Wernigerode l Immer wieder verschwindet die Wetterwarte auf dem Brocken. Selbst wenn man nur wenige Meter davor steht, der Nebel verhüllt den Turm auf dem höchsten Gipfel Norddeutschlands. Nur die starken Sturmböen geben ab und zu einen Blick auf das Gebäude frei.

Vor 26 Jahren 170-km-Fernsicht

„2 Grad Außentemperatur, durch den Windchill-Effekt gefühlte minus 16“, sagt Ingo Nitschke. Vor 26 Jahren, am 3. Dezember 1989, war es gänzlich anders. 170 Kilometer Fernsicht habe es auf dem Brocken gegeben, berichtet der Wetterbeobachter. Trockene Luft, strahlend blauer Himmel. Ein Wetter, das bis heute die Massen auf den Harzgipfel zieht.

Auch am 3. Dezember 1989 machten sich viele Menschen auf den Weg zum Brocken – 6000 an der Zahl. Einem Aufruf des Neuen Forums folgend, wollten sie die Freigabe des Gipfels erzwingen, der bis dahin ein streng abgeriegeltes und von der Roten Armee besetztes Areal war.

Am Adventssonntag ist alles anders

Ingo Nitschke ist am Morgen des 3. Dezember 1989 bereits auf dem Brocken. Der Wetterbeobachter hat gerade seinen Nachtdienst hinter sich gebracht. Normalerweise hätte ihn ein Kollege abgelöst, doch an diesem Tag, dem ersten Adventssonntag, ist alles anders. Nitschke hat sich schon zu Hause vorbereitet: „Ich habe eines meiner schönen weißen Laken geopfert“, sagt er. Mit brauner Farbe hat er die Forderung der Brockenstürmer vorweggenommen: „Mauer weg!“ steht auf dem Transparent.

Bilder

Der Mann mit dem Transparent

Als sich am 3. Dezember die Brockenstürmer am Kontrollposten versammeln, steht Nitschke auf dem Dach der Brockenwarte. Dann hängt er das Transparent über die Brüstung, und unten bricht Jubel aus. „Dann stehst du da oben, und unten jubeln dir die Menschen zu. Wer da keine Gänsehaut bekommt ...“ Seitdem ist Nitschke der Mann mit dem Transparent.

Das strenge Regime auf dem Brocken habe sich in den Wochen nach dem 9. November immer weiter aufgeweicht, berichtet der Schierker. Während Rote Armee, Grenztruppen und Stasi am 3. Dezember hilflos mit ansehen müssen, wie zahllose Menschen den alten Respekt verlieren und auf der Mauer herumklettern, zeigt sich das Militär am Brockenbett den Grenzstürmern gegenüber gastfreundlich. „An der Ilsenburger Kurve standen die Grenztruppen und haben Tee an die Leute ausgegeben“, sagt Nitschke.

Hinter Grenze kein Westen

Aus allen Richtungen strömen die Menschen, um die Öffnung des höchsten Harzgipfels zu erzwingen. „Viele Wessis waren dabei“, sagt Nitschke. Aus Braunschweig, Goslar und anderswo seien die Menschen ins östliche Harzvorland aufgebrochen, um in einem Sternmarsch den Gipfel zu erreichen. Ein Kuriosum der Brockenstürmung: Sie ist die einzige Grenzöffnung der Wendezeit, die nicht in den Westen führte. Die Gäste aus Niedersachsen treten ihren Heimweg wieder über die Brockenstraße an.

Stasispitzel vor die Tür gesetzt

„Ein Menschenmeer wie bei den Demos zum 1. Mai“, habe sich am 3. Dezember auf dem Brocken versammelt, berichtet Nitschke. Das ruft schließlich die Staatssicherheit auf den Plan. „Plötzlich standen Leute mit Trenchcoats und Canon-Teleobjektiven bei uns im Raum.“ Die beginnen damit, die Demonstranten von den Fenstern der Wetterwarte aus zu fotografieren. Doch Angst und Respekt gegenüber der Staatsmacht gehören längst der Vergangenheit an. Nitschkes Frau, ebenfalls Wetterbeobachterin, die am 3. Dezember zum ersten Mal auf dem Brocken arbeitet, geht auf die Stasileute zu und weist sie darauf hin, dass sie sich in Diensträumen des Meteorologischen Instituts befinden, und überhaupt herrsche im Sperrgebiet Brocken Fotografierverbot. „Die sind dann mit hängendem Kopf gegangen“, berichtet Nitschke, noch immer sichtlich amüsiert. Den Stasi-Major vom Brocken hat er Wochen später wieder getroffen – als Teil der Abrisstruppe, die die Mauerelemente vom Brocken geschafft haben. „Eine starke Truppe“ habe auf deren Lkws gestanden, erzählt Nitschke. „Aber das war keine starke Truppe, das waren Pfeifen.“

Im Sperrgebiet trotz dekadentem Lebensstil

Dass Ingo Nitschke nicht nur am 3. Dezember, sondern überhaupt seinen Dienst auf der Brockenwarte erledigen durfte, ist ihm bis heute rätselhaft. „Ich hatte damals keine Frau, keine Kinder, keine Partei und noch keinen Wehrdienst abgeleistet“, sagt er. Junge Menschen wie er galten in der DDR als fluchtgefährdet. Wer an die Grenze durfte, sollte normalerweise über enge familiäre Bindungen verfügen. Bei Nitschke kam noch mehr hinzu: „Ich hatte lange Haare und habe ab und zu in der Kneipe randaliert.“ Einen „dekadenten Lebensstil“ habe er nach DDR-Kriterien geführt. Doch schon seine Abschlussarbeit durfte Nitschke in der Brockenwarte schreiben – Thema: Sturm. Als einziger unter den angehenden Wetterbeobachtern war ihm schon immer klar, wo er später arbeiten wolle, sagt Nitschke: „Auf dem Brocken.“

Kein großes Problem sei es gewesen, vom Brockenplateau in den Westen zu flüchten. „Einmal nach Torfhaus und am Abend wieder zurück“ – das wäre nicht schwer gewesen, so Nitschke. Vor allem im Winter, wenn sich der Schnee an der Mauer zu einer Rampe auftürmte und der Nebel die Sicht versperrte, hätte man unentdeckt im niedersächsischen Harzwald verschwinden können. Trotzdem ist der damals kinderlose Single im Osten geblieben. „Ich bin in Schierke geboren und in Schierke aufgewachsen. Ich hätte damit meine Heimat verlassen, meine Kumpels, meine Freunde.“