Tanne l So ein mildes Weihnachtswetter wie dieses Jahr habe sie nur selten erlebt, sagt Anna Müller. Sie muss es wissen, sie ist stolze 97 Jahre alt, munter unterwegs und die älteste Einwohnerin von Tanne.

Zur Weihnachtszeit ließ es sich die alte Dame nicht nehmen, den im September geborenen jüngsten Tanner, William Thielecke, zu besuchen. Im Bauernhof-Café wurde über Gott und die Welt und Weihnachtsfeste geplaudert. Und der jüngste Tanner auf den Schoß genommen.

Ursprünglich stammt Anna Müller, Mädchenname Hildebrand, aus Trautenstein. Sie wurde in eine Familie mit gut bestücktem Bauernhof geboren. Das war 1918, der Weltkrieg war gerade zu Ende. Er hieß damals noch nicht der erste, weil den zweiten noch niemand ahnte. Diesen Zweiten Weltkrieg aber hat Anna dann bewusst erlebt, erlitten. Ihr erster Mann fiel 1944.

Landwirtschaft

Viele Jahre später, 1962, heiratete die Harzerin den Bäckermeister Günther Müller und zog ins Nachbardorf, nach Tanne. Ihr Trautensteiner Hof blieb zurück, von ihren braunen Harzkühen aber konnte Anna Müller nicht ganz lassen und nahm zwei mit nach Tanne. „Ich bin mit der Landwirtschaft groß geworden, das gehörte dazu“, blickt die rege Seniorin zurück und freut sich dieser Tage quasi doppelt: Weil die Harzkühe, in den 1960er Jahren verschwunden, seit der Wende wieder vielfach in der Region weiden und selbst bei Touristen sehr beliebt sind. Und auch, weil quasi pünktlich zu Weihnachten in der Familie, die der Harzkuhzucht seit Jahren maßgeblich auf die Beine hilft, Nachwuchs ankam. Das alte Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet“ braucht Anna Müller da nicht zu singen. Das Wunschkind von Sarah Thielecke (30) und Marvin Freystein (20) ist ja schon da.

Der Kleine bekommt von dem heutzutage eher seltenen Weihnachtstreff über mehrere Generationen hinweg nichts so richtig mit, fühlt sich aber sichtlich wohl bei der Mutter und auch bei Anna Müller, die das Baby zufrieden im Arm hält. Weihnachten, so freuen sich dessen Eltern, werde es ein paar besinnliche Stunden geben. Wobei, ganz ausgemacht ist das noch nicht.

Denn auf dem Hof von Brockenbauer Uwe Thielecke gibt es auch an Feiertagen viel zu tun. Kühe kennen kein Weihnachten. „Morgens Tiere füttern, ausmisten, einstreuen“, sagt Marvin Freystein, „das ist auch Heiligabend und an den Weihnachtstagen Programm.“ Nachmittags und abends noch einmal das Gleiche, ergänzt die junge Mutter, während Anna Müller wissend nickt. Bei ihr kam damals das Melken noch hinzu, sagt sie. Und setzt hinzu: Bei so viel Arbeit sei es gut, wenn die Familie zusammenhält. Und Thieleckes und Freysteins halten zusammen.

Viel Arbeit

Beide Großelternfamilien des kleinen William, Andrea und Günther Freystein sowie Susann und Uwe Thielecke, packen da ebenso mit an wie Julia Thielecke, Williams Tante, und weitere Verwandte. Gerade zu Weihnachten gebe es viel Arbeit auf einem Hof, sagt Anna Müller.

„Früher flogen überall die Daunen vom Gänserupfen durch die Luft“, erinnert sie sich lächelnd. Gänse wurden geschlachtet, gerupft, gesengt und dann gebraten. Heutzutage wird zuhause nur noch gebraten. Manches sei inzwischen anders. Trotzdem freue sie sich wieder auf das Fest samt Kirchgang.

Auch die jungen Eltern freuen sich. Es wird ihr erstes Weihnachten zu dritt. Zu dritt, aber in einer Großfamilie, die sicher gemeinsam des Fest für begehen wird.