Geschichten vom Gleis: Gunter Czyrnik aus Eilsleben hat Episoden eines Lokführerlebens in ein Buch gesteckt

Heiteres von Heilbutten und dem "Lukenpisser"

Von Ronny Schoof

"Wenn einer eine Reise tut ...", sagt der Volksmund so schön. Gunter Czyrnik war von Berufs wegen viel unterwegs - als Steuermann an Bord von Dampfloks. Erlebnisse, vornehmlich der amüsanten Art, hat er in einem Buch festgehalten.

Eilsleben l Gunter Czyrnik, heute 64 Jahre alt, hat den Kindheitstraum vieler kleiner Jungen gelebt. Er ist Lokführer geworden. Mit schöner heiler Eisenbahnwelt hatte das zwar weniger zu tun, wie sich herausstellte, und es war auch mehr eine Profession mangels in Frage kommender Alternativen. Doch erlebt hat er auf der Schiene so manche Anekdote. Geschichten vom Gleis. Seine ganz persönlichen Erinnerungen hat er in kurzen Episoden niedergeschrieben und 2011 zu einem Buch zusammengefasst, Titel: "Die letzten Tage der Dampflok".

Die Überschrift des 150 Seiten starken Bands darf zweideutig verstanden werden. Zum einen spielt er auf die vergangene Zeit der schnaufenden Stahlrösser an, die in der Moderne nur mehr nostalgischen Wert haben. Andererseits nennt Czyrnik damit auch den Startpunkt für die Arbeit, die ihn Jahre später zur Autorenschaft des eigenen Buches führen sollte: "In den letzten Tagen meines Dienstes als Lokführer habe ich angefangen, diese Geschichten zu schreiben." 33 an der Zahl sind es geworden. Die meisten aus dem regionalen Umfeld des Eilslebers, denn er bediente sein Fahrtenrevier hauptsächlich im heutigen Sachsen-Anhalt, Anschlussstrecken in alle Himmelsrichtungen und auch ins damalige "Ausland" inbegriffen.

Wenngleich Gunter Czyrnik immer wieder durchaus kritische Blicke auf seinen Berufsstand und dessen Umfeld damals wie heute richtet, so will er das keinesfalls falsch verstanden wissen.

Loderndes Dampflokherz weckte die Leidenschaft

Denn ihm wohnt letztlich auch eine große Begeisterung dafür inne, insbesondere für die rasselnden Dampfmaschinen. Eine Liebe, die während eines Schulpraktikums beim Betrachten des lodernden Feuerglutkessels und dem schweren Anfahren des fauchenden Ungetüms entflammte. "Das war schon stark und prägte."

Czyrniks größte Leidenschaft von kleinauf gilt dem Malen und Zeichnen - ein Talent, das ihm in die Wiege gelegt wurde, es aber beruflich nie nutzen sollte, obwohl Wunsch und Wille vorhanden waren. Porzellanmaler in Meißen wollte Gunter Czyrnik werden, bekam im letzten Moment jedoch eine Absage erteilt: "Mir wurden mangelhafte Russischkenntnisse bescheinigt." Der junge Mann wurde mitsamt seines Traums Opfer einer ideologischen Idiotie - und erfuhr wenig später, als er sich mithilfe des Vaters, der als Heizer bei der Bahn arbeitete, für die Lokführer-Laufbahn entschieden hatte, eine Ironie des Lebens: "War ich zunächst froh, in diesem Berufszweig wenigstens auch das lästige Fach Russisch los zu sein, stellte sich das als Irrtum heraus. Es verfolgte mich in der Berufsschule noch zwei Jahre lang - mit einem peniblen, in Moskau studierten Lehrer."

Im großen Reich des Ostens könnte sich Gunter Czyrnik bis heute nicht in dessen Muttersprache verständigen, wie er auch in seinem Vorwort süffisant zugibt, aber die Ausbildung hat er dennoch erfolgreich überstanden. Ebenso die Zeit beim "VEB Gleichschritt", der Nationalen Volksarmee, wo ihm sein künstlerisches Talent unerwarteterweise zugute kam und für den ein oder anderen zusätzlichen Heimatbesuch sorgte. Über den Werdegang Bahnschlosser, Heizer, Lokführer pilotierte er also eines Tages die Schienenroller durch die Republik. Bis zum Alter von 55 Jahren steuerte Czyrnik dampfende, dieselbetriebene und elektronisch versorgte Lokomotiven vom Personen-D-Zugbetrieb bis zum Güterwaggonverkehr.

Eine Menge Arbeit, aber auch gewisse persönliche Erfüllung"

"Zuletzt war es aber ein übermäßig stressiger Job mit Nachtschichten, Überstunden und Bereitschaftsdiensten am Fließband, wenig Schlaf und noch weniger Freizeit." Czyrnik nahm eine Vorruhestandsregelung in Anspruch - und legte erste Hand an die Arbeitsmemoiren. Einige Episoden hat er in jüngerer Vergangenheit bereits im Amtsblatt der Oberen Aller veröffentlicht. Und im vorigen Jahr entschloss er sich, das Gesamtpaket seiner Eisenbahnerinnerungen in ein Buch zu stecken. "Das war auch so ein gehegter Wunschtraum. Es ist zwar mit jeder Menge Arbeit und vielen, vielen Stunden verbunden, doch es bedeutet in gewisser Weise auch eigene Erfüllung und eignet sich außerdem hervorragend als persönliches Geschenk für meine Freunde und Bekannten."

Den Anstoß habe die Lektüre des Romans "Auf den Flügeln der Morgenröte" vom Ummendorfer Pfarrer Gunther Hirschligau gegeben, für dessen Bücher Czyrnik die Illustrationen anfertigt: "Als ich das gelesen hatte, fasste ich den Mut, auch meine Geschichten als Zeitzeuge ausführlicher zu Papier zu bringen. Hatte ich anfangs noch Zweifel, ob die Menge für ein Buch ausreichen würde, so kamen mit dem Schreiben dann zahlreiche Erinnerungen zurück, und die Episoden entstanden wie von selbst."

Lustig ist Trumpf

Hilfe bei der Erstellung leistete Czyrniks Sohn Thomas, der sich um das Layout und die technischen Aufgaben kümmerte. Beteiligt als Korrekturleserin der Manuskripte war zudem des Schreibers ehemalige Lehrerin Marianne Sauer. "Beiden möchte ich an dieser Stelle nochmals ausdrücklich danken", so Czyrnik.

Wie meist bei solch kleinen Schriftwerken ist Czyrnik sein eigener Verleger, hat sich auf eigene Faust eine Druckerei gesucht und eine Erstauflage von 200 Exemplaren geordert. Im freien Handel gibt es das Büchlein daher nicht. Der Hobbyautor bietet es bei öffentlichen Veranstaltungen, zuletzt beim Eilsleber Nikolausmarkt, an. Oder man ruft ihn bei Interesse einfach an.

Das inhaltliche Augenmerk liegt eindeutig auf den heiteren Aspekten aus knapp 40 Jahren Gleiserfahrung. "Es ist kein gehobenes Werk, ich schreibe so, wie es war und garniere das mit eigenen Eindrücken. In erster Linie habe ich versucht, alles lustig rüberzubringen." Es finden sich darin Anekdoten, die von der Branche früher schon in legendärer Weise an den Bahnhofsstammtischen wiedergegeben wurden - unter anderem die amüsante Geschichte um den "Lukenpisser". Czyrniks persönlicher Favorit dreht sich um eine Zugladung Heilbutte, die ihm am Ende "aus den Ohren herauskamen".

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