Wernigerode l „Heiko“ – das dürfte bei ganzen Schülergenerationen für blaue Finger und kratzende Geräusche stehen. Mit dem Schulfüller aus Wernigeröder Produktion in der Federtasche konnte man in der DDR keinen Beliebtheitspreis gewinnen. Besser hatten es die Kinder, deren Eltern ihnen mit Westgeld oder entsprechender Verwandtschaft einen Pelikan-Füller besorgen konnten.

„Man war sich schon bewusst, dass die Füllhalter schlechter waren“, sagt Peter Witteweg, der seit 1975 im VEB Schreibgerätewerk beschäftigt war. Dass viele Eltern für ihre Kinder einen Pelikan-Füller vorzogen, sei auch den politisch Verantwortlichen nicht verborgen geblieben. Die Erkenntnis war der Startschuss für den Heiko Primus, das Topmodell der damaligen Füller-Palette aus Wernigerode.

„Wir wollten zeigen, dass man auch in der DDR gute Produkte bekommt“, sagt der gelernte Werkzeugmacher und studierte Maschinenbauer. Das Ergebnis war ein Füller, der dem großen Westkonkurrenten Pelikano zum Verwechseln ähnlich war. „Praktisch ein Nachbau“, so Witteweg.

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Wie der Pelikano sollte der Primus eine Kappe aus Metall haben und vor allem ein deutlich besseres Schreibbild aufweisen. Das gelang den Ingenieuren durch einen Wechsel der Herstellungstechnik beim Tintenleitsystem, dem Herzstück eines Füllers.

West-Unternehmer zeigt Interesse an Ost-Paten

Das kleine Kunststoffteil mit den filigranen Lamellen sei bis dato gefräst worden, berichtet Witteweg. Mit dem Primus ging man auch bei Heiko zur modernen Spritztechnik über. Die habe ein deutlich saubereres Endprodukt erzeugt, was wiederum weniger Kleckern und einen gleichmäßigen Tintenfluss bedeutete.

Doch der in den 1980er-Jahren entwickelte Primus konnte den VEB nach dem Ende der DDR nicht retten. Pelikano und Geha-Füller waren plötzlich überall verfügbar, da konnte selbst das Heiko-Topmodell nicht mehr mithalten. Der Betrieb ging in Konkurs, die fast 500 Mitarbeiter waren von Arbeitslosigkeit bedroht.

Dann kam ein Herr Schneider aus dem Schwarzwald und zeigte sich vor allem an den Patenten der Wernigeröder interessiert. Anders als die Kundschaft, die von den Füllern mit dem schlechten Image ab 1990 nichts mehr wissen wollte, wusste Roland Schneider, der Inhaber des gleichnamigen Schreibgeräteherstellers aus Tennenbronn im Schiltachtal, die Ingenieursleistungen aus dem Harz zu schätzen.

Das Tintenleitsystem passte hervorragend ins Portfolio des Familienunternehmens, das sich bis dahin vor allem mit der „guten Schneider-Mine“ für Kugelschreiber einen Namen gemacht hatte. Und so kaufte Schneider die wertvollen Teile der Heiko-Konkursmasse.

Peter Witteweg hatte damals mit seinen Kollegen noch in der Weinbergstraße gearbeitet, dort wo heute das Teutloff-Bildungswerk seinen Sitz hat. Für die Produktion sei der Standort ungünstig gewesen. Mehrere Gebäude und Etagen sorgten für lange Wege und schwierige Kommunikation. Das Unternehmen, das nun einer von drei Schneider-Standorten geworden ist, erhielt in einen Neubau im Gewerbegebiet Stadtfeld.

Stifte für den chinesischen Markt

Dort wird noch heute mit etwa 125 Mitarbeitern produziert. Die Wernigeröder ergänzen die Produktpalette aus dem Stammwerk in Tennenbronn, sagt Witte. Die Spezialität aus dem Harz seien dabei „Schreibgeräte mit geregeltem Tintenleitsystem“ – eben das, womit sich die Heiko-Ingenieure viele Jahre beschäftigt hatten.

Ein großer Teil der Waren geht mittlerweile ins Ausland. Ganz oben auf der Käuferliste steht dabei China. Dort ist in den vergangenen Jahren der Markt für höherwertige Produkte gewachsen, während die heimische Billigproduktion immer weniger Abnehmer im Inland findet.

„Made in Germany ist sehr beliebt“, sagt Witteweg. Auf die besonderen Wünsche der Kunden in Fernost geht Schneider auch ein. In China würden feinere Federn nachgefragt, sagt Witteweg. Deutsche Schüler bevorzugten hingegen mittlere und Erwachsene breite Federn.

Schüler gehören nach wie vor zum Hauptaugenmerk der Wernigeröder, auch wenn sich die Produktpalette seit dem Ende der Heiko-Produktion stark erweitert hat und klassische Füller nur noch eines von vielen Erzeugnissen sind. Was früher der Heiko-Schulfüller war, ist heute der „Base Kid“.

Der farbenfrohe Füller hat auch äußerlich nichts mehr mit den einfarbigen Plastikröhren aus Heiko-Zeiten gemein. Entwickelt hat ihn unter anderem Michael Klehm. 1987 hat der heutige Produktmanager bei Heiko angefangen. Als „Formgestalter“ arbeitete er damals an der Entwicklung neuer Produkte mit.

Eine Neuentwicklung hatte Klehm zu DDR-Zeiten noch zur Nullserien-Reife gebracht. Es sollte eine Weiterentwicklung des Flagschiffs Primus werden. Doch dann kam die Wende, und selbst die mittlerweile zeitgemäßen Heiko-Füller konnten dem Druck von Pelikano und Co. nicht mehr standhalten. Heute sind Wernigeröder Füller längst nicht mehr der Standard in den Federtaschen. Oftmals würden Erstklässler gar nicht mehr mit dem Füller schreiben, sagt Michael Klehm.

Nachfrage da, trotz Digitalisierung

Dabei sei dieses Schreibgerät noch immer das beste Mittel, um die Handschrift zu erlernen. „Ich habe auch Bedenken, dass sich der Markt wegen der Lernapps verändert“, sagt Klehm. „Aber das Schreiben mit der Hand ist sehr wichtig für die Entwicklung des Gehirns.“ Dennoch, sagt Klemm, werde es wohl immer einen Bedarf an Schreibgeräten geben. „Alles spricht auch vom papierlosen Büro. Trotzdem wird immer mehr Papier verkauft.“

Um am Markt zu bestehen, müssen Klehm und seine Kollegen Design-Trends frühr erkennen. Bereits jetzt laufe die Produktion für 2016. Neonfarben werden dann in Mode sein, ansonsten sei „fast alles wieder dabei“, sagt Klehm. Einen anderen Geschmack hätten die Chinesen. Die wollten lieber einfarbige Stifte, vielleicht weil die dortige Kundschaft hauptsächlich Erwachsene sind.

Arbeit für Ingenieure und Lebenshilfe

Beim Personal geht es Schneider nicht anders als vielen Firmen in der Region. Hoch qualifizierte Mitarbeiter seien nicht mehr so einfach zu bekommen. „Das ist schwieriger geworden“, sagt Witteweg. Bei der Besetzung der restlichen Stellen gebe es aber noch keine Probleme. Neben Ingenieuren und Fachkräften in der Produktion benötigt Schneider auch Mitarbeiter für weniger qualifizierte Tätigkeiten. So müssen Stifte von Hand sortiert werden. Auch das Verpacken geschieht manuell. An vielen dieser Arbeitsplätze sind Menschen tätig, die von der Lebenshilfe betreut werden.

2016 feiern die Wernige­röder ein Doppeljubiläum. Seit 70 Jahren werden dann in der Harzstadt Schreibgeräte hergestellt, seit 25 Jahren unter dem Schneider-Logo. Auch die einst ungeliebten Heiko-Füller kommen heute wieder zu neuer Ehre. Für einen echten Heiko aus DDR-Produktion kann man bei eBay derzeit 50 Euro loswerden. Drei Original-Tintenpatronen kosten immerhin drei Euro. Zu DDR-Zeiten mussten für 16 Stück 1,40 Mark auf den Ladentisch gelegt werden.