Seehausen l Wenn der evangelische Pfarrer Thomas Seiler aus Seehausen/Börde in diesen Tagen an die St. Paulskirche denkt, treibt es dem 64-Jährigen die Sorgenfalten auf die Stirn. „Ja, die Kirche ist einsturzgefährdet. Am Turm klaffen tiefe Risse, die sich bis ganz nach oben ziehen“, beschreibt der Pfarrer die gravierendsten Schäden an dem Gotteshaus. Wegen dieser Schäden haben sich der Gemeindekirchenrat und Pfarrer Thomas Seiler schweren Herzens dazu entschlossen, die St. Paulskirche und das Kirchengelände für Besucher zu sperren. Die Kirche St. Peter und Paul in Seehausen, wie das Gotteshaus ganz offiziell heißt, gehört zu einem der 56 romanischen Bauwerke auf der Südroute der Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt.

Die Sperrung der St. Paulskirche kann noch etliche Zeit dauern, da die zunächst geschätzten Kosten enorm sind. Laut eines Gutachtens des Seehäuser Statikers Jörg Weisel, das er für den Förderverein Seehäuser Kirchen erstellte, liegen die Kosten für die Sanierung des Gotteshauses bei mehr als einer Millionen Euro. Nicht nur, dass der Kirchturm tiefe Risse aufweist und etliche Steine im alten Mauerwerk fehlen. Auch die Standfestigkeit des Kirchturm ist gefährdet. Wie Pfarrer Seiler sagt, neigt sich der Turm zur Seite, da der Untergrund immer mehr nachgebe. Nach seinen Worten sei in einem sehr aufwändigen Verfahren geplant, Beton in den Untergrund zu pumpen, um diesen zu verfestigen.

Neben der St. Paulskirche hat die Stadt Seehausen/Börde am Marktplatz weiterhin die Kirche St. Laurentius, die vor dem Verfall gerettet wurde. Nach der Wende konnte die Kirchengemeinde 1991 zunächst die Sakristei wiederaufbauen und 1997 den Turm im Inneren sanieren. Im Jahr 2018 ließ die Kirchengemeinde von Baufachleuten aus Quedlinburg die Marktseite der Kirche sanieren. Die Südseite der Kirche St. Laurentius soll im diesem Jahr instand gesetzt werden. Dafür sind Kosten in Höhe von 102 000 Euro veranschlagt. Die Finanzierung ist noch nicht vollständig gesichert, so dass die Kirchengemeinde noch um Spenden bittet.

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„Wir dürfen uns nicht verzetteln. In diesem Jahr steht die Sanierung der Südseite der St. Laurentius Kirche auf unserem Plan. Danach kümmern wir uns um die Instandsetzung der St. Paulskirche“, setzt Pfarrer Seiler Prioritäten beim Erhalt der beiden Gotteshäuser in Seehausen. Wobei er noch nicht wisse, wie die hohen Kosten von mehr als einer Millionen Euro von der Kirchengemeinde zu stemmen seien.

Die Rettung der St. Paulskirche Seehausen war kürzlich auch Thema der jüngsten Sitzung des Stadtrates Wanzleben. Martin Heine, Seehäuser und CDU-Fraktionsvorsitzender, machte seine Stadtratskollegen auf den schlechten Zustand der Kirche aufmerksam. Wie er sagte, sei das öffentliche Interesse an dem Bauwerk vorhanden, da es an der Straße der Romanik liege. Daher sei eine „positive Begleitung“ der Stadt Wanzleben bei der Sanierung nicht verkehrt. „Die Krux ist, dass Seehausen zwei Kirchen hat“, sagte Ortsbürgermeister und Stadtratsmitglied Eckhard Jockisch (Freie Wähler).

Bau der St. Paulskirche im Jahr 830

Die erste urkundliche Erwähnung der Kirche St. Paulus, die auch als St. Paulskirche bekannt ist, fand im Jahr 1148 statt. Ihr Bau geht vermutlich auf die Jahre um 830 und auf das Engagement eines Bischofs von Halberstadt zurück. Im Wesentlichen setzt sich das Gemäuer der Kirche aus Bruchsteinen zusammen, was ihre romanische Herkunft bekräftigt. Demzufolge, sind viele architektonische Bestandteile im Kircheninneren vorzufinden, die auf die Zeit der Romanik verweisen.

Dazu zählen beispielsweise der massive Westturm, die Apsis oder das Querschiff der Kirche, welche bis heute im guten Zustand sind. Aufgrund der beeindruckenden Größe des Westturms ist anzunehmen, dass der Turm zur Abwehr von Feinden oder ähnlichem diente.

Im 16. oder 17. Jahrhundert entschieden sich Kirchenverantwortliche für eine zeitgemäße Anpassung der Innenausstattung sowie für die Instandsetzung einzelner Elemente. Ein Grund, warum die Empore aus Holz beispielsweise dem Baustil der Renaissance zuzuordnen ist.

Während des Zweiten Weltkriegs diente das Gotteshaus einem anderen Zweck, der bis heute unklar blieb. Da der Turm früher der Abwehr von Eindringlingen diente, liegt die Vermutung nahe, dass das Gebäude während des Kriegs ein Waffenlager war. Jedoch fungierte es, dank seiner Massivität, möglicherweise auch als Lazarett. Nach Ende des Kriegs setzte sich Pfarrer Hüllmann dafür ein, der Kirche ihre eigentliche Funktion zukommen zu lassen, was gelang.

Vor der Sperrung fanden in der St. Paulskirche Seehausen neben Führungen und Besichtigungen auch Hochzeiten und Taufen statt.