Barockes Kleinod wurde am Montagabend nach einem Festgottesdienst an neuem Standort gezeigt Jubel in der Marktkirche: Taufstein ist zurückgekehrt
Oschersleben l Am Montag war für Pfarrer Friedrich von Biela nicht nur wegen des Jubiläums der Reformation ein wahrer Freudentag. Denn am Abend des 31. Oktobers kehrte auch ganz offiziell ein Kleinod zurück in die St. Nicolaikirche in Oschersleben. Zu seinem 350. Stiftungstag wurde der barocke Taufstein vor der Gemeinde nach einem Festgottesdienst erstmals wieder gezeigt.
Zur Feier dieses außergewöhnlichen Anlasses wurde sogar die ein oder andere Flasche Sekt geköpft. Jeder wollte im Anschluss das guterhaltene Beispiel barocker Steinmetzkunst aus der Nähe betrachten. Kinder tasteten mit ihren Händen die feingearbeiteten Figuren und die Inschrift ab und staunten.
"Der Taufstein muss recht wertvoll sein", sagte Friedrich von Biela nach dem Gottesdienst. "Wir vermuten, dass ihn derselbe Steinmetz schuf, der die Ratslaube an der Südseite des Halberstädter Ratshauses gefertigt hat."
Nun stehen zwar zwei Taufsteine im Kirchenschiff der Marktkirche, doch für den Pfarrer stellt das kein organisatorisches Problem dar. "Wir werden in der Regel weiterhin unseren anderen Taufstein benutzen", so von Biela. Der andere Taufstein ist 1881 geschaffen worden, feiert also dieses Jahr ebenfalls Jubiläum. "Also es wird keinen extra Mädchen- und Jungen-Taufstein geben. Wir werden den neuen sicherlich auch nutzen."
In der Marktkirche finden Jahr für Jahr um die 20 bis 25 Taufen statt. "Davon sind die Hälfte Erwachsene, die andere Hälfte Kinder", klärte der Geistliche auf.
Am Sonnabend zuvor wurde der Stein von der Taufkapelle in die Nicolaikirche umgesetzt. Schwerstarbeit, bedenkt man die Maße des Stücks. Denn dafür wurde er in drei Einzelteile zerlegt, die insgesamt mehr als 300 Kilogramm wiegen. "Fachmännisch unterstützt hat uns dabei der Oschersleber Steinmetz Michael Reckling", sagte Friedrich von Biela. Dem Umsetzen sei ein wahrer Behördenmarathon vorausgegangen. Denn es bedarf vieler Unterschriften, will man einen 350 Jahre alten Taufstein versetzen lassen.
"Wir brauchten nicht nur ein restauratorisches Gutachten und eine denkmaltechnische Genehmigung, sondern auch eine kirchenrechtliche Genehmigung. Das letzte wichtige Dokument kam vor gerade einmal zehn Tagen", erklärte er den Grund des langen Wartens. Nach seiner Predigt dankte der Pfarrer insbesondere Michael Reckling für dessen Engagement, aber auch den eigentlichen Stiftern. Denn der Stein ist auch eine Erinnerung an die Spendenbereitschaft der Oschersleber Bürger für ihre Kirche.
Nur wenige Jahre nach dem Ende des 30-jährigen Krieges traf Oschersleben 1659 die schwerste Katastrophe seiner Stadtgeschichte. Von 265 Häusern brannten 206 nieder. Außerdem fielen auch die Schule, das Pfarrhaus und die Nicolaikirche, deren Inneneinrichtung völlig vernichtet wurde, den Flammen zum Opfer.
Trotz der unbeschreiblichen persönlichen Not setzten die Bürger alles daran, die Marktkirche schnell wieder benutzbar zu machen.
Ein Teil der Stadt, die Dammvorstadt, war damals wie durch ein Wunder vom Brand verschont geblieben. Neben ihrem Einsatz, die Not ihrer Mitbürger zu lindern, stifteten die dort lebenden Oschersleber 1661 aus Dankbarkeit einen wertvollen Taufstein, der in seiner barocken Pracht ein Zeichen für die große Opferbereitschaft der "Dammleute" ist. Er trägt die Widmung: "Zur Ehre Gottes haben semptliche Damleute hieselbst diesen Taufstein gegeben, Anno 1661, den 1. Martii."
Nach dem Bau der jetzigen Nicolaikirche im Jahr 1881 passte der barocke Taufstein jedoch nicht mehr zum Stil der neugotischen Hallenkirche. Daher wurde er in die Taufkapelle umgesetzt und ist dort noch jahrzehntelang als Taufstein benutzt worden.
Am Montag waren dann alle sichtlich begeistert, dass der Taufstein nun einen allen Besuchern sichtbaren Platz zurückerhielt. Er steht in der Nähe des Grabsteines von Samuel Gelhudius, der den Wiederaufbau der Marktkirche von 1660 an erfolgreich leitete. Übrigens wird überlegt, einen beweglichen Altar zwischen die beiden Taufsteine zu setzen.