizinischen Versorgung. An Behandlungsangeboten mangelt es bisher kaum, nicht so wie in vielen anderen ländlichen Gebieten“, zeigt sich Wanzlebens Bürgermeister Thomas Kluge erfreut. Zudem würden die ansässigen Medizinier ihre Nachfolge meistens noch selbst regeln. Das laufe bisher sehr gut, so Kluge weiter. Auch Zemlin sagt: „Sollte ich doch irgendwann aufhören, dann erst, wenn ich eine geeignete Nachfolge gefunden habe.“