Wanzleben l Diesen frühen Samstagabend werden die Wanzleber Melanie Joch (27) und Ronny Buch (29) ewig in Erinnerung behalten. Die hoch schwangere Frau und ihr Liebster sind am diesem 28. Juli in ihrem Haus in der Sarrestadt voller Unruhe. Zweimal waren sie an diesem Tag bereits in der Landesfrauenklinik Magdeburg und zweimal wurden sie von der Hebamme wieder nach Hause geschickt. Mit der Begründung, es sei noch nicht so weit mit der Entbindung. Eine Einschätzung, die sich schlagartig ändern sollte.

Am frühen Abend nimmt die Frequenz der Wehen deutlich zu, sie setzen jetzt alle drei Minuten ein, erinnert sich Melanie Joch. Sie und ihr Lebensgefährte entschließen sich, den Rettungswagen zu rufen. Alleine wollen sie das Risiko nicht eingehen und mit dem Auto nach Magdeburg fahren.

Rettunsgwagen stoppt am Straßenrand

Wenig später stehen Notfallsanitäter Bernd Linke (52) und seine Kollegin, Rettungssanitäterin Anne Hotwagner (30), von der Krankentransport und Rettungsdienst Ackermann GmbH Bottmersdorf vor der Tür. Sie nehmen die junge Frau in Augenschein, beruhigen sie und entscheiden sich, sie zur Entbindung in die Landesfrauenklinik nach Magdeburg zu fahren. „Die Wehen kamen jetzt alle drei Minuten, die Fruchtblase war noch geschlossen. Einem Transport stand also nichts im Wege“, sagt Linke. Er setzt sich ans Steuer des Rettungswagens und fährt mit Blaulicht von Wanzleben in Richtung Landeshauptstadt. Neben ihm auf dem Beifahrersitz hat Annett Joch, die Mutter von Melanie, Platz genommen, um ihre Tochter auf der Fahrt in die Klinik zu begleiten. Anne Hotwagner betreut hinten im Wagen die Patientin. „Das erschien uns die beste Lösung. Anne ist auch eine junge Mutter und konnte so mit ihren Erfahrungen Melanie beruhigen“, sagt Linke.

Bilder

Der Rettungswagen verlässt auf seiner Fahrt nach Magdeburg Wanzleben. Linke fährt auf der Landstraße 50 in Richtung zur Autobahn 14, als ihn aus dem mobilen Behandlungsraum von seiner Kollegin Anne Hotwagner das Signal erreicht, dass die Geburt kurz bevor steht. Nach dem Stemmer Berg stoppt er den Wagen und eilt zu Melanie Joch. Als am höchsten qualifizierter Sanitäter übernimmt Linke die Behandlungsregie. Kurze Zeit später erblickt um 18.10 Uhr Romy Emilia Buch das Licht der Welt. Der neue Erdenbürger wiegt 3140 Gramm und ist 49 Zentimeter groß. Die Geburt dauert nur drei Minuten und verläuft ohne Probleme. Linke durchschneidet mit einer Schere die Nabelschnur und legt das Neugeborene auf den Bauch der überglücklichen Mutter.

„Wir hatten keine andere Variante mehr, als das Kind im Rettungswagen am Straßenrand auf die Welt zu holen“, erinnert sich Linke. Zur Sicherheit fordert er per Funk über die Einsatzleitstelle einen Notarzt an. Der schwebt mit dem Rettungshubschrauber Christoph 26, der am Städtischen Klinikum Magdeburg stationiert ist, am Stemmer Berg ein. Der Arzt begleitet die Fahrt von Mutter und Kind in die Olvenstedter Klinik.

Wiedersehen mit dem Geburtshelfer

Wenige Tage später treffen sich Melanie Joch, Ronny Buch, Anne Hotwagner und Bernd Linke wieder. Die junge Mutter hat mit ihrem kleinen Mädchen mittlerweile das Krankenhaus verlassen. Beide sind wohlauf. „Im Krankenhaus war ich nur als die Krankenwagengeburt bekannt“, erzählt sie und blickt dabei Linke und Hotwagner abwechselnd freudestrahlend in die Augen. „Ich bin mal gespannt, welcher Ort in der Geburtsurkunde von Romy Emilia stehen wird“, sagt sie. Linke holt die Schere hervor, mit der er die Nabelschnur durchtrennte und schenkt sie der Mutter. „Die Schere bekommt hinter Glas in einem Bilderrahmen einen Ehrenplatz“, sagt eine von ihren Gefühlen überwältigte Melanie Joch. Wie Linke noch berichtet, war es das zweite Mal, dass er in einem Rettungswagen ein Baby zur Welt holte. Das erste Kind erblickte unter seinen Händen genau an der selben Stelle am Stemmer Berg vor 20 Jahren das Licht der Welt. Insgesamt waren es bislang sechs Babys, deren Geburt er begleiten durfte. „Wir haben oft mit Leid und Tod von Menschen zu tun. Da ist die Geburt eines Kindes doch etwas ganz Besonders“, sagt er.

Bernd Linke arbeitet seit 26 Jahren im Rettungsdienst. Sein berufliches Rüstzeug holte er sich bei seiner Ausbildung zum Krankenpfleger im damaligen Krankenhaus Bahrendorf, das für den früheren Kreis Wanzleben zuständig war. Nach etlichen Qualifikationen ist er nunmehr Notfallsanitäter. Ein Ausbildungsberuf, der vor wenigen Jahren geschaffen wurde. Mittlerweile ist Linke in der Lehrrettungswache selbst für die Ausbildung zuständig. Die Krankentransport und Rettungsdienst Ackermann GmbH mit ihren Rettungswachen in der Stadt Wanzleben-Börde (Bottmersdorf) und in der Einheitsgemeinde Sülzetal (Osterweddingen) sichert rund um die Uhr die Notfallversorgung in diesen Gebieten des Landkreises Börde ab.