Wanzleben l Im gesellschaftlichen Leben ist die Volkssolidarität heute fest verankert. 113 Mitglieder sind es in der Ortsgruppe Wanzleben, die sich regelmäßig im Haus der Volkssolidarität in der Rudolf-Breitscheid-Straße 7 treffen. Eigentlich finden hier bis zu fünfmal in der Woche Veranstaltungen statt. Frauen und Männer singen gemeinsam im hauseigenen Chor, bowlen, spielen Karten oder Bingo. Auch um Anlässe außerhalb des festen wöchentlichen Programms wie beispielsweise Vorträge oder das Kartoffelfest kümmert sich die Vorsitzende der Ortsgruppe Helga Wiegel.

Seit März kein Programm

Die 79-Jährige weiß, dass viele Mitglieder das Angebot in der Begegnungsstätte der Volkssolidarität während der Corona-Pandemie vermissen. Nur der Frauentag wurde am 10. März noch gefeiert. Seitdem steht das Leben im Haus der Volkssolidarität in Wanzleben still. „Die Mitglieder sind traurig, wir halten ja weiter Kontakt, viele sind einsam“, weiß Helga Wiegel. „Wann können wir wiederkommen?“ - diese Frage hört die Ortsgruppenvorsitzende leider sehr oft. Der überwiegende Teil der Mitglieder sei älter als 75 Jahre und gehöre zur Corona-Risikogruppe, weshalb in der Pandemie besondere Vorsicht geboten sei. „Doch sie sind mitunter eben auch sehr allein. Da fehlen Gesellschaft und Unterhaltung“, sagt Wiegel, die sich seit 1996 in der Ortsgruppe engagiert. 2004 übernahm sie den Vorsitz.

Im Rahmen des Jubiläums waren eigentlich Feierlichkeiten geplant, zu denen auch langjährige Mitglieder und besonderes Engagement in der Ortsgruppe Wanzleben ausgezeichnet werden sollten. Das erledigt Helga Wiegel jetzt einzeln von Haustür zu Haustür mit Blumenstrauß und kleinen Geschenken. „Die größeren Veranstaltungen zum Jubiläum sollen 2021 nachgeholt werden, sobald das wieder möglich ist“, sagt Horst Riethausen, stellvertretender Vorsitzdender des Regionalverbandes Ohre-Börde.

Zwei Millionen Mitglieder in den 80er Jahren

In ihrer Geschichte hat die Volkssolidarität allerhand erlebt. Ihre Gründungsurkunde wurde 1945 in Dresden unterzeichnet. Menschen unterschiedlichen Alters sowie verschiedener Weltanschauungen und Religionen schlossen sich zusammen, um der Not nach dem Zweiten Weltkrieg etwas entgegenzusetzen. In der DDR rückte die „offene Altenarbeit“ in den Vordergrund. Der Verband wurde zwischen 1960 und 1980 zu einer Massenorganisation mit bis zu zwei Millionen Mitgliedern. Heute kommt der Regionalverband Ohre-Börde auf rund 2200 Mitglieder mit rund 350 ehrenamtlichen Mitarbeitern. „Seit den 70er Jahren versorgte die Volkssolidarität in Wanzleben die Menschen mit Essen und brachte Mahlzeiten in die Haushalte“, weiß Horst Riethausen. Zudem hätten Hauswirtschaftspflegerinnen bei hilfsbedürftigen Menschen sauber gemacht. Auch die zwischenmenschliche Begegnung gehöre seit je her zu den Kernaufgaben der Volkssolidarität, so Riethausen. 1993 schlossen sich die Verbände Oschersleben und Wanzleben zusammen. „Nach der Wende mussten wir uns neu formieren“, sagt der stellvertretende Beiratsvorsitzende. Darum sei die ambulante Pflege mit in das Spektrum aufgenommen worden, so auch im Haus der Volkssolidarität in Wanzleben, in dem sich ebenso elf Wohneinheiten für betreutes Wohnen befinden. Seit 1995 gehört der Volkssolidarität das Haus in der Rudolf-Breitscheid-Straße. Es wurde 1998 großflächig saniert und umgebaut. Vorher war der Verband in der Wanzleber Burg ansässis, die nach der Wiedervereinigung von den ursprünglichen Besitzern wieder in Betrieb genommen wurde.

Helga Wiegel konnte in den vergangenen 24 Jahren beobachten, wie die Mitglieder in der Ortsgruppe Wanzleben immer weniger wurden. „Damals gab es noch drei Gruppen mit insgesamt etwa 500 Leuten“, erinnert sie sich. Viele seien verstorben oder mittlerweile im Pflegeheim. „Unsere Mitglieder sind mit uns alt geworden, aber leider bekommen wir den Verjüngungsprozess nicht hin“, sagt Riethausen. Mittlerweile sei die Vereinslandschaft so vielfältig, dass sich jeder daraus etwas eigenes aussuchen könne.

Mitgliederzahlen sinken

Doch trotz sinkender Mitgliederzahlen gehört die Volkssolidarität mit ihrem breiten Angebot als Begegnungsstätte, ambulanter Pflegedienst, Hilfe im Haushalt, mit der mobilen Essensausgabe sowie der Organisation von Ausflügen immer noch zu den bedeutenden Institutionen für das gesellschaftliche Leben in Wanzleben. „Bei der Volkssolidarität heißen wir alle Interessierten willkommen“, sagt Horst Riethausen.